KUNST IM OLYMP

SWR/Filmtank

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Radrennfahrer treten, was das Zeug hält, das Ziel ist nahe: Axel Gerckes Gemälde „Sprint“ macht Geschwindigkeit, Anstrengung, Willen greifbar. Auch der 33-jährige Nürnberger Künstler, der jede freie Minute auf seinem Rennrad verbringt, hat ein Ziel: Er hofft, dass sein Werk ihn nach London bringt, zum Kunstwettbewerb des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

 

Die erste Etappe schaffte Gercke bereits im Februar – als er den nationalen Kunstwettbewerb des Deutschen Olympischen Sportbunds gewann. Nun muss er sich mit den Gewinnern anderer nationaler olympischer Komitees messen. Wessen Werke schließlich in London gezeigt werden, entscheidet eine vom IOC eingesetzte Jury Ende Juni (das Ergebnis war zum Redaktionsschluss noch nicht bekannt). Seit der Olympiade in Sydney im Jahr 2000 führt das IOC einen Kunstwettbewerb in den beiden Sparten Bildhauerei sowie Malerei/Zeichnung/Druckgrafik durch. Die ersten drei Gewinner in jeder der beiden Sparten erhalten Preisgelder in Höhe von 30.000, 20.000 und 10.000 US-Dollar.
Bereits das antike Olympia weihte seine Sportfeste den Göttern, dem Spiel und den Künsten. Doch kaum jemand weiß, dass Künstler ab 1912 sogar Medaillen gewinnen konnten: Der Franzose Baron Pierre de Coubertin, Vater der Olympischen Spiele der Neuzeit, die er 1896 in Athen ins Leben rief, war erklärter Kunstfreund. Mit dem Nebeneinander von Sport- und Kunstwettkampf wollte er Körper und Geist vereinen: Von 1912 bis 1948 wetteiferten Maler, Bildhauer, Komponisten, Literaten und Architekten um Gold, Silber und Bronze. Doch zunächst war man skeptisch, schwedische Künstler verweigerten sogar die Teilnahme: Sie wollten sich nicht dem Urteil des Komitees unterwerfen.

 

Eine schwere Geburt. Coubertin selbst ging schließlich inkognito ins Rennen. Seine „Ode an den Sport“ unter den Pseudonymen George Hohrod und Martin Eschbach gewann Gold. Hohrod und Eschbach sind Orte im Elsass – Coubertin spielte seinen Schwindel später mit der Aussage herunter, er hätte die Völkerverständigung zwischen Frankreich und Deutschland fördern wollen. 1948 wurden die Kunstwettkämpfe dann eingestellt – offiziell hieß es, die Künstler seien keine Amateure, wie es die anfänglichen olympischen Grundsätze erklärten. Friedrich Mevert, Autor des Buches „Die Olympischen Spiele der Neuzeit – von Athen bis Los Angeles“, hat andere Beweggründe ausgemacht: die ideologische Inszenierung der Sport- und Kunstwettkämpfe 1936 in Nazi-Deutschland. Die Olympischen Spiele in Berlin seien der Anfang vom Ende der olympischen Kunst gewesen, sagt der Sporthistoriker und ehemalige Geschäftsführer des Deutschen Sportbundes. In London, 1948 vom Zweiten Weltkrieg schwer gezeichnet, habe die Resonanz dann den absoluten Tiefpunkt erreicht. Kultur gab es bei den Spielen weiterhin – doch kein Programm mehr vom IOC.

 

Wiedergeburt in Sydney. Doch warum hat das IOC seine Kunstwettbewerbe – wenn auch reduziert und ohne Medaillen – ausgerechnet in Sydney im Jahr 2000 reaktiviert? Die Entscheidung fiel 1999, in einem Jahr, über das der IOC-Experte Thomas Kistner schreibt: „Das Kürzel IOC hatte, schwerlich zu leugnen, keinen guten Klang mehr in der Welt.“ Der Verband sah sich wegen des Bestechungsskandals um die Vergabe der Winterspiele 2002 an Salt Lake City in seiner bislang schwersten Krise. Das Comeback der Kunst war eine der PR-Maßnahmen, die das arg angekratzte Image aufpolieren sollten.
Die Kunstausschreibung 2012 verlangt nach Werken, die das Thema „Sport und die olympischen Werte Spitzenleistung, Freundschaft und Respekt“ reflektieren. In der Londoner Guildhall Art Gallery werden die rund 20 IOC-gekürten Werke zu sehen sein. Parallel dazu begleitet die riesige „Cultural Olympiad“, von der Regierung Großbritanniens auf die Beine gestellt, die diesjährigen Spiele in London – mit 25.000 Künstlern. Fürs Finale, das „London 2012 Festival“, hat die Chef-Organisatorin Ruth Mackenzie zwei Jahre lang hart gearbeitet: Das „Tanztheater Wuppertal Pina Bausch“ zählt ebenso zum Programm wie eine Damien-Hirst-Retrospektive in der Tate Modern. Mit seinem großen Kulturprogramm darf London nach 1908 und 1948 nun das größte Sportfest zum dritten Mal ausrichten – ganz im Geiste Coubertins begleitet von vielerart Kunst.

ROBERT ZSOLNAY FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

LEBEN FÜR OLYMPIA: PIERRE DE COUBERTIN

Pierre de Coubertin wird 1863 in Paris geboren. Er studiert Rechtswissenschaften und Politische Wissenschaften. Mehr und mehr interessiert er sich für soziale Fragen und Pädagogik. Studienreisen nach Kanada, die USA und England lassen ihn zur Überzeugung kommen, die Erziehung müsste reformiert werden. Dabei spielt die sportliche Ausbildung eine zentrale Rolle. Ab 1880 tritt er für die Belebung der Olympischen Spiele ein, die der Völkerverständigung dienen sollen. 1894 gründet er das Internationale Olympische Komitee und wird dessen Generalsekretär. Am 6. April 1896 werden in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit eröffnet. Ab 1912 setzt Coubertin die olympischen Kunstwettbewerbe durch. 1913 entwirft er die Olympischen Ringe

Kategorien: Juli 2012