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„ICH KANN WIE KUNG-FU SEIN“

DG/Felix Broede

DG/Felix Broede

Sie war Alban Bergs Lulu und Richard Strauss’ Zerbinetta. Ihre einfühlsamen Interpretationen von Barockarien berühren jeden Klassikliebhaber. Heute- arbeitet die 1970 in Frankreich geborene Patricia Petibon mit Klassikgrößen wie Cecilia Bartoli und Nikolaus Harnoncourt. Am 12. Juli singt die Sopranistin beim „Festival International d’Art Lyrique“ in Aix-en-Provence die Susanna in Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“. ARTE überträgt die Oper live.

 

ARTE: Frau Petibon, man nennt Sie die Pippi Langstrumpf der Oper. Haben Sie deren Temperament?
PATRICIA PETIBON: (lacht) Pippi Langstrumpf habe ich als Kind gerne gesehen. Meine Haare sind zwar rot, aber – tut mir leid – keine Parallelen. Meine Haarfarbe ist im Übrigen echt.
ARTE: Rote Haare stehen für Mut und Leidenschaft, für Hexen und Sufragetten …
PATRICIA PETIBON: … und seit Jeanne d’Arc auch für Märtyrerinnen. Das bin ich alles nicht! (lacht) Ich bin ein normales Lehrerkind. Meine Eltern hörten Wiener Walzer und französische Operetten und haben mich als kleines Kind ins Theater mitgenommen.
ARTE: Eine künstlerische Ader zieht sich durch die ganze Familie, oder?
PATRICIA PETIBON: Ja! Meine künstlerische Ader kommt von meiner Urgroßmutter. Sie verstand, wie wichtig Kunst im Leben ist, obwohl sie arm war. Ihr Bruder hat mit Marc Chagall das Deckengemälde in der Pariser Opéra Garnier gemalt.
ARTE: Wie und wo sind Sie aufgewachsen?
PATRICIA PETIBON: In Montargis in Zentralfrankreich. Meine Mutter ist Italienerin, mein Vater Franzose. Ich bin eine Mischung: Obwohl ich in Frankreich aufgewachsen bin, habe ich mich immer unglaublich wohl in Italien gefühlt.
ARTE: Sie wollten ursprünglich einmal Kosmonautin werden …
PATRICIA PETIBON: Ich wollte zum Mond fliegen! Aber die Oper ist auch wie ein Weltraum, abgesondert von der normalen Welt.
ARTE: Sie haben dann doch ganz klassisch Musikwissenschaft studiert – warum?
PATRICIA PETIBON: Es ist sehr wichtig, die Stücke zu kennen, die man singt. Erst mit dem richtigen Verständnis kann man sie interpretieren. Musikwissenschaft zu studieren war also meine Grundlage. Eine Interpretation darf nicht museal sein, sie entspringt immer einer ganz spontanen Eingebung. Musik ist Freiheit. Das brachten mir die Dirigenten William Christie und Nikolaus Harnoncourt bei.
ARTE: Wie ist es, mit Nikolaus Harnoncourt zu arbeiten?
PATRICIA PETIBON: Nikolaus Harnoncourt ist ein Visionär, mit ihm zu arbeiten ist herrlich: Wir verstehen uns ohne viele Worte. Er ist außerdem ein fantastischer Musikwissenschaftler, aber wenn er dirigiert, ist er auf Entdeckungsreise.
ARTE: Wie haben Sie ihn kennengelernt?
PATRICIA PETIBON: Alice, seine Frau, sah mich in einem Video, in dem ich Grimassen schneide und mit extravaganten Frisuren auftauche. Ich liebe das! Wenn ich auf der Bühne bin, ist es mein Spiel, mein verrückter Moment.
ARTE: Also doch ein bisschen Pippi Langstrumpf?
PATRICIA PETIBON: Vielleicht doch. Ich liebe Experimente, absurde Komik, Überraschung. Obwohl mir bewusst ist, was ich tue, bleibt es ein Wagnis. Man weiß nie, wie das Publikum reagieren wird.
ARTE: Sie wirken fragil, fast unschuldig. Wie sollte da jemand böse sein?
PATRICIA PETIBON: Fragil? Das bin ich überhaupt nicht! Ich kann wie Kung-Fu sein. Ich bin abenteuerlustig, glauben Sie mir, ich kann ganz anders.
ARTE: Gibt es für Sie Grenzen?
PATRICIA PETIBON: Sie meinen, ob ich nackt auftreten würde? Das hängt ganz von der Inszenierung ab. Ich habe das schon gemacht, die Inszenierung war poetisch. Ich wusste, dass ich in guten Händen war. Aber wissen Sie: Im Grunde sind Sie immer nackt, wenn Sie auf der Bühne stehen. Innerlich.
ARTE: Wie werden Sie in der Neuproduktion von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ in Aix-en-Provence die Rolle der Zofe Susanna darbieten?
PATRICIA PETIBON: Fast zwei Jahre lang hatte ich mich der Lulu von Alban Berg gewidmet, nun kehre ich zu Mozart zurück und bin gespannt, wie und ob sich meine vorherige Arbeit auswirkt. Es ist eine Partie mit großer Kraft. Alle Frauenrollen Mozarts haben das, Mozart liebte die Frauen. Er ist ihr Verteidiger, ein Visionär des weiblichen Temperaments.
ARTE: Was bedeutet Ihnen die Musik Mozarts?
PATRICIA PETIBON: Mozart lässt mich an etwas Höheres glauben. Er ist ein Maler der Seele, er dringt in die Seele hinein, ins Herz, geht bis an den Rand des Abgrunds. Mit der Stimme und dem Orchester erzeugt er Farben, die ganz und gar das menschliche Dasein erfassen. Als Sängerin folge ich zwar den Anweisungen, aber darüber hinaus muss ich die Musik neu erfinden und sie neu beleben in allen Farben. Was ich nicht will, ist glatte Schönheit.

INTERVIEW: TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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PATRICIA PETIBON

1970 im französischen Montargis geboren, studierte Patricia Petibon Musikwissenschaft und schloss 1995 ihre Gesangsausbildung mit einem ersten Preis am Pariser Konservatorium ab. Ihr Debüt hatte sie 1996 an der Pariser Opéra Garnier in Rameaus „Hippolyte et Aricie“. 2009 gewann sie mit ihrem Album „Amoureuses“ den BBC Music Magazine Award als „Bestes Opernalbum“.

 

DISKOGRAFIE

„Melancolia: Spanish Arias and Songs“ (Deutsche Grammophon 2011);

„Patricia Petibon: Les Stars du Classique“ (Deutsche Grammophon 2010);

„Rosso: Italian Baroque Arias“ (Deutsche Grammophon 2010);

„Amoureuses: Mozart, Haydn, Gluck“ (Deutsche Grammophon 2008)

(Auswahl)

Kategorien: Juli 2012