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„ICH HABE FÜR ZWEI GELEBT“

Arne Meister

Arne Meister

Er inszeniert die Bibel als Multimedia-Show, geht als Punkrocker auf Tournee oder inkarniert mit seiner wummernden Stimme Charaktere wie Jim Morrison in Hörbüchern – Ben Becker, 1964 in Bremen geboren, hat viele Gesichter. Beim Gespräch in einem Hamburger Hotelzimmer trägt er einen schwarzen Hut, sein Markenzeichen, trinkt Pfefferminztee, dazu einen Schnaps, und raucht. Dass die nikotingetränkten Gardinen anschließend einer gründlichen Reinigung bedürfen werden, ist ihm einen Gedanken wert. Ein Interview mit Ben Becker über das, was einen Rebellen ausmacht, wilde Nächte in Berlin – und warum er für ein Foto von sich schon als Teenager zehn Mark berechnete.

 

 

ARTE: Herr Becker, sind Sie ein Rebell?
BEN BECKER: Meine rebellische Phase hatte ich mit 16 und 17 Jahren, aber inzwischen bin ich aus dem Alter raus. Trotzdem rennt mir das Rebellische noch als Ruf hinterher, und auch der des Enfant terrible. Ich habe mich damit abgefunden und bin stolz darauf, mich nie verbogen zu haben. Und wenn jetzt, da ich bald 50 werde, jemand sagt: „Der ist ein Rebell“, dann sage ich: „Ja, danke schön!“ Dann habe ich wohl irgendetwas richtig gemacht.
ARTE: Wie sieht Rebellion für Sie aus?
BEN BECKER: Meine Definition von „rebellisch sein“ heißt, unsere Gesellschaft immer wieder zu hinterfragen – und dieses Hinterfragen, das immer eine gewisse Art von Nonkonformismus mit sich bringt, auch zu leben.
ARTE: Liebt ein Rebell den Tod oder das Leben?
BEN BECKER: Er liebt das Leben! Aber er kann auch daran zerschellen. Dieses Risiko nimmt er in Kauf. Es kann ein gefährliches Fahrwasser werden, in das er sich begibt, aber das macht auch den Reiz aus.
ARTE: Sind Musiker die besseren Rebellen?
BEN BECKER: Die besseren nicht, aber in der Musik ist das Rebellentum weiter verbreitet. Da stößt es nicht so auf, da wird es sogar erwartet. Bei einem Schauspieler hingegen fällt es sofort auf, wenn er irgendetwas macht, das nicht der Norm entspricht. Schauspieler müssen immer so tun, als wären sie ganz normal, glatt gebügelt und gut situiert.
ARTE: Wären Sie lieber Rockmusiker geworden?
BEN BECKER: Letztlich ja, aber es hat nicht sollen sein. Ich komme aus einer Schauspielerfamilie und nicht aus einer Musikerfamilie. Aber die Sehnsucht war immer da, beides zusammenzubringen und zu leben. Inzwischen mache ich genau das, indem ich Musik und Schauspielerei verbinde. Ich mache eben meins. Das hat mich letztlich darum gebracht, Kinostar zu werden. Als ich es damals, 1997, soweit geschafft hatte, dass ich auf dem besten Weg war, Kinostar zu werden, habe ich eine Punkrockband gegründet und erstmal alles zerstört.
ARTE: War Ihre Jugend auch rebellisch?
BEN BECKER: Ich bin in Westberlin groß geworden zu einer Zeit, als in der Malerei gerade die Jungen Wilden hochkamen. Ich war ein guter Freund von Rainer Fetting, dem großen Maler und Bildhauer, und von Herrn Kippenberger, der mit seinen provokanten Installationen bekannt wurde. Die rannten da alle rum. Auch David Bowie und Iggy Pop. Ich war 14, habe die Schule geschwänzt und bin mit denen durch die Nacht gezogen. Und ich war bunt anzusehen. Wenn mich einer fotografieren wollte, habe ich gesagt: „Das kostet zehn Mark“. Und das hat meistens auch geklappt.
ARTE: Und Ihre Eltern kamen irgendwann nicht mehr hinterher …
BEN BECKER: Sie haben eine Zeit lang einfach zugeguckt und das auch gefördert. Bis ich es dann zu weit ausgereizt habe, um zu gucken, wann mir eine Grenze gesetzt wird. Aber da war es schon zu spät. Grenzen hätte ich mir manchmal mehr gewünscht. Es waren damals schon sehr wilde Zeiten und ich bin manchmal sehr weit rausgeschwommen.
ARTE: Gibt es für Sie heutzutage überhaupt noch einen authentischen Rebellen?
BEN BECKER: Lemmy Kilmilster, der Sänger von Motörhead, vielleicht, aber der ist ja auch schon über 60. Und Iggy Pop.
ARTE: Denken Sie, dass es unserer heutigen Gesellschaft an Aufsässigkeit fehlt?
BEN BECKER: Ja. An Auflehnung oder Infragestellen fehlt es durchaus. Das liegt natürlich auch daran, dass das große Feindbild fehlt. Und es gibt eine Orientierungslosigkeit und zugleich Überinformation, von der ich mich selbst gar nicht ausschließe. Man hat den amerikanischen Dichter Ezra Pound einmal gefragt, was er jungen Leuten raten würde. Er hat nur zwei Wörter gesagt: „Hier graben“.
ARTE: Was würden Sie selbst heute Ihrer 12-jährigen Tochter raten?
BEN BECKER: Ich würde ihr nicht raten, rebellisch zu sein. Aber mit mir als Vater kommt sie natürlich nicht so ganz drumherum. Ich möchte aber nicht, dass sie so wird wie ich damals. Ich habe das Ganze für zwei gelebt, ich glaube das reicht.

 

INTERVIEW: KATRIN ULLMANN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

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BEN BECKER

Ben Becker lebt seit seiner Kindheit in Berlin; ab 1985 Schauspielunterricht; 1991 Adolf-Grimme-Preis für „Landschaft mit Dornen“; 1998 Goldene Kamera für „Comedian Harmonists“; 1997 musikalisches Debüt mit der Band Ben Becker & The Zero Tolerence; 2011 erschien seine Biografie „Na und, ich tanze“

 

FILMOGRAFIE

„Habermann“ (2010);

„Die rote Zora“ (2007);

„Ein ganz gewöhnlicher Jude“ (2005);

„Sass“ (2001);

„Comedian Harmonists“ (1997);

„Schlafes Bruder“ (1995)

(Auswahl)

 

 

Kategorien: Juli 2012