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GODFATHER OF REBELS

ARTE

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Er wird verachtet oder vergöttert, dazwischen gibt es nichts. Wie kein zweiter Künstler der 1960er Jahre ist der Sänger der Doors, verstorben unter umstrittenen Umständen am 3. Juli 1971 in Paris, als ideales Abbild seiner Generation noch immer so präsent, dass sich an ihm die Geister scheiden müssen. Nur Jim Morrison hat so viele Sehnsüchte gebündelt, dass er wie Elvis bisweilen irgendwo gesichtet wird: als Pilger in einem indischen Ashram, als Pferdezüchter in Ohio, als Eremit auf den Seychellen. Näher als in Paris aber kann man ihm nicht kommen. Er ruht in Abschnitt sechs, Reihe zwei, Grab fünf des Friedhofs Père Lachaise.

 

Dionysische Dämonen. Über die Musik der Doors darf man heute durchaus geteilter Meinung sein, nicht aber über den Beitrag von Jim Morrison. Er war es, der dem weißen Bluesrock von „Strange Days“, „Morrison Hotel“ oder „L.A. Woman“ die nötige spirituelle – manche sagen schamanistische – Tiefe verlieh. Da war seine dunkel drohende, an Frank Sinatra geschulte Stimme. Da war sein blendendes Aussehen: das schöne Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der Mund mit der sinnlichen Unterlippe und den scharfen Bögen der Oberlippe, die langen Haare, bewusst onduliert im Stil von Alexander dem Großen – ein apollinisches Äußeres, das in krassem Widerspruch stand zu den dionysischen Dämonen, mit denen er kämpfte. Und an denen er zugrunde gehen sollte.

 

Existenzialistischer Cowboy. Vor allem aber waren da seine Texte, in denen er die Dämonen in die bunte Welt der Hippies entließ. Beschwörungen der menschlichen Einsamkeit. Besuche aus der indianischen Geisterwelt. Tauchgänge ins Unterbewusste, die eher in psychoanalytische Seminare als in die Rockmusik gehörten, wie der Song „The End“: „Father! Yes, son? I want to kill you! Mother! I want to …“ Erst wenige Jahre zuvor hatte Bob Dylan die Popmusik von dem Fluch befreit, inhaltlich nicht über triviale Liebesgeschichten hinauszukommen. Morrison war vom Ehrgeiz getrieben, als Poet anerkannt zu werden. Musik diente ihm dazu nur als Vehikel.
Als Sohn eines konservativen Admirals der US-Marine sollte Jim „etwas Gescheites“ studieren. Er besucht die Florida State University und liest, was ihm unter die Finger kommt: Camus, Kerouac, Joyce, Hesse, Nietzsche. Aldous Huxleys berühmtes Drogenbuch „The Doors of Perception“ wird seiner Band später den Namen geben. Morrison fasziniert das Entrückte, das Ekstatische, und so benimmt er sich auch in seinem zweiten Studium, als er – zusammen mit Francis Ford Coppola – in Los Angeles unter anderem bei Jean Renoir Filmtheorie studiert. Vor Kommilitonen prahlt er mit seinem Wissen, pinkelt in die Bibliothek, läuft nackt über den Campus. Jahrzehnte später sollte der Regisseur Tom DiCillo Kurzfilme entdecken, die Morrison in seiner Studienzeit drehte. Eine bezeichnende Szene verwendete DiCillo in seinem Dokumentarfilm „When You’re Strange“ 2009. Darin sehen wir einen jungen Morrison in der Wüste den Highway entlanggehen, immer den Daumen ausgestreckt. Herkunft wie Ziel sind unklar, sicher ist nur die Bewegung: weiter, weiter! Irgendwann hält ein Ford Mustang, Morrison steigt ein – und ist plötzlich alleine. Er übernimmt das Steuer und fährt weiter, euphorisch der untergehenden Sonne entgegen. Ein existenzialistischer Cowboy, der glaubt, die Geister toter Indianer hätten von ihm Besitz ergriffen, als er im Alter von vier Jahren mit seinen Eltern an einem nächtlichen Unfallort vorbeifährt, wie er später im Gedicht „Newborn Awakening“ festhalten sollte. Überhaupt fühlt sich Morrison immer mehr zum Schreiben berufen, je berühmter er mit den Doors wird. Neben den heimischen Beat-Literaten sind es vor allem die Franzosen, die Morrison faszinieren.
Schon 1968 bedankt er sich bei dem Romanisten Wallace Fowlie, der Arthur Rimbaud ins Amerikanische übersetzt hatte, mit einem Brief: „Ich kann nicht so gut Französisch lesen (…). Ich bin Rocksänger und habe Ihr Buch immer bei mir.“ Der Gelehrte indes hatte von dem „Rocksänger“ noch nie etwas gehört, bis ihm Jahre später ein Student die Morrison-Biografie „No One Here Gets Out Alive“ gab. Fowlie erinnerte sich an den Brief und veröffentlichte „Jim Morrison and Arthur Rimbaud: The Rebel as Poet“. Darin zieht er erhellende Parallelen zwischen beiden Künstlern: das abenteuerliche Leben, die Befreiung des Ichs, der Hang zur Utopie, die frühe künstlerische Vollendung, der vorzeitige Tod. Inhaltlich orientiert sich Morrison sklavisch am Symbolismus seines Vorbilds, seine Verse sind bündig und metaphernreich.

 

Verkannter Poet. Doch bleibt Rimbaud nicht der einzige Franzose. Morrison liebt Baudelaires feierliche Verehrung des Verfalls. Er verschlingt Villons wortreiche Liebeserklärungen an das Leben. Er schätzt Céline für seine vulgäre und rhythmische „Reise ans Ende der Nacht“. Längst sieht sich Morrison als verkannter Poet im Kampf gegen das Establishment. Sein Versuch, als Lyriker ernstgenommen zu werden, scheitert an der Sachlichkeit einer Literaturkritik, die ihm gerade mal „ein gewisses Talent“ zugesteht. Fatal endet eine Lesung im Fernsehen: Ihm fehle die „notwendige Sicherheit“ der Musik, erklärt Morrison noch, bevor er aus dem Studio schleicht. Seinen Gedicht-band „An American Prayer“ verlegt er schließlich selbst, verschenkt ihn an Freunde. Unterdessen verschärfen sich die Zusammenstöße mit den Autoritäten. Im Mai 1969 kommt es zum „Miami-Vorfall“, bei dem sich Morrison auf der Bühne entblößt haben soll. Er wird zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, ohne Bewährung, und flieht zu seiner Freundin Pamela Courson – nach Paris.
Seine französischen Freunde, die beiden Filmemacher Alain Ronay und Agnès Varda, erinnern sich später an einen Mann, der sich erholte. Er trank weniger, nahm ab, reiste nach Südfrankreich. Er arbeitete an einer LP mit Gedichten und an einem Drehbuch, ständig hatte er ein Notizheft bei sich. Der letzte Eintrag vor seinem Tod lautete: „Lass den aufgeklärten Verstand in unserem Kielwasser zurück / du wirst Christus sein auf dieser Pauschalreise / – Geld schlägt die Seele – / Letzte Worte, letzte Worte / Aus.“

 

ARNO FRANK FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

SUMMER OF REBELS – DER SONG

Was wäre der „Summer of“ bei ARTE ohne Musik? Darum gibt es jedes Jahr den Song zum Schwerpunkt. 2012 interpretiert der französische Sänger
Yodelice den Kultsong „People are Strange“ von den Doors. Leser des ARTE Magazins können ihn exklusiv herunterladen – www.arte.tv/de/Yodelice

Kategorien: Juli 2012