ICH WOLLTE IMMER NUMMER EINS SEIN

Bob Krieger

Bob Krieger

Mit drei Jahren begann Lang Lang Klavier zu spielen und hatte von da an nur einen Traum: der beste Pianist der Welt zu werden. Mit 17 gelang ihm der Durchbruch, seither ist er auf den großen Bühnen der Welt zu Hause. Lang Lang lebt seinen Traum: Laut „Time Magazine“ zählt der Chinese zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt, von den Kritikern wird er hoch in den Himmel gelobt. Am 15. Juni feiert Lang Lang seinen 30. Geburtstag mit einem Konzert in der Berliner O2 World Arena. ARTE ist live dabei!

 

ARTE: Feiern Sie Ihren 30. Geburtstag nach westlichem Kalender oder nach dem chinesischen Mondkalender?
LANG LANG: Ich feiere nach dem westlichen Kalender, denn nach dem chinesischen würde sich mein Geburtsdatum von Jahr zu Jahr ändern, weshalb die jüngere Generation in China mittlerweile nach dem westlichen Kalender feiert.
ARTE: Wenn Sie Ihr bisheriges Leben in einen Satz fassen müssten …?
LANG LANG: Ich verfolgte einen Traum und der Traum wurde wahr!
ARTE: Welches war das schönste Geburtstagsgeschenk, das Sie jemals bekamen?
LANG LANG: Oft bekomme ich von meinen Fans ein Büchlein mit Unterschriften und Glückwünschen. In diesem Jahr erhalte ich mit dem Konzert in der Berliner O2 World Arena ein ganz besonderes Geschenk: Ich werde mit 50 Kindern aus der ganzen Welt und dem Schleswig-Holstein Festival Orchester spielen, auch mein Freund, der Jazzmusiker Herbie Hancock, wird mit dabei sein.
ARTE: Ein altes chinesisches Sprichwort sagt: „Gute Dinge im Menschen heranreifen zu lassen, dauert etwa 30 Jahre“ – was meinen Sie?
LANG LANG: In der chinesischen Kultur markiert der 30. Geburtstag einen Wendepunkt im Leben eines Menschen. Es ist so, als sei zu diesem Zeitpunkt das Schicksal besiegelt. Ich bin sehr froh, dass ich durch meine Musikerlaufbahn bereits vorher wusste, welches mein Schicksal sein würde.
ARTE: In Ihrer Autobiografie „Musik ist meine Sprache“ schreiben Sie: „Nummer eins war ein Ausdruck, den mein Vater ständig im Mund führte“…
LANG LANG: Beide Wörter waren als Ansporn gedacht, als ich noch sehr klein war. Ich war schon mit fünf Jahren auf Sieg programmiert.
ARTE: „Ich akzeptierte diesen Druck“, sagen Sie, „ich genoss ihn sogar. Es war ein Spiel“. Was für eine Art von Spiel meinen Sie damit?
LANG LANG: Das Spiel des Wettbewerbs. Ich mochte das als Kind. Manche Kinder lieben es, der beste im Fußball zu sein; ich wollte unbedingt der beste Pianist werden. Das ist eigentlich ein ziemlich natürliches, kindliches Bestreben.
ARTE: Und das wollten Sie trotz der Beschimpfungen Ihrer chinesischen Lehrerin, die Sie in Ihrer Autobiografie „Professor Zornig“ nennen? Sie sagte: „Du spielst wie ein japanischer Samurai, der sich am Ende umbringt … Du spielst wie ein Kartoffelbauer.“
LANG LANG: Ich hasste diese Lehrerin leidenschaftlich, sie zog mich hinunter, demütigte mich. Sie brachte mich sogar dazu, vorübergehend mit dem Klavierspiel aufzuhören. Es war wohl die härteste Zeit meines Lebens.
ARTE: Wie definieren Sie heute den Begriff Erfolg im Unterschied zu damals?
LANG LANG: Nummer eins zu sein war mir als Kind wichtig. Doch ich habe gelernt, dass die künstlerische Entwicklung wesentlich wichtiger ist als
ein Preis. Kunst ist nicht quantifizierbar. Es gibt kein Ranking unter Meistern, es ist nicht wie im Sport. Heute bedeutet Erfolg für mich, das Gefühl zu haben, eine menschlich bereichernde Erfahrung zu machen und meine Musik mit anderen Menschen zu teilen.
ARTE: Am 15. Juni spielen Sie auf Ihrem Geburts-tagskonzert in Berlin unter anderem Tschaikowskys Klavierkonzert „Nr. 1 Op. 23 in b-Moll“. Warum gerade dieses Werk?
LANG LANG: Es ist ein zentrales Werk in meiner künstlerischen Entwicklung. Damit hatte ich 1999 meinen Durchbruch beim Ravinia Festival in Chicago, als mich Maestro Christoph Eschenbach bat, für André Watts einzuspringen, der krank geworden war.
ARTE: Sie werden mit der Jazzlegende Herbie Hancock die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin in einem Arrangement für zwei Klaviere spielen. Warum diese Wahl, lieben Sie Jazz?
LANG LANG: Oh ja, sehr. Die „Rhapsody in Blue“ ist ein unglaublich unterhaltsames Stück, besonders wenn man es mit Herbie Hancock spielt, der den richtigen Groove in das Werk bringt. Das Stück hat alles, man hat die Möglichkeit zu improvisieren und sich neu auszudrücken, zugleich ist es ein Werk voller Traditionen. Ich glaube, dass viele Menschen, unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund, Zugang zu Jazz und Klassik finden können. Beides ist wirklich globale Kunst.

 

TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

BIOGRAFIE

Lang Lang wird 1982 im chinesischen Shenyang geboren. Mit drei Jahren bekommt er ersten Klavierunterricht, mit neun geht er an das Konservatorium in Peking. 1995 gewinnt er den Tschaikowsky- Wettbewerb in Tokio. Ab 1997 studiert er in Philadelphia, USA. Es folgt die Zusammenarbeit mit renommierten Orchestern wie den Berliner Philharmonikern. 2008 spielt er bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele in Peking. 2010 gewinnt er den Internationalen Mendelssohn-Preis zu Leipzig

 

DISKOGRAFIE

„Lang Lang Liszt“(Deutsche Grammophon 2011)

„Lang Lang – Live in Vienna“ (Sony Classic 2010)

„Dreams of China“ (Deutsche Grammophon 2008)

„Memory“ (Deutsche Grammophon 2006)
„Lang Lang Live at Carnegie Hall“ (Deutsche Grammophon 2004)

„Klavierkonzert 3 & Etüden“ (Telarc 2002)

(Auswahl)

Kategorien: Juni 2012