WIE TON IN SEINEN HÄNDEN

 Paola Ardizzonni/Emilio Pereda/Pathé

Paola Ardizzonni/Emilio Pereda/Pathé

In einem Filmstudio in Madrid ist Regisseur Pedro Almodóvar unzufrieden. Die Hauptdarsteller seines Films „High Heels“, Victoria Abril und Miguel Bose, haben die emotionale Tonalität einer Schlüsselszene nicht verstanden. So spielt Pedro Almodóvar den beiden die Männer- und Frauenrolle selbst vor. Beobachtet wird dieses Geschehen von einem ungebetenen Gast: Neben dem Monitor steht eine 16-Jährige, die den Sicherheitsbeamten überredete, sie einzulassen. Ihre Hoffnung: selbst einmal in einem Almodóvar-Film zu spielen. Ihr Name: Penélope Cruz.

 

 

Die Anekdote klingt zu schön, um wahr zu sein. Und einer Märchenlogik scheint es auch zu entsprechen, dass Almodóvar die Madrilenin, die bis dato schon Schauspielengagements hatte, drei Jahre später aus heiterem Himmel anrief, weil er mit ihr arbeiten wollte: „Ich konnte es nicht glauben, weil ich mir das am meisten ersehnt hatte“, meint sie heute. Und es gibt noch mehr in der Biografie von Penélope Cruz, was sich dem rationalen Verständnis entzieht. 1997 drehte sie zum ersten Mal zusammen mit Almodóvar. In der Eröffnungssequenz von „Live Flesh – Mit Haut und Haar“ ist sie als Prostituierte zu sehen, die im Bus ein Kind zur Welt bringt. Im Film steht ihr Pilar Bardem zur Seite, die Mutter von Javier Bardem, mit dem Cruz seit 2011 selbst ein Kind hat. Solche Momente passen in das Universum des Almodóvar-Œuvres – einer Welt von schicksalhaften Verkettungen und neu gefundenen Identitäten, wo Kitschhoffnungen in Albträume umschlagen können und umgekehrt. Mit einigen grotesken Übersteigerungen ergäbe ihre Geschichte einen echten Almodóvar-Film. Und es mag symptomatisch sein, dass der Filmemacher mit seiner Hauptdarstellerin Cruz in „Zerrissene Umarmungen“ (2009) von einer obsessiven Liaison zwischen Regisseur und Schauspielerin erzählt.

 

Der Stierkämpfer aus Japan. Zweifelsohne gibt es zwischen den kreativen Biografien von Penélope Cruz und Pedro Almodóvar vielsagende Korrelationen. Beide stammen aus Familien, für die eine Karriere in der Filmwelt eine absurde Vorstellung ist. Bauernsohn Almodóvar vergleicht sich „mit einem Jungen aus Japan, der Stierkämpfer werden wollte“. Und beide entdecken in sich eine geradezu anarchische Vitalität, die ein künstlerisches Ventil verlangt. Den nötigen Freiraum dafür schafft der 25 Jahre ältere Almodóvar selbst, als er nach dem Ende der Franco-Ära ab 1975 mit der „Movida Madrileña“, der Jugendbewegung im Madrid der 1970er Jahre, eine kulturelle Revolution anstößt. Eine seiner jungen Anhängerinnen ist Penélope Cruz. Zum Glück investieren ihre Eltern in einen Videorekorder, mit dem sie seine frühen Filme verfolgen kann. Als Teenager verschafft sie sich Zugang zu einer Kinovorstellung von „Fessle mich!“ (1990). „Und das war der Moment, in dem ich beschloss, Schauspielerin zu werden.“ Almodóvars Filme verkörpern mit ihren Provokationen für sie ein „inspirierendes Freiheitsgefühl“, mit dem sie sich identifiziert. Doch auch sie selbst soll zu einem Symbol überbordender Leidenschaft werden. Ihr mit erotischen Motiven aufgeladenes Kinodebüt „Lust auf Fleisch“ (1992) von Bigas Luna macht sie zu einem nationalen Sexsymbol. Almodóvar ist von ihr hingerissen. Das Resultat: der lang ersehnte Telefonanruf. Beim ersten Treffen muss Almodóvar allerdings erkennen, dass die Nachwuchsdarstellerin noch zu jung für seinen Typ von Charakteren ist. Erst mit 23 hat sie ihren einprägsamen, wenn auch kurzen Auftritt in „Live Flesh – Mit Haut und Haar“ (1997), zwei Jahre später folgt dann die erste substanzielle Rolle in „Alles über meine Mutter“. Hier spielt sie eine HIV-positive Nonne, die von einem Transvestiten ein Kind bekommt und bei der Geburt stirbt. Das Resultat ist einer der größten kommerziellen Erfolge des Regisseurs, gekrönt von einem Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

 

Die Mutter aller Mütter. Doch dann begannen die Irrfahrten der Penélope. Die Schauspielerin ließ sich auf die Maschinerie Hollywoods ein, die sie 2001 in mäßigen Filmen wie „Vanilla Sky“ oder „Corellis Mandoline“ vor allem als exotische Schönheit zelebrierte. Almodóvar litt, als er sie in diesen Vehikeln sah: „Penélope ist eine sehr instinktgetriebene Schauspielerin, die mit ihrem Regisseur intensiv zusammenarbeiten muss und viel Zeit für Proben braucht. Die Amerikaner haben diese Zeit nicht.“ Erst 2006 kam es zur kreativen Wiedervereinigung der beiden in „Volver“. Die Wortbedeutung des Titels – „Zurückkehren“ – lässt sich programmatisch verstehen. Hier spielt Cruz laut Almodóvar „die Mutter aller Mütter“, die erlebt, wie sich eine Jahrzehnte währende Familientragödie in weiblichem Gemeinschaftsgefühl auflöst. Die elektrisierende Mischung aus Verletzlichkeit und Lebendigkeit, die sie hier zeigte, war nach dem Mittelmaß der vorangegangenen Jahre eine Offenbarung, was sich auch in ihrer ersten Oscarnominierung manifestierte. Die Schauspielerin selbst bekommt seither regelmäßig Angebote für Rollen auf einem ganz anderen Niveau. So ist es kein Wunder, dass sie sich ihrem Regisseur bedingungslos preisgibt: „Ich möchte ein Stück Ton in seinen Händen sein, das er gestalten kann, bin demütig und versuche zu verstehen, was er von mir will.“ Dazu gibt es anscheinend aber erst einmal keine weitere Gelegenheit. In Almodóvars letztem Film „Die Haut, in der ich wohne“ (2011) fand sich keine Rolle für sie, auch in seinem aktuellen Projekt „Los amantes pasajeros“ (2013) ist ihre Beteiligung offenbar nicht geplant. Stattdessen klopfen inzwischen andere renommierte Regisseure wie etwa Woody Allen bei Cruz an: In dessen „To Rome with Love“ wird sie demnächst zu sehen sein.
Aber die Emotionen, die Pedro Almodóvar in Penélope Cruz auslöst, werden wohl einzigartig bleiben: „Er ist süß und amüsant, aber gleichzeitig sehr ehrlich, was mich nervös macht. Gerade weil er mir enorm viel bedeutet, will ich ihn nicht enttäuschen. Und deshalb fürchte ich keinen Regisseur so sehr wie ihn.“

 

RÜDIGER STURM FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

 

ARTE PLUS

 

PEDRO ALMODOVAR

Er wurde 1949 im spanischen Kastilien-La Mancha geboren. Sich von seiner streng religiösen Erziehung abwendend, ging er mit 16 Jahren in die Kulturmetropole Madrid. Er arbeitete zwölf Jahre als Büroangestellter bei einer Telefongesellschaft und erlernte autodidaktisch das Filmemachen. Seinen ersten Erfolg hatte er 1980 mit „Pepi, Luci, Bom und der Rest der Bande“

 

FILMOGRAFIE

„Die Haut, in der ich wohne“ (2011), British Academy Film Award für Bester fremdsprachiger Film;

„Zerrissene Umarmungen“ (2009), Europäischer Filmpreis für Filmmusik;
„Volver“ (2006), Oscarnominierung für Penélope Cruz;

„Alles über meine Mutter“ (1999), Oscar und César für den besten fremdsprachigen Film;

„Schlechte Erziehung“ (2004);

„Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988), Goldene Osella für bestes Drehbuch in Venedig;

„Das Gesetz der Begierde“ (1987), erster Preisträger überhaupt des Teddy Award

(Auswahl)

 

Kategorien: Mai 2012