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GOTT NIMMT KEINE ZINSEN

Roland Wagner/Kick Film

Roland Wagner/Kick Film

Zaid el-Mogaddedi glaubt an Gott und an Geld, aber vor allem glaubt er daran, dass beides zusammengehört. El-Mogaddedi ist Direktor des Institute of Islamic Banking and Financing (IFIBAF) in Frankfurt am Main. Er berät deutsche Banker und Fondsmanager in den Feinheiten des Orchideenfaches. Islamische Finanzprodukte boomen weltweit, die Branche wächst jährlich um 15 bis 20 Prozent. Im Gegensatz zu vielen westlichen Banken haben islamische Geldinstitute die Finanzkrise nahezu unbeschadet überstanden. Das liegt nicht am Beistand Gottes, sondern an den strengen Regeln eines aus westlicher Sicht eigentümlichen Geschäftsmodells. Die Suren des Korans und die Worte Mohammeds sind unduldsamer als jeder Beamte der Finanzaufsichtsbehörde.

 

Der islamische Bankensektor leitet sein Regelwerk aus der Scharia, dem islamischen Recht, ab. Der Grundsatz: keine Zinsen, keine Spekulationen. Allen Geschäften muss ein realer Tausch von Gütern oder Dienstleistungen zugrunde liegen. Verschuldete Unternehmen sind tabu, Zinslast ist ein Werk des Teufels. Statt Zinsen erhalten die Kunden Gewinne aus Bankgeschäften. Leerverkäufe, Risikogeschäfte, vor allem aber Investitionen in moralisch verpönte Wirtschaftszweige wie Waffenhandel, Sexindustrie oder Glücksspiel sind verboten. Über all das wacht eine Kommission, das Scharia-Board, eine Gruppe islamischer Rechtsgelehrter, die ein Finanzprodukt als „Scharia-konform“ zertifiziert. Wer einen Kredit für ein Haus möchte, lässt es sich von der Bank kaufen und kauft es dann von dieser zu einem etwas höheren Preis in Raten ab. Die Bank agiert dabei wie ein Händler.

 

Deutschland hinkt hinterher. Die islamische Finanzbranche besetzt im globalen Vergleich immer noch eine Nische. Weltweit werden aber immerhin Vermögenswerte über 800 Milliarden Dollar verwaltet. In den kommenden Jahren sollen es rund 2,8 Billionen Dollar werden, so die Schätzungen des Islamic Financial Service Board. Insbesondere die vermögenden Kunden aus der ölreichen Golfregion legen Wert darauf, ihr Kapital zu vermehren, ohne gegen religiöse Gebote zu verstoßen. Neben den Regionen rund um den Persischen Golf, Malaysia und Indonesien ist inzwischen auch London Zentrum des islamischen Bankwesens geworden. Deutschland hat den Boom bislang verschlafen, obwohl hier mehr als vier Millionen Muslime wohnen. An der Nachfrage scheitert es nicht. Zehn bis zwölf Mal in der Woche klingelt im Herzen des Frankfurter Bankenviertels im Institut von el-Mogaddedi das Telefon. „Die meisten Leute fragen nach Islam-konformen Hausfinanzierungen“, sagt er. Dennoch bietet nur ein Bankhaus in Mannheim solche Produkte an: die Kuveyt Turk, eine Filiale einer kuwaitisch-türkischen Bank. Weil sie in Deutschland nur eine Teillizenz besitzt, darf die Kuveyt Turk lediglich Geld annehmen, um es an die Mutterbank in der Türkei weiterzureichen. Im Grunde funktioniert die Filiale wie ein Briefkasten. Die Bank nimmt das Geld der Kunden und eröffnet in der Türkei ein Islam-konformes Konto. „Für eine Volllizenz bedarf es noch gesetzlicher Änderungen“, sagt Geschäftsführer Ugurlu Soylu, „sobald das Finanzministerium diese Änderungen durchgesetzt hat, kann sich der Markt entwickeln.“

 

Türken sind die neuen Schwaben. Anders ist es in Großbritannien. Unter Finanzminister Gordon Brown wurde bereits 2004 das Steuergesetz geändert, um zinslose Darlehen für islamische Banken zu ermöglichen. Noch im selben Jahr eröffnete die Islamic Bank of Britain. Mittlerweile bieten die meisten alteingesessenen britischen Finanzhäuser Scharia-konforme Produkte an. „Die Aussicht auf Geld macht die Briten toleranter“, sagt el-Mogaddedi. In Deutschland gebe es weniger Bereitschaft, für das muslimische Klientel Sonderregeln einzuführen, „schon das Wort Scharia-Board schreckt ab“, meint er. Nicht einmal die islamischen Produkte, die deutsche Banken am Golf vertreiben, werden in Deutschland beworben. Uwe Zimmer, der mit der Meridio Vermögensverwaltung AG den ersten islamischen Fonds für den Markt aufgelegt hat, erklärt das so: „Die Vorstände sorgen sich um ihre Reputation.“
Dennoch hat die deutsche Finanzaufsichtsbehörde großes Interesse, zu den Briten aufzuschließen. Zum einen, um Anleger aus der Golfregion anzulocken, zum anderen, um den Muslimen in Deutschland Islamic Banking zu ermöglichen. Denn die sind zu interessanten Kunden geworden: Aus einer Studie geht hervor, dass die eigentlichen Schwaben Deutschlands die türkischen Migranten sind. Im Vergleich zu deutschen Haushalten sparen sie doppelt so viel. Vielleicht glaubt ja in Zukunft nicht nur Zaid el-Mogaddedi daran, dass Gott und Geld zusammengehören.

 

SIMON HUFEISEN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

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ZUM LESEN

Rainer Hermann: „Die Golfstaaten. Wohin geht das neue Arabien?“ (dtv 2011);

Michael Backfisch: „Die Scheich-AG. Wie unsere Unternehmen vom Wirtschaftswunder am Golf profitieren“ (Campus Verlag 2011);
Michael Gassner/Philipp Wackerbeck: „Islamic Finance. Islamgerechte Finanzanlagen und Finanzierungen“ (Bank Verlag 2007);

Hatem Imran: „Das islamische Wirtschaftssystem: Normen und Prinzipien einer alternativen Ökonomie“ (Salzwasser Verlag 2008)

(Auswahl)

Kategorien: Mai 2012