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DAS AUGE VON SCIENTOLOGY

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Hinter dem Namen „Office of Special Affairs“, kurz O.S.A., verbirgt sich der Geheimdienst von Scientology, der vor allem Aussteiger und Kritiker der Sekte, aber auch Staaten und deren Geheimnisse im Visier hat. Laut Scientology ist das „Büro für Spezielle Angelegenheiten“ ein Presse- und Rechtsamt – doch es gibt da noch die „Investigations Section“, die Abteilung für Ermittlungen. Warum braucht eine Organisation, die sich als Religionsgemeinschaft sieht, einen Geheimdienst? Regisseur und Kameramann Markus Thoess hat sich gemeinsam mit Autor Frank Nordhausen auf die Suche nach Antworten gemacht.

 

ARTE: Wie groß muss man sich O.S.A. vorstellen?
MARKUS THOEß: Das weiß niemand genau. O.S.A. hat in den USA vielleicht nur 100 Mitarbeiter, kann aber innerhalb von Scientology jeden um einen Gefallen bitten. Interviewpartner im Film haben O.S.A. mit der Stasi verglichen. Der hochrangige Aussteiger Marc Headley erzählte uns, dass O.S.A. 100.000 Dollar pro Woche ausgibt.

ARTE: Ist O.S.A. offiziell ein Geheimdienst?
MARKUS THOEß: Die Scientologen streiten nicht ab, dass es eine „Investigations Section“ gibt. Nur sagen sie, sie täten nichts Rechtswidriges. Das sehen ich und viele andere ganz anders. Da passieren viele Dinge, die sehr dubios sind.

ARTE: Was zum Beispiel?
MARKUS THOEß: Dass Scientology zum Beispiel Menschen rund um die Uhr überwacht, wie Ingo Heinemann es erzählt, der als Jurist eines Verbrauchervereins schon in den 1970er Jahren gegen Scien-tology vorging. Es gab staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, bei denen genaue Anweisungen des O.S.A. gefunden wurden.

ARTE: Wie sahen diese O.S.A.-Anweisungen aus?
MARKUS THOEß: Das war beispielsweise, herauszubekommen, warum Herr Heinemann das tut, wer die Hintermänner sind, wer ihn finanziert. Und wie das zu machen ist – zum Beispiel, indem man seine Mülltonnen durchsucht.

ARTE: Scientology sieht sich als Religion – warum braucht eine Kirche solche Informationen?
MARKUS THOEß: Diese Frage muss sich jeder stellen. Ich persönlich glaube nicht, dass Scientology eine Religion ist. Ich glaube, dass Scientology eine Businessfirma ist, die eigentlich nichts anderes macht als das, was heute wahnsinnig populär ist: Eine Person anzuwerben und sich diese zu eigen zu machen, so lange, bis sie abhängig ist von der Organisation – die eine bessere Welt ohne Verbrechen verspricht.

ARTE: In den USA gilt Scientology als gemeinnützig und ist von der Steuer befreit. Ist sie dort als Religion anerkannt, wie immer behauptet wird?
MARKUS THOEß: Nein, der amerikanische Staat erkennt keine Religionen an. Die Steuerbefreiung von 1993 ist ein großer Sieg, wenn nicht der größte überhaupt von O.S.A. Der Brief der Steuerbehörde an Scientology verwies auf die Gemeinnützigkeit und führte auch religiöse Gründe an – seitdem laufen Scientologen mit diesem Brief herum und sagen: „Wir sind doch in Amerika anerkannt, jetzt müsst ihr uns auch anerkennen.“

ARTE: In Deutschland beobachtet der Verfassungsschutz die Sekte, warum wird sie nicht verboten?
MARKUS THOEß: Einerseits ist Verfassungsschutz in Deutschland meistens Ländersache, und die Länder agieren unabhängig voneinander. Andererseits ist die Organisationsstruktur kompliziert: Es gibt die International Organisation of Scientologists, aber auch viele Unterorganisationen wie Narkonon oder Criminon. Darum ist es schwierig, Scientology zu verbieten. Zwei Beispiele: Russland hat Scientology-Literatur 2011 als extremistisch eingestuft; das Oberlandesgericht Athen bestätigte 1997 die Auflösung der Athener Scientology-Niederlassung. Aber ein Land müsste nicht nur eine, sondern vielleicht 20 Unterorganisationen verbieten, über die alles weitergeführt werden kann.

ARTE: Wie gefährlich ist O.S.A. tatsächlich?
MARKUS THOEß: Scientology ist ein Staat im Staat, mit eigener Ethik-Polizei und Finanzstruktur, eigenem Nachrichtendienst und Gesundheitssystem, sogar mit eigenen Bestrafungssystemen. Der deutsche Verfassungsschutz beobachtet wohl kaum gefährlichere Gruppen. Ich habe noch nie davon gehört, dass eine andere Glaubensgemeinschaft amerikanische Konsulate dazu bewegt, für sie im Ausland tätig zu werden.

ARTE: Inwiefern?
MARKUS THOEß: Deutsche Politiker hohen Ranges, jeglicher Couleur, haben uns immer wieder bestätigt, dass sie, wenn sie gegen Scientology vorgehen, Besuche und politischen Druck aus Amerika bekämen. Es werden sogar deutsche Politiker ins Konsulat bestellt. Das alles kam 2010 beim Wikileaks-
Depeschen-Skandal heraus. Grund für den politischen Druck: Viel Geld und bekannte Gesichter sind zwei Dinge, ohne die ein Politiker in den USA nichts ausrichten kann – und die Scientology hat.

ARTE: Sie haben Mike Rinder, den ehemaligen O.S.A.-Chef, der nun unabhängiger Scientologe ist, interviewt. Wie glaubwürdig ist er?
MARKUS THOEß: Ich halte ihn für sehr glaubhaft in dem, was er über den Scientology-Chef Miscavige oder die politische Lobbyarbeit erzählt. Ich halte ihn für wenig glaubwürdig, wenn es um ihn selbst geht. Mike Rinder war verantwortlich für nahezu alle großen O.S.A.-Aktionen bis zu seinem Ausstieg 2007. Er muss viel mehr wissen, als er preisgibt.

ARTE: Wie sind Sie während Ihrer Dreharbeiten mit O.S.A. konfrontiert gewesen?
MARKUS THOEß: Wir wurden während des gesamten Drehs in Amerika beobachtet, fotogra-fiert, gefilmt. Scientologen wussten grundsätzlich, wann wir wo sind. Als wir nach Florida in die Scientology-Hochburg Clearwater fuhren, waren alle Fenster von innen verklebt, sodass wir nichts filmen konnten. Der Aussteiger Marc Headley erzählte mir, dass O.S.A. über Kontakte zu Reisebüros verfüge.

ARTE: Wurden Sie persönlich bedroht?
MARKUS THOEß: Es gab da einen ganz konkreten Zwischenfall an einer Tankstelle bei Hamburg, bei dem ich mich bedroht fühlte, und über den wir im Film berichten.

ARTE: Haben Sie mit Scientology kommuniziert?
MARKUS THOEß: Wir haben zigfach in verschiedenen Ländern ein Fernsehinterview angefragt. Bekommen haben wir nur ein sehr kurzes vom Scien-tology-Sprecher in Frankreich und ein Statement vom Deutschland-Sprecher Jürg Stettler, als wir ihn auf der Straße angesprochen haben. Aber wenn man 20 Fragen stellt, bekommt man mindestens 20 Gegenfragen. Selbstverständlich hat Herr Stettler Fragen auch schriftlich beantwortet, aber nicht vor der Kamera. Ich kann nicht verstehen, dass eine Organisation wie Scientology nicht in der Lage ist, ein vernünftiges Fernsehinterview zu geben.

ARTE: Konnten Sie in Ihrem Film alles zeigen?
MARKUS THOEß: Der Film wäre ohne den Mut der Fernsehanstalten und der Produktionsfirma nicht möglich gewesen, auch wenn er ein Kompromiss ist. Das deutsche Pressegesetz ist extrem streng und schützt auch die Scientologen.

ARTE: Was ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?
MARKUS THOEß: Ich habe schon Filme über andere Glaubensgemeinschaften gedreht, ich war in Kurdistan und habe einen Film über Ehrenmorde gemacht. Aber noch nie wurde ich stundenlang verfolgt, fotografiert oder sogar angegriffen. Das ist einmalig. Und ich bin nicht der Erste, dem das passiert ist.

INTERVIEW: DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

MARKUS THOESS

1967 in Berlin geboren; Ausbildung zum Kameraassistenten; seit 1990 freier Kameramann und Autor; zahlreiche investigative Dokumentarfilme; derzeit Buchprojekt über den DDR-Spion Hüseyin Yildirim

 

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SCIENTOLOGY

Der ehemalige Science-Fiction-Autor Lafayette Ronald Hubbard gründet 1954 die „Church of Scientology“; seit 1986 steht David Miscavige ihr vor. Scientology sieht sich als „Erlösungsreligion“, will die Menschen „geistig befreien“ (Dianetik). „Operierende Thetane“ sollen die Kontrolle über ihre Umgebung übernehmen. In Deutschland gibt es laut Verfassungsschutz circa 5.000 Anhänger, weltweit wohl 130.000

 

GEHEIMDIENST O.S.A.

1966 wird der erste Informationsdienst „Guardian Office“ gegründet, mit einem Guardian (Wächter) an der Spitze – Mary Sue Hubbard. Die dritte Ehefrau L. Ron Hubbards wird 1979 nach der größten Spionage-Affäre von Scientology („Snow White“) verurteilt. Ab 1983 wird das Büro in „Office of Special Affairs“ (O.S.A.) umbenannt. Hauptsitz ist in Los Angeles, die Deutschland-Zentrale in München

www.hamburg.de/ag-scientology

Kategorien: Mai 2012