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ZWISCHEN DEN FRONTEN

Ed Miller

Ed Miller

Ist es möglich, einen der leidvollsten und komplexesten Konflikte der Weltpolitik zu verfilmen? Peter Kosminsky hat sich getraut. In einer vierteiligen Fernsehserie erzählt der renommierte TV-Regisseur den Ursprung des Nahostkonflikts – und ein Stück britischer Vergangenheit.

 

 

Seine Serie „Gelobtes Land“ ist die Geschichte der 18-jährigen Britin Erin, die ihre beste Freundin Eliza zu deren jüdischer Familie ins heutige Tel Aviv begleitet. Erin ist fasziniert von der Herzlichkeit und liberalen Haltung der Eltern, der Villa mit Pool – ein Leben wie im Paradies. Bis ein palästinensisches Selbstmordattentat das Mädchen beinahe tötet und mitten ins Herz des Nahostkonflikts katapultiert. Mit im Gepäck hat Erin das Tagebuch ihres Großvaters. Und das ist die zweite Geschichte, die die Serie erzählt: die der etwa 100.000 britischen Soldaten, die von 1945 bis 1948 in Palästina stationiert waren. Erins Großvater Len war einer von ihnen. Ursprünglich habe er nur diese zweite Erzählebene verfilmen wollen, erzählt Peter Kosminsky. „Doch bald fielen mir die Parallelen zwischen 1945 und heute auf, vor allem die umstrittene Taktik der Israelischen Armee, die Häuser der Familien palästi-nensischer Selbstmordattentäter zu zerstören. Diese Taktik wurde bereits vor 60 Jahren von den britischen Besatzern zur Bestrafung jüdischer Terroristen angewendet.“

 

Vom Befreier zum Feind
Die Wurzeln des Konflikts liegen weit zurück: 1922 erhält Großbritannien das Völkerbundsmandat über Palästina. Die Region soll in einen souveränen Staat überführt werden, mit einer gemischten arabischen und jüdischen Bevölkerung. Damals ist etwa jeder zehnte Einwohner Palästinas Jude, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges bereits jeder dritte. 1939 beschränkt die britische Mandatsmacht die Einwanderung. Für die europäischen Juden ist das vor dem Hintergrund des Holocausts eine Katastrophe. Die Zahl der illegalen Einwanderer steigt enorm. Gleichzeitig radikalisieren sich bewaffnete zionistische Widerstandsgruppen wie die Irgun, die mit Gewalt gegen die britischen Besatzer und für die Gründung eines jüdischen Nationalstaates kämpfen.
„Die britischen Soldaten, die 1945 nach Palästina kamen, empfanden eine große Sympathie für die Juden“, weiß Peter Kosminsky aus seinen Recherchen. „Sie wussten, was sie durchgemacht hatten. Doch nach dem Krieg gegen das Nazi-Deutschland kamen die Soldaten nach Israel – und wurden selbst als Nazis beschimpft.“ Die Anschläge der Irgun häufen sich, viele Soldaten werden gekidnappt oder getötet. Immer mehr von ihnen sympathisieren mit den unterdrückten Arabern.

 

Suche nach einer Heimat
Der britische Sergeant Len gerät mitten hinein in diesen Konflikt. Er freundet sich einerseits mit dem Araber Mohammed an, verliebt sich aber auch in Clara, eine Jüdin, die aus Berlin geflohen ist. Bis zum Schluss wird der Zweifel an Len nagen, auf welcher Seite seine Geliebte steht. „Die Juden hatten nichts zu verlieren, das einzige, was sie noch hatten, war die Sehnsucht nach einer Heimat. Darein mengen sich ein wahnsinniger Überlebenstrieb und der Gedanke: ‚Wenn wir das jetzt nicht schaffen, schaffen wir es nie‘“ – erzählt die charismatische Schauspielerin Katharina Schüttler über ihre Rolle als Clara.
Acht Jahre lang haben Kosminsky und sein Team recherchiert, mehr als 80 britische Veteranen befragt, Archive durchforstet, Zeitzeugenberichte gesichtet. Jeden geschichtlich bedeutsamen Ort besuchte der Regisseur in Begleitung von Historikern. „Ich zeichne keine Karikaturen, jede Figur basiert auf einem Menschen, den wir interviewt oder über den wir gelesen haben“, sagt Kosminsky.

 

Die Geschichte wiederholt sich
Nicht nur Len damals, auch Erin heute gerät zwischen die Fronten. Je mehr sie sich in der Geschichte ihres Großvaters verliert, desto stärker stellt sie die Haltung der Familie ihrer jüdischen Freundin in Frage. Als Elizas Mutter nach dem Selbstmordattentat schreit „Die Palästinenser sind Tiere!“, reicht Erin ihr das Foto des zerstörten King-David-Hotels, dem Sitz der britischen Mandatsverwaltung, der 1946 von der Irgun in die Luft gesprengt wurde. Kosminsky, der selbst jüdische Wurzeln hat, zieht ganz explizit Parallelen zwischen dem damaligen Kampf der Zionisten für eine Heimat und dem heutigen Kampf der Palästinenser für einen eigenen Staat. Auch seine Kritik an der israelischen Siedlungspolitik ist nicht eben verhalten. Dementsprechend hoch schlugen die Wellen, als die Serie 2011 in Großbritannien unter dem Originaltitel „The Promise“ ausgestrahlt wurde. Der Vierteiler wurde für den höchsten britischen Fernsehpreis nominiert. Jüdische Kreise hingegen waren entsetzt: Der Pressesprecher der Jüdischen Botschaft in London bezeichnete den Film als „eine neue Gattung der Feindseligkeit gegenüber Israel“. Mit solch vehementen Reaktionen hatte Peter Kosminsky nicht gerechnet. „Sicher kritisiert mein Film Israel, aber er zeigt auch die Komplexität des Konflikts. Es steht schnell der Vorwurf des Antisemitismus im Raum. ‚Gelobtes Land‘ ist aber keine Kritik an einem Volk. Israel ist ein souveräner Staat, und es muss erlaubt sein, die Politik eines Staates zu kritisieren.“

 

Wir müssen stark sein
Großbritannien gibt 1948 sein Mandat zurück. Am 14. Mai 1948 proklamiert David Ben Gurion den Staat Israel. Einen Tag später kommt es zum ersten arabisch-israelischen Krieg. Rund 730.000 Palästinenser flüchten. Die neuen Historiker Israels, die sich Ende der 1980er Jahre um eine neutrale israelische Geschichtsschreibung bemühten, sprechen von „ethnischer Säuberung“. Viele, die sich heute als Märtyrer in die Luft sprengen, sind Nachkommen dieser Flüchtlinge.
Was bleibt dem Regisseur von den Dreharbeiten? „Für manche jüdische wie arabische Darsteller war es das erste Mal, dass sie mit Kollegen aus der anderen Gemeinschaft zusammenarbeiteten. Es brauchte eine ausländische Filmproduktion, damit das geschehen konnte.“

 

CORINNA DAUS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ETAPPEN DER STAATSGRÜNDUNG ISRAELS – ZEITLEISTE

 

1917: Balfour-Deklaration

Abkommen zwischen britischer Regierung und der Zionistischen Weltorganisation zur Schaffung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina. Großbritannien will so im Kampf gegen Deutschland die Juden auf seine Seite bringen.

 

24.7.1922: Britisches Mandat

Der Völkerbund überträgt Großbritannien das Mandat, Palästina (umfasst das heutige Israel, Jordanien, Gaza, Westjordanland) in die Unabhängigkeit zu überführen. Dies soll als binationaler, arabisch-jüdischer Staat geschehen.

 

1929: Antijüdischer Terror AUGUST

Die gemäß der Balfour-Deklaration geförderte jüdische Einwanderung führt zur Veränderung der ethnischen Zusammensetzung in Palästina. Antijüdische Unruhen gipfeln im Massaker von Hebron im August 1929 und der vollständigen Vertreibung aller Juden aus Hebron.

 

1936–1939: Arabischer Aufstand

Mit einer Serie von Gewalttaten gegen Juden und die britische Mandatsmacht gehen arabische Einwohner gegen die jüdische Zuwanderung und die Enteignung ihres Heimatlandes vor. Der Aufstand wird von britischen Truppen niedergeschlagen.

 

1939: Beschränkter Zuzug

Die Mandatsverwaltung beschließt die Beschränkung der jüdischen Einwanderung. Im britischen Weißbuch wird festgelegt: 75.000 Einwanderer in den nächsten fünf Jahren, danach nur mit arabischer Zustimmung. Jüdische Terrorakte gegen britische Besatzer nehmen zu.

 

30.11.1947: UN-Resolution 181

Die UN legen einen Teilungsplan für Palästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat vor. Jerusalem soll unter internationaler Kontrolle stehen. Die Jewish Agency, die offizielle Vertretung der Juden, stimmt zu, die Araber lehnen ab.

 

9.4.1948: Deir-Yassin-Massaker

Die jüdische Widerstandsgruppe Irgun greift das palästinensische Dorf Deir Yassin an, über 100 Palästinenser werden getötet. Die Panik führt zu Flüchtlingsströmen. Angeführt wird der Angriff vom späteren israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin.

 

14.5.1948: Unabhängigkeit

Einen Tag vor Ende des britischen Mandats ruft David Ben Gurion den jüdischen Staat Israel aus. Die USA erkennen den Staat noch am selben Tag an, die Sow-jetunion folgt am 17. Mai. Die BRD erkennt Israel erst 1965 diplomatisch an.

 

15.5.1948: Palästinakrieg

Kurz nach Mitternacht greift eine Allianz arabischer Staaten Israel an. Israel gewinnt den Krieg und erweitert sein Territorium. Rund 730.000 arabische Palästinenser flüchten. Der Krieg geht als „al Nakba“, die Katastrophe, ins arabische Gedächtnis ein.

 

ARTE PLUS

 

PETER KOSMINSKY

Der Regisseur und Produzent wurde 1956 in London geboren. 1980 kam er zur britischen Rundfunkanstalt BBC, drehte Reportagen sowie Dokumentarfilme und gewann zahlreiche Preise. Seit 1989 realisiert Kosminsky auch Fernsehfilme, fast immer mit einem politisch-geschichtlichen Hintergrund

 

FILMOGRAFIE

„Gelobtes Land“ (2011);

„Dschihad in der City“ (2007);

„Weißer Orleander“ (2002);

„Projekt Machtwechsel“ (2002);

„Warriors – Einsatz in Bosnien“ (1999);

„Gestohlene Kindheit“ (1997);

„The Falklands War: The Untold Story“ (1987)

(Auswahl)

 

 

Kategorien: April 2012