PASSION IN NOTEN

Silvia Lelli

Silvia Lelli

Die Passion Christi aus der Perspektive seiner Mutter Maria – das ist das Thema des zehnstrophigen lateinischen Gedichts „Stabat Mater“. Entstanden zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert, beschreibt es das Leid von Maria und wurde vielfach vertont. 2011 führte der Dirigent Antonio Pappano Rossinis „Stabat Mater“ bei den Salzburger Festspielen auf – mit Starbesetzung. Mit Pappano sprach das ARTE Magazin über die Spiritualität von Musik.

 

ARTE: Herr Pappano, das „Stabat Mater“ ist ein mittelalterliches Gedicht über den Leidensweg Jesu Christi aus der Sicht der „Mater Dolorosa“, der Schmerzensmutter Maria. Es faszinierte Komponisten über die Jahrhunderte hinweg; warum ist es auch 2012 noch aktuell?
ANTONIO PAPPANO: Im Grunde geht es nicht um die Jungfrau Maria und Jesus, sondern um eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat. Das ist herzzerreißend. Ich denke, dass diese rein menschliche Erfahrung auch die großen Komponisten inspiriert hat. Der Text ist sehr emotionsgeladen und bildhaft. Heute spricht er vielleicht gerade diejenigen an, die keine gläubigen Christen sind und dennoch nach Spiritualität suchen. Der religiöse Kontext hat mit der Kunst nichts zu tun. Musik kann jeden Zuhörer auf ganz persönliche Weise ergreifen.
ARTE: Gioachino Rossini stellte seine Version des „Stabat Mater“ 1842 fertig. Sie klingt so emotional und dramatisch wie eine Oper. Ist das nicht ungewöhnlich für Kirchenmusik?
ANTONIO PAPPANO: Sicher, Rossinis Werk hat opernhafte Züge, aber gleichzeitig auch eine große spirituelle Tiefe. Rossini ist eher für seine komischen Opern bekannt, manchen gilt er deshalb als nicht sehr profund. Das ist aber eine Klischeevorstellung. Rossini komponierte sein „Stabat Mater“, nachdem er aufgehört hatte, Opern zu schreiben. Ich fühle mich diesem Stück sehr verbunden: Man spürt darin starke religiöse Gefühle, die typisch sind für Italien.
ARTE: Sie führten das Werk 2011 bei den Salzburger Festspielen mit bekannten Solisten auf: Anna Netrebko, Marianna Pizzolato, Matthew Polenzani, Ildebrando D’Arcangelo. Wie haben die Sänger das Stück gemeistert? Rossini gehört nicht gerade zum Kernrepertoire von Anna Netrebko.
ANTONIO PAPPANO: Das „Stabat Mater“ ist für sie aber ideal! Man braucht dafür eine große Stimme, keinen leichten Sopran. Die Solistenstücke haben tatsächlich etwas sehr Opernhaftes. Die Sopran-Arie „Inflammatus et accensus“ beispielsweise ist monumental und dramatisch, auch wegen des Chores und des Einsatzes der Blechbläser gleich zu Beginn. Man denkt dabei an Verdi. Und die Arie „Cujus animam gementem“ ist für manche Tenöre ein Paradestück geworden. Zugleich erkennt man darin aber auch die spirituelle Dimension. Besonders beeindruckend finde ich „Quis est homo“, das Duett zwischen Sopran und Mezzosopran, also Anna Netrebko und Marianna Pizzolato. Die Stimmen der beiden Frauen mit ihren raffinierten Koloraturen ergänzen sich so gut, dass man den Eindruck hat, sie seien Schwestern, die gemeinsam trauern. Diese Musik ist von einer seltenen Schönheit.
ARTE: Mit Anna Netrebko und Marianna Pizzolato führten Sie nicht nur das „Stabat Mater“ von Rossini, sondern 2010 in Baden-Baden auch das von Giovanni Battista Pergolesi auf. Dessen barocke Komposition entstand 1736, mehr als 100 Jahre vor Rossinis Werk. Pergolesi hat viele Komponisten beeinflusst – auch Rossini?
ANTONIO PAPPANO: Und wie er das getan hat! Pergolesis „Stabat Mater“ ist ein Schlüssel zur italienischen Musik, es steckt voller Pathos. Der Farbenreichtum der beiden Frauenstimmen ist enorm. Ihm fehlt jede Schwere, das wird vor allem bei den in Dur-Tonarten komponierten Teilen bewusst. Es ist unglaublich, auf welch unterschiedlichen Wegen man sich diesem Werk nähern kann.
ARTE: Wie sieht Ihre Annäherung als Dirigent aus?
ANTONIO PAPPANO: Um eine Balance zu Anna Netrebkos runder und warmer Stimme zu schaffen, habe ich ein größeres Instrumentalensemble eingesetzt, als sonst bei dem Stück üblich ist. Andere Dirigenten musizieren in kleinerer Besetzung und nehmen viel leichtere Stimmen – alles ist möglich.
ARTE: Seit 2005 sind Sie Musikdirektor der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom, einer der ältesten Musikinstitutionen der Welt. Mit ihrem Chor und Orchester gaben Sie 2011 Ihr Debüt in Salzburg. Was fasziniert Sie an sakraler Musik?
ANTONIO PAPPANO: Die Ausdrucksmöglichkeiten der menschlichen Stimme. Und in Rom ist geistliche Musik ohnehin stark verwurzelt. Der wunderbare Chor ist an der Hälfte der acht Programme beteiligt, die ich jedes Jahr mit dem Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia aufführe. Einen Chor zu dirigieren ist für mich, als würde ich in die Kirche gehen.

 

DAS INTERVIEW FÜHRTE CORINA KOLBE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

ANTONIO PAPPANO

Geboren 1959 in England als Sohn italienischer Eltern, ist er Chefdirigent des Royal Opera House Covent Garden in London sowie des Orchesters der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom

 

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„STABAT MATER“– VERTONUNGEN

Viele Komponisten ließen sich durch das Gedicht „Stabat Mater“ inspirieren: von Giovanni Palestrina und Antonio Vivaldi über Joseph Haydn, Antonín Dvorák und Gioachino Rossini bis zu Francis Poulenc, Arvo Pärt, Wolfgang Rihm und Knut Nystedt. Das berühmteste „Stabat Mater“ stammt von Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736). Auch Johann Sebastian Bach war von Pergolesis Komposition beeindruckt – er arbeitete sie zu der Kirchenkantate „Tilge, Höchster, meine Sünden“ um

Kategorien: April 2012