IRISCH KOMISCH

MDR/Hoferichter & Jacobs

MDR/Hoferichter & Jacobs

Alteingesessene Irlandfans, die die Grüne Insel wegen ihrer Skurrilität lieben, kommen immer auf ihre Kosten. Aller Modernisierung zum Trotz geht vieles schief, es gibt immer Unwägbarkeiten. Im Fernsehen zum Beispiel verabschiedete sich die Ansagerin zum Sendeschluss früher einmal mit den Worten: „Noch ein Blick auf die Uhr: Es ist Null Uhr 20, 20 Minuten nach Mitternacht.“ Die eingeblendete Uhr zeigte Viertel vor vier. Das könnte heute zwar nicht mehr passieren, weil das irische Fernsehen rund um die Uhr sendet, aber es gibt genügend andere Bereiche, wo sich Pannen geradezu anbieten – zum Beispiel eine Stadtverwaltung, die das falsche Haus abreißen lässt, als die Bewohner im Urlaub sind; Züge, die ohne ihre Fahrgäste abfahren, weil der Lokführer ein Signal falsch interpretiert; die Polizei, die monatelang nach einem polnischen Verkehrssünder namens Prawo Jazdy fahndet, bis ihr jemand erklärt, dass „prawo jazdy“ Polnisch ist und „Führerschein” bedeutet; ein Angestellter einer Telefongesellschaft, der behauptet, man müsse auf einen Anschluss drei Monate warten, bis das Kabel verlegt sei, obwohl man mit ihm gerade über die vermeintlich nicht existente Leitung telefoniert; ein Priester, der in einem Dubliner Bordell einem Herzinfarkt erliegt, aber Glück hat, weil zufällig drei andere Pfarrer anwesend sind und ihm die Sterbesakramente verabreichen können. Die Liste ließe sich fortsetzen.

 

 

Der Whiskey ist schuld. Welches europäische Land leistet sich heute noch einen Dichter als Präsidenten? Die Iren haben den Labour-Politiker Michael D. Higgins, der eine ganze Reihe von Lyrik-Bänden veröffentlicht hat, voriges Jahr zu ihrem Staatsoberhaupt gewählt. Er ist kein Einzelfall: Sein Dichterkollege Douglas Hyde war 1938 der erste Präsident der Grünen Insel. Irlands schreibende Zunft wie auch seine nicht schreibenden Landsleute stehen zudem in dem Ruf, einem guten Tropfen nicht abgeneigt zu sein. Der deutsche Reiseschriftsteller Hermann von Pückler-Muskau stellte 1828 fest, die Iren seien „stets guter Dinge und zeigten zuweilen auf offener Straße Anwandlungen von Lustigkeit, die an Verrücktheit grenzte. Gewöhnlich ist der Whiskey daran schuld; so sah ich einen halbnackten Jüngling den Nationaltanz mit der größten Anstrengung auf dem Markte so lange tanzen, bis er gänzlich erschöpft, gleich einem muhammedanischen Derwisch, unter des Volkes Jubel bewusstlos hinfiel.“
Heinrich Böll, der knapp anderthalb Jahrhunderte später mit seinem „Irischen Tagebuch“ eine ganze Nation deutscher Irland-Touristen prägte, drückte es weniger drastisch aus, doch auch bei ihm sind die Iren bemitleidenswert arm, vertrinken ihre wenige Habe und singen dabei melancholische Lieder. Das Irland, das er beschreibt, gab es allerdings schon damals nicht so ganz. Heute ist Irland ein modernes, wenn auch bankrottes Land mit starker Agrarstruktur. Die Insel hat seit den 1990er Jahren eine rasante Berg- und Talfahrt durchgemacht: vom Armenhaus Europas zu einem der reichsten Länder der Welt – und wieder zurück zum Armenhaus. Ab 1987 gab es einen kontinuierlichen Aufschwung in der Wirtschaft, bis 2008 die Immobilienblase auch hier platzte. Vom Wirtschafts-boom übrig geblieben sind rund 300.000 leerstehende Häuser, ein paar Autobahnen und nach wie vor recht hohe Preise. Die Staatsverschuldung ist wegen der Bankenpleiten so stark gestiegen, dass die Regierung im Dezember 2011 bereits den siebten Sparhaushalt in drei Jahren vorlegte.

 

Wie in der Karibik. Nur beim Tourismusetat wurde nicht gekürzt, denn die ausländischen Besucher sollen die leeren Kassen wieder auffüllen. Allein mit der liebenswerten Rückständigkeit kann man sie heute nicht mehr locken und mit dem Wetter schon gar nicht. „Voriges Jahr fiel unser Sommer auf einen Montag“, erklärte ein Ire einmal einem entsetzten Touristen. Irland wird nicht ohne Grund die Grüne Insel genannt, und wo es viel Grün gibt, ist der Regen nicht weit. Fällt er jedoch als Schnee, geht gar nichts mehr, denn der Ire an sich ist nicht wintertauglich.

 

„Irland wird die Grüne Insel genannt und wo viel Grün ist, ist der Regen nicht weit.“

 

Als es in der Silvesternacht 2010 zur Überraschung der Nation in Dublin zu schneien begann, war die Stadt binnen Minuten lahmgelegt. Die Busse stellten den Verkehr ein, die Bahnen konnten wegen eingeschneiter Weichen nicht fahren und der Flughafen blieb bis Neujahrsnachmittag geschlossen. Es seien vier Schneeschauer über den Flughafen niedergegangen, sagte ein Sprecher der Verwaltung. Die ersten drei habe man noch bewältigt, aber dann musste man das Handtuch werfen: „Der Schnee fiel schneller, als wir ihn beseitigen konnten.“ Das meteorologische Institut gab bekannt, dass insgesamt ein Zentimeter Schnee gefallen war. Gleichzeitig versiegten in Tausenden Haushalten die Wasserhähne, weil die Leitungen eingefroren und geplatzt waren. Die Rohre sind in vielen der Häusern so verlegt, als stünden sie im tropischen Klima der Karibik.

 

Psychoanalyse zwecklos. Da das Wetter nun mal überhaupt nicht für die Fremdenverkehrswerbung taugt, muss man auf etwas anderes setzen. „Natur pur“, so das Versprechen der Tourismusbehörde. Allzu viel davon ist aber nicht erwünscht.

 

„Die Rohre in den Häusern sind so verlegt, als stünden sie in der Karibik.“

Ausländische Besucher lassen sich gern von sogenannten „jaunting cars“ durch den Nationalpark Killarney im Südwesten Irlands kutschieren. Das sind einspännige, zweirädrige Karren, die in Irland schon seit Jahrhunderten benutzt werden. Der englische Aristokrat Richard Twiß schrieb in seinem Buch „Reise durch Irrland“ im Jahr 1775: „Der Pöbel bedient sich dieses Fuhrwerks sehr häufig zum Vergnügen. Es wird in solchem Fall ein Bette oder eine Matte auf den Karren gelegt, auf den sich ein halb Dutzend Leute setzen, und mit den Beinen nur einige Zoll von der Erde hängen.“ Heutzutage sitzt nicht mehr der Pöbel auf den Karren, sondern der Tourist. Und den könnte der Pferdemist stören, vermuteten die Stadtoberen 2009 und verdonnerten die Kutscher, ihren Gäulen Windeln anzulegen, wenn sie in den Nationalpark fahren. Die Kutscher wehrten sich und argumentierten, dass ihre Vorfahren schon seit mehr als 100 Jahren, als der Irland-Tourismus selbst noch in den Windeln steckte, durch den Park kutschiert seien, aber es nützte ihnen nichts.
Möglicherweise hat Sigmund Freud Recht mit seiner Behauptung, dass die Iren das einzige Volk auf der Welt sind, dem durch Psychoanalyse nicht zu helfen ist. Sie seien voller Widersprüche und immun gegen rationale Denkprozesse. Andererseits kann ein Volk, das in seiner Sprache dem Besucher ein „céad míle fáilte“ – ein hunderttausendfaches Willkommen – entbietet, nicht anders als gastfreundlich, sympathisch und herzlich sein.

 

ARTE-GASTAUTOR RALF SOTSCHECK FÜR DAS ARTE MAGAZIN

DER TAZ-KORRESPONDENT FÜR IRLAND UND GROSSBRITANNIEN, LEBT SEIT 1985 IN DUBLIN. ER HAT ZAHLREICHE BÜCHER ÜBER IRLAND GESCHRIEBEN

 

ARTE PLUS

 

ZUM LESEN

Ralf Sotscheck: „Irland: Tückische Insel“ (Edition Tiamat 2011);

Ralf Sotscheck: „Nichts gegen Iren: Psychogramm eines komischen Volkes“ (Goldmann 2011);
Pete McCarthy: „McCarthy’s Bar: Mein ganz persönliches Irland“ (Piper 2008);

Tony Hawks: „Mit dem Kühlschrank durch Irland“ (Goldmann 2000)

(Auswahl)

Kategorien: April 2012