DER MANN; DER KEINE WORTE BRAUCHT

ARD/Degeto

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Er ist einer, der mehr sagt, wenn er schweigt, als einer, der spricht. Der mehr weint, wenn er lacht, als einer, der heult: Michael Fassbender. Es ist der Abgrund in seinen Augen, wenn er sich, oberflächlich schäkernd, mit einer Kollegin zum Tête-à-Tête trifft. Es ist das friedliche Lächeln, wenn er als Skelett kurz vorm Verhungern steht. Es ist das irre Grinsen, wenn der Faustschlag seine Wange trifft. Als „neuer Marlon Brando“, „neuer James Bond“, „nächster Oscarpreisträger“ wird Michael Fassbender, der nun 35 Jahre alt wird, in den Medien rauf und runter gefeiert, von New York bis Südkorea, und das zu Recht. Gründe dafür gibt es viele.

 

 

Einer davon ist sicher, dass seine Rollen so schwierig – und extrem – sind. Seinen Durchbruch hatte der 1977 in Heidelberg geborene deutsch-irische Schauspieler 2008 im Film „Hunger“, der in Cannes die Goldene Palme erhielt. Für seine Rolle als IRA-Häftling Bobby Sands ernährte sich Fassbender zehn Wochen lang von Beeren, Nüssen und Sardinen, nahm 20 Kilogramm ab. Das Drama erzählt vom legendären Hungerstreik im nord-irischen Gefängnis Maze. Im Kampf für ihre Anerkennung als politische Gefangene starben 1981 zehn Menschen, Bobby Sands war nach 66 Tagen Hunger der erste Tote. Ein schwer erträglicher Film, nicht nur, weil man einem Menschen beim Sterben zusieht, sondern auch, weil er das Grauen von Gefangenen und Wärtern zeigt. Den Urin, die Exkremente, die Schlagknüppel, die blutenden Hände.

Der Messdiener
Um Politik und Freiheit geht es Regisseur Steve McQueen in seinem Debüt „Hunger“ wie auch in „Shame“, seit März in den Kinos. Während der IRA-Häftling Bobby Sands im Hungerstreik zur Freiheit findet, steht dem sexsüchtigen Brandon alles offen, doch wird sein Körper ihm zum Kerker. Die Rolle des an seiner Scham zugrunde gehenden Menschen brachte Fassbender den Darstellerpreis beim Filmfest Venedig ein. In „Shame“ zeigt er nicht nur nackte Haut – was für viel Wirbel in den Medien sorgte – sondern vor allem, wie ihn die nackte Verzweiflung überrollt. „Für mich hat Michael Fassbender die Schauspielerei verändert. Er ist der einzige, der für mich in Frage kommt.“ Wer, wie McQueen, als Regisseur so über seinen Schauspieler spricht, muss schwerwiegende Gründe haben.
Rotblonde Bartstoppeln, wettergegerbtes Gesicht, verwaschenes T-Shirt, Jeans, die immergleiche schwarze Lederjacke – auf den ersten Blick ist Fassbenders Brando-Bond-Potenzial nicht zu erkennen. Er, der seit er zwei
ist, mit der irischen Mutter und dem deutschen Vater in Killarney lebt, rostiges Deutsch spricht, schnelle Autos liebt, in einer Rockband spielte, die nur einen Auftritt hatte, Messdiener war, Telefonieren hasst, nicht bei Facebook und Twitter ist – er ist ein richtiger Normalo.

Vom Barmann zum Weltstar
Genau das ist seine Stärke. Er ist nahbar, echt, wie seine Rollen: „Ich mag Charaktere, die Risse und Untiefen haben – weil sie jeder Mensch hat“, sagt Fassbender. Er ist kein Star, eher ein Handwerker, der zu Pressekonferenzen in Badelatschen auftaucht – Äußerlichkeiten sind ihm egal. Wenn er eine Rolle annimmt, verkriecht er sich und liest das Drehbuch 300 Mal und mehr, bis es in Fleisch und Blut übergeht. „Working-class attitude“, Arbeitermentalität, nennt das der Regisseur David Cronenberg. Fassbenders Fähigkeit, kompromisslos in seiner Rolle zu verschwinden, ist es, die ihm heute Weltruhm einbringt; jahrelang sah das anders aus.
Alles beginnt mit dem Theaterstück „Reservoir Dogs“ seines Idols Quentin Tarantino, das er als 18-Jähriger mit Freunden aufführt – 14 Jahre später wird Fassbender in dessen Action-Kriegsfilm „Inglourious Basterds“ als Leutnant Hicox mit einer einzigen Handbewegung die Weltgeschichte ändern. Dem voraus gehen Londoner Schauspielschule und Abbruch. Für Steven Spielbergs Kriegsserie „Band of Brothers“ (2001) geht er nach Hollywood – kommt aber „mit eingezogenem Schwanz“ nach London zurück, wie er selbst sagt. Es folgen kleine Rollen, Angst vor Arbeitslosigkeit, Jobs als Barmann. Bis Steve McQueen auftaucht. Dabei ist die erste Begegnung desaströs, McQueen findet Fassbender beim Vorsprechen arrogant. Er trifft ihn wider Willen noch einmal – und diesmal funkt es. Heute verbindet beide eine enge, fast zärtliche Freundschaft: „Meine oberste Priorität ist es, ihn nicht im Stich zu lassen“, sagt Fassbender im Interview. Und McQueen dreht nur mit ihm. Aktuell arbeiten beide am dritten Film, „Twelve Years a Slave“. Vielleicht liegt es daran, wie Fassbender mit einem Zucken des Mundwinkels die ganze Einsamkeit eines Mannes rüberbringen kann, der mit Prostituierten und Fremden schlafen muss, weil ihm Nähe unerträglich ist. Fassbender braucht keine Worte, sein wichtigstes Werkzeug sei seine Körpersprache, sagt er.

Ein Mann, dem man glaubt
Zu nutzen weiß er Worte aber meisterhaft. Das Gespräch zwischen Bobby Sands und einem Priester in „Hunger“ ist in die Filmgeschichte eingegangen – 17 Minuten Schlagabtausch ohne einen Schnitt. In David Cronenbergs „Eine dunkle Begierde“ (2011) frönt er als Psychologe Carl Jung intellektuellen Eskapaden mit Sigmund Freud – und sadomasochistischen mit seiner Patientin. Neben Arthouse gönnt sich der Mann der grenzgängerischen Rollen aber auch Blockbuster wie „X-Men“ (2011). Auch 2012 ist Fassbender auf allen Kanälen, neben Steven Soderberghs Action-Thriller „Haywire“ im März kommt im August Ridley Scotts „Alien“-Nachfolger „Prometheus“ in die Kinos, ein Vampirfilm von Jim Jarmusch ist in Arbeit. Zudem arbeitet Fassbender mit seiner Produktionsfirma an eigenen Projekten – vielleicht als Regisseur. Vieles spricht für das bodenständige Ausnahmetalent, aber Steve McQueen hat am besten formuliert, was es genau ist: „Weil ich ihm glaube, was er spielt.“

 

DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

 

ARTE PLUS

 

FILMOGRAFIE

„Haywire“ (2011),

„Shame“ (2011),

„Eine dunkle Begierde“ (2011),
„X-Men: Erste Entscheidung“ (2011),

„Jane Eyre“ (2011),

„Jonah Hex“ (2010),

„Inglourious Basterds“ (2009),

„Fish Tank“ (2009),

„Hunger“ (2008),

„Angel – Ein Leben wie im Traum“ (2007),

„300“ (2006),

„Band of Brothers – Wir waren wie Brüder“ (2001)

(Auswahl)

 

Kategorien: April 2012