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AUF EINEN WHISKY MIT JANE GOODALL

SWR/Andre Zacher

SWR/Andre Zacher

Ganz egal, wo Jane Goodall auftritt, stets erntet die fast 78-jährige Primatenforscherin und Aktivistin stehende Ovationen. Goodall nimmt es gelassen, für sie ist es längst Alltag. Seit über 25 Jahren reist sie unermüdlich um die Welt, um mit Vorträgen und Projekten den Menschen Hoffnung zu geben – sie zu animieren, etwas für die Rettung der Erde zu tun. Für ein selbstloses Leben im Dienste der Natur gab die gelernte Sekretärin und promovierte Verhaltensforscherin einst ihr Leben mit den Schimpansen im paradiesischen Naturreservat Gombe Stream in Tansania auf – und das, obwohl sie bahnbrechende Erkenntnisse in der Primatenforschung erzielt hatte. Dieser Wandel von der erfolgreichen Forscherin zur bedingungslosen Aktivistin ist es, der Jane Goodall heute so authentisch und mitreißend macht – auch für Regisseur Lorenz Knauer. Mit seinem Dokumentarfilm „Jane’s Journey: Die Lebensreise der Jane Goodall“ hat er den ersten Film über sie gedreht, der auch ganz private Seiten zeigt.

 

ARTE: Herr Knauer, für Ihren Dokumentarfilm „Jane’s Journey“ waren Sie über Jahre mit Jane Goodall auf Reisen: Wie kam es zu diesem Film?
LORENZ KNAUER: Das bahnte sich bereits vor 20 Jahren an, damals habe ich in New York einen Film gemacht. Die zuständige Redakteurin betreute außer meinem Film auch den ersten Film über Jane Goodall als Aktivistin – „Chimps: So Like Us“. Zufällig waren Jane und ich am selben Tag zur Rohschnittabnahme im Haus, und die Redakteurin fragte, ob ich Jane nicht persönlich kennenlernen möchte. Als ich sie dann traf, wollte ich sofort einen Film mit ihr machen. Damals verwarf ich das aber wieder, es gab ja schon alles über sie.
ARTE: Wie kam es dann doch dazu?
LORENZ KNAUER: Der Grund dafür war nicht etwa die Faszination für die weltberühmte Schimpansen-Forscherin, sondern für die Frau, die ihr Paradies in Tansania verlassen und ihre Karriere hinter sich gelassen hat, um sich der Rettung der Schimpansen und des Planeten zu widmen. Sie hätte ja bequem weiter forschen können. Aber sie erfuhr 1986 auf einer Konferenz in Chicago anlässlich ihres Buches über die Schimpansen von Gombe, wie bedroht die Natur Afrikas ist. Von einem Tag auf den anderen gab sie alles auf und begann zu kämpfen: Unermüdlich reist sie um die Welt und erweitert die Arbeit ihres Instituts, das dieses Jahr sein 35-jähriges Bestehen feiert. Dazu gehören Projekte wie das Jugendprogramm „Roots & Shoots“ oder das Entwicklungsprojekt „TACARE“ (Take care). Neben diesem Engagement hat mich die private Jane Goodall interessiert. Ich wollte einen Dokumentarfilm fürs Kino machen, der auch den Menschen hinter der weltberühmten Ikone zeigt, denn das gab es bis dahin noch nicht. 2005 habe ich Jane dann in München nach einem Vortrag angesprochen und ihr meine Idee vorgestellt.
ARTE: Hat sie sofort zugesagt?
LORENZ KNAUER: Ja, aber sie warnte mich. Sie hatte damals noch exklusive Verträge mit dem Discovery Channel. Zudem hatte ich keinen Cent, und es war eine verrückte Idee, als unbekannter deutscher Regisseur einen Film dieses Formats machen zu wollen. Aber ihr gefiel diese Idee und sie meinte, wenn ich alle Hürden überwinde und die Finanzierung auf die Beine stellen könnte, sei sie dabei. Das dauerte fast vier Jahre. Und dann kam 2008 die Finanzkrise. Zwei unserer amerikanischen Koproduzenten sprangen ab, und es hat ein weiteres Jahr gedauert, bis wir anfangen konnten zu drehen.
ARTE: Goodall war mit dem „National Geographic“-Fotografen Hugo van Lawick verheiratet. Mit dem gemeinsamen Sohn lebten sie mehrere Jahre im Naturreservat Gombe Stream. In Ihrem Film sind nun unveröffentlichte private Aufnahmen dieser Zeit zu sehen. Wie haben Sie es geschafft, an diese heranzukommen?
LORENZ KNAUER: Dieses Material lag 50 Jahre auf Janes Dachboden und sie wusste nicht einmal etwas davon. Zufällig hat es ihre Schwester beim Aufräumen gefunden. Kurz vor Drehbeginn drückte mir Jane dann eine DVD in die Hand und sagte: „Das solltest du dir einmal anschauen.“ Es sind tolle private Bilder, ein unheimlicher Glücksfall. Dieses Material hat zuvor noch niemand gesehen.
ARTE: Sie zeigen Goodall zudem nicht nur bei ihren Vorträgen und der Projektarbeit weltweit, sondern begleiteten sie auch zu ihrem früheren Forschungscamp im Dschungel. Welche Herausforderungen kamen auf Sie und Ihre Filmcrew zu?
LORENZ KNAUER: Die größte Herausforderung war vor allem, diesem verrückten Zeitplan von Jane zu folgen: 300 Tage im Jahr ist sie unterwegs! Sie konnte ihre Termine ja nicht nach uns ausrichten, sondern es war umgekehrt: Wir richteten uns ganz nach ihr, egal bei welchem Wetter und zu welcher Zeit. Zudem war es eine Herausforderung, bestimmte Einstellungen zu realisieren, die mir wichtig waren. Zum Beispiel die Aufnahme des riesigen wunderschönen Wasserfalls im Gombe Nationalpark. Zu diesem gelangt man nur über einen 45-minütigen Fußmarsch bergauf über kleine, schmale Wege. Der Wasserfall ist für sie persönlich einer ihrer spirituellsten und wichtigsten Orte, wo sie immer wieder „ihre Akkus aufladen kann“, wie sie es gern ausdrückt. Um das stimmig herüberzubringen, wollte ich einen Kamerakran da oben haben. Sie hielt mich für völlig verrückt.
ARTE: Jane Goodall wird von manchen wegen ihrer geradezu revolutionären Erkenntnisse in der Primatenforschung mit Albert Einstein verglichen. War es schwierig, mit solch einer Persönlichkeit zusammenzuarbeiten?
LORENZ KNAUER: Überhaupt nicht. Jane ist einfach toll – als Protagonistin, als Filmpartnerin und Mitglied des Teams, als das sie sich selbst auch immer bezeichnete. Sie ist absolut professionell, nie zickig, hat keine Starallüren – trotz ihrer Berühmtheit. Sie ist eine bescheidene und bodenständige Frau, mit einer erstaunlichen Kraft und Energie.
ARTE: Was konnten Sie von dieser Kraft für sich mitnehmen, welche Momente bleiben?
LORENZ KNAUER: Es gab diese Momente nach Drehschluss. Wir waren ein ganz kleines Team von vier bis fünf Leuten. Am Abend haben wir dann immer mit Jane zusammengesessen, einen Schluck Whisky getrunken, den Tag Revue passieren lassen und den nächsten Tag geplant – egal, ob wir auf dem Dschungelboden in Tansania oder dem gefrorenen Tundraboden in Grönland saßen – das waren unvergessliche Momente und ein großes Geschenk. Das hat uns alle sehr verändert.
ARTE: Inwiefern?
LORENZ KNAUER: Mich hat es darin bestärkt, weiterhin Filme über und mit Menschen zu machen, die alles versuchen, die Zerstörung dieses Planeten aufzuhalten und unser Verhalten zu verändern. Außerdem hat mich Jane Goodall als Mensch sehr berührt. Sie ist eine der ganz wenigen, die ich kenne, die auch das leben, was sie predigen. Bei ihr gibt es keinen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

 

INTERVIEW: ANDREA RADTKE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

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KURZBIOGRAFIE – JANE GOODALL

Geboren am 3. April 1934 in London; Ausbildung zur Sekretärin; 1957: Reise nach Kenia, wo sie den Paläontologen Louis Leakey kennenlernt; 1960: Leakey schickt sie für eine Feldstudie über Schimpansen in das Naturreservat Gombe Stream, Tansania; 1965 Promotion in Cambridge in Ethologie (Verhaltensforschung); Ausbau des Forschungscamps zum Gombe Stream Research Center; 1977: Gründung des Jane Goodall Institute of Wildlife Research, Education and Conservation (JGI); 1986: Goodall erfährt von der Gefährdung der Schimpansen und ihres Lebensraums und wird zur Aktivistin; 2002 Ernennung zur UN-Friedensbotschafterin

www.janegoodall.de

Kategorien: April 2012