VERBOTENE FILME

Progress Film / Herbert Kroiss

Progress Film / Herbert Kroiss

Als die 71-Jährige in Berlin die Wohnungstür öffnet, ähnelt sie der jungen Lotte Lutz, die sie vor über 50 Jahren in Konrad Wolfs „Sonnensucher“ spielte: Die Schauspielerin Ulrike Behrmann von Zerboni hat sich ihr Lächeln aus dem Film bewahrt. Das Werk von 1958, das den Alltag der Uranbergarbeiter der Wismut AG im Erzgebirge zeigt, wurde 1959 von der Sowjetunion verboten – und erst 1972 in der DDR ausgestrahlt. ARTE zeigt „Sonnensucher“ nun im Rahmen der Filmreihe „Verbotene Filme“. Ein Gespräch mit Ulrike Behrmann von Zerboni über DDR-Geruch, Zensur und starke Frauen.

 

 

ARTE: Frau Behrmann von Zerboni, vor 50 Jahren spielten Sie die Hauptrolle in Konrad Wolfs „Sonnensucher”. Warum wurde der Film verboten?
ULRIKE B. V. ZERBONI: Der Uranabbau in der Wismut war lange Zeit ein komplettes Tabuthema. Einen Tag vor der geplanten Ausstrahlung des Films 1959 legte die Sowjetunion ein Veto ein: Sie wollte nicht offenlegen, dass sie ihr Uran auch aus der ehemaligen DDR bezog. Zudem passte die Darstellung von Konflikten zwischen Deutschen und Russen nicht ins Bild der damaligen Zeit, und auch nicht, dass die Leute dort saufend und sich raufend gezeigt wurden.
ARTE: Wie haben Sie die Dreharbeiten als Westdeutsche im Osten erlebt?
ULRIKE B. V. ZERBONI: Ich kam als 16-Jährige von Bayern ins sächsische Aue. Die DDR war für mich eine total fremde Welt. Der erste Mensch, den ich getroffen habe, war der Russe Viktor Awdjuschko, der den sowjetischen Ingenieur Sergej verkörperte. Ein sehr großer Mann, der kein Wort Deutsch sprach. Wir gingen durch die herbstlichen Parks in Babelsberg, wo wir drehten, und er rezitierte russische Gedichte. So war für mich der DDR-Geruch auch mit sehr romantischen Erlebnissen verbunden. Aber auch politische Ereignisse wie den Jubel über den ersten russischen Sputnik 1957 habe ich dort erlebt.
ARTE: Ein berühmtes Zitat aus dem Film ist: „Ich bin radioaktiv von vorne und hinten.” War Ihnen die Sprengkraft dieser Zeilen bewusst?
ULRIKE B. V. ZERBONI: Überhaupt nicht. Ich bin damals recht unpolitisch aufgewachsen. Ich konnte Shakespeare, Goethe, Schiller und Molière zitieren, wurde in einem Mädcheninternat konfirmiert und fromm erzogen. Als ich dann in die DDR kam, verstand ich so vieles nicht.
ARTE: Aber Sie ahnten schon, dass der Film subversiv war für die damalige Zeit.
ULRIKE B. V. ZERBONI: Das war er ja gar nicht! Konrad Wolf war ein überzeugter Kommunist, der 1976 sogar die Ausbürgerung von Wolf Biermann als richtig empfunden hatte. Für Konrad Wolf war das Verbot des Films daher sehr schlimm. Er fügte nachträglich noch drei Szenen ein, um die Filmausstrahlung doch noch zu ermöglichen. In einer Szene lässt er zum Beispiel den SED-Genossen Jupp mit geballter Faust sagen: „Die Sowjetunion hilft der ganzen Welt im Kampf um den Frieden.“ Erst 1972 wurde „Sonnensucher“ im DDR-Fernsehen gezeigt, aber das lag vor allem an der politischen Situation, die sich in den Jahren nach dem Tod Stalins und mit dem Amtsantritt Erich Honeckers ab 1971 zunächst etwas lockerte.

 

„Es ist die Darstellung von Konflikten zwischen Deutschen und Russen, die nicht ins Bild der damaligen Zeit passte.“

 

ARTE: Wie reagierten Sie persönlich auf das Verbot?
ULRIKE B. V. ZERBONI: Ich war inzwischen an den Münchner Kammerspielen engagiert und mitten in den Proben, als ich erfuhr, dass die Premiere in Berlin kurzfristig abgesagt worden war. Da hatte ich mich zum Glück bereits auf eine neue Sache konzentriert und spielte mit Mario Adorf, der in München sein erstes festes Engagement hatte, in „Der Sommer der 17. Puppe“. Es war eine viel zu aufregende Zeit, um Trübsal zu blasen.
ARTE: Letztes Jahr haben Sie den Film zum ersten Mal wiedergesehen. Wie war das?
ULRIKE B. V. ZERBONI: Der Film wirkt heute durch sein Schwarz-Weiß-Format etwas fremd. Aber was mich beeindruckt hat, ist seine Machart, er ist wirklich ein Kunstwerk. Die Szene, in der es mit dem Lift in den unteren Schacht des Bergwerkes geht, dauert fast eine halbe Minute. Das war authentisch!
ARTE: Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrer Rolle?
ULRIKE B. V. ZERBONI: Diese Lotte, die ich in „Sonnensucher“ verkörpert habe, wird wahnsinnig rumgeschubst zwischen den Männern und ihr bleibt gar nichts anderes übrig, als sich anzupassen. Was soll sie auch machen? Der Russe Sergej, der sie eigentlich liebt, lässt keine Gefühle zu, und der junge Deutsche Günter behandelt sie grob. Aber als Sergej schließlich die DDR verlässt, bleibt eine viel selbstsicherere Lotte zurück. Ich finde die Figur sehr anrührend und glaube, dass es so eine Frauenfigur heute im Film kaum noch gibt.
ARTE: Hat „Sonnensucher“ im Jahr 2012 noch einen aktuellen Bezug?
ULRIKE B. V. ZERBONI: Auf jeden Fall. Damals wurden die Bergarbeiter in die strahlenden Stollen geschickt. Aber auch heute gibt es weltweit Arbeiter, die unter schweren Bedingungen schuften müssen, weil Kernenergie fortwährende Realität ist.
ARTE: Was würden Sie gerne noch spielen?
ULRIKE B. V. ZERBONI: Der Sohn meines Schauspielkollegen Erwin Geschonneck aus „Sonnensucher“, Matti Geschonneck, macht hervorragende Fernsehfilme. Mit dem würde ich sehr gerne einmal zusammenarbeiten. Und eigentlich möchte ich auch noch einmal in den Himalaja reisen.

 

INTERVIEW: FRANZISKA JÄGER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE Interview

 

ULRIKE BEHRMANN VON ZERBONI

Am 26. August 1940 als Ulrike Germer auf den Kanarischen Inseln in Las Palmas geboren. Sie arbeitet als Schauspielerin und Psychodramatikerin

Kategorien: März 2012