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„MAN HAT AUS FUKUSHIMA NICHTS GELERNT“

NDR / Peter F. Müller

NDR / Peter F. Müller

 

Ein Jahr nach der Katastrophe in Japan rüsten Kernkraftbetreiber und Regierung Atommeiler wieder auf und stricken an einem neuen Mythos: Alles sei wieder unter Kontrolle. Das ARTE Magazin sprach mit Philipp Abresch, Leiter des ARD-Studios in Tokio, über die obskure Informationspolitik der japanischen Regierung.

 

ARTE: Herr Abresch, Sie sind seit Februar 2011 in Japan. Wie ist die Situation heute vor Ort, ein Jahr nach der Nuklearkatastrophe?
PHILIPP ABRESCH: In Minamisoma, einer Stadt am Rande der Sperrzone Fukushimas, lebten vor der Katastrophe 70.000 Menschen, jetzt sind es nur noch 30.000. Doch man simuliert hier so etwas wie den Alltag. Die Geschäfte haben geöffnet, es gibt Verkehrsstaus, Mütter bringen ihre Kinder in die Krippe. Sie spielen dort, wo wir bei 400 Nanosievert schon den Mundschutz anziehen. Ich höre aber auch von Familien, die ständig durchs Haus gehen und putzen, um den möglicherweise belasteten Staub wegzuwischen. Fukushima hat seine Spuren hinterlassen. Doch die Japaner sind verschlossen, sie äußern ihre Sorgen nicht in der Öffentlichkeit.
ARTE: Wie lässt sich das erklären?
PHILIPP ABRESCH: Diese Ruhe im Land war beim Tsunami eine große Tugend. Der schweigende Umgang der Japaner mit der nuklearen Gefahr lässt sich aber nur so erklären: Es gibt in Japan ein anderes Verständnis von Zivilgesellschaft. In Deutschland sind wir in Verbänden und Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace organisiert. Solche Strukturen sind in Japan viel weniger ausgeprägt.
ARTE: Wie geht die Regierung mit der Situation um?
PHILIPP ABRESCH: Von ehemals 54 Atomkraftwerken sind aktuell nur noch drei am Netz. Die Ausgaben für fossile Energieträger steigen. Doch die Regierung setzt auf Nachrüstung. Ein Beispiel: Hamaoka ist ein Atomkraftwerk, baugleich mit Fukushima, das vor 40 Jahren auf eine Erdbebenspalte gesetzt wurde. Dieses AKW wurde zwar vom Netz genommen, aber die Zeit wird genutzt, um nachzurüsten: Wände werden stabilisiert und Schutzmauern noch höher gebaut. Mein Eindruck ist, man hat aus Fukushima nichts gelernt.

 

ARTE: Wie stark ist die Atomlobby in Japan?
PHILIPP ABRESCH: Es gibt einen japanischen Begriff, der die Verhältnisse im Land sehr treffend beschreibt: „Amakudari“ – der vom Himmel Hinabgestiegene. Er beschreibt die Tatsache, dass sich viele Politiker für die Atomkraft einsetzen, weil dann nach ihrer Karriere ein Posten in den Aufsichtsräten der Stromkonzerne auf sie wartet.
ARTE: Welche Informationspolitik verfolgen die Verantwortlichen in Japan, nun ein Jahr danach?
PHILIPP ABRESCH: Die Pressesprecher des Kraftwerk-Betreibers Tepco reden sich aus allem raus, was nicht belegbar ist. Im Fall der Explosion von Reaktorblock 3 sprechen sie von einer Wasserstoffexplosion. Es gibt aber ernste Hinweise, wie die des amerikanischen Atomingenieurs Arnold Gundersen, die von einer nuklearen Kettenreaktion ausgehen, da die Rauchwolke der eines Atompilzes glich.
ARTE: Gibt es kritische Nachfragen aus dem Land?
PHILIPP ABRESCH: Es gibt eine kleine Truppe mutiger japanischer Journalisten, die kritische Fragen stellt – aber die werden gemobbt, wo es nur geht.
ARTE: Wie kommen Sie an echte Informationen?
PHILIPP ABRESCH: Es gibt auch hier die Whistleblower, also Informanten. Außerdem Journalisten wie Tomohiko Suzuki, der sich als Arbeiter in das AKW eingeschleust hat. Seine Aufnahmen mit einer versteckten Kamera zeigen: Die Arbeiter werden nicht ausreichend auf Strahlung überprüft und gereinigt und nehmen sie so mit nach draußen.
ARTE: Steigt die Skepsis der Japaner gegenüber der Atomkraft?
PHILIPP ABRESCH: Nach der Katastrophe demonstrierten in Tokio bis zu 60.000 Menschen – eine absolute Neuerung. Jetzt hat sich die Lage normalisiert, aber mit einem Unterschied: Viele Menschen wissen um die Gefahr der Atomkraftwerke im Land.
ARTE: Deutschland hat den Atomausstieg beschlossen. Hat man das in Japan auch erwogen?
PHILIPP ABRESCH: Politiker begegnen dem Ausstieg mit Skepsis und sagen: „Deutschland kann Atomstrom aus Frankreich importieren.“ Japan dagegen ist eine Insel und auf sich gestellt. Doch das ist eine kurzsichtige Entschuldigung, um an der Atomenergie festzuhalten. Japan wäre wie geschaffen für Geothermie mit all seinen Vulkanen. Es ist erstaunlich, mit welchem Selbstverständnis die Atomkonzerne agieren.

 

INTERVIEW: KRISTIN BARTHOLMESS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

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FUKUSHIMA: FAKTEN & ZAHLEN

Das Erdbeben mit einer Stärke von 9,0 und der Tsunami am 11. März 2011 fordern mehr als 15.800 Menschenleben

Die Naturkatastrophe trifft auch das AKW Fukushima; Notstromversorgung und Kühlsysteme fallen aus; Wände der Reaktoren 1, 2, 3 und 4 werden durch Explosionen schwer beschädigt; es kommt zu Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3. Radioaktivität tritt in hohen Mengen aus; die Sperrzone um die Atomanlage hat einen Radius von 20 km. Circa 80.000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen

Kategorien: März 2012