DIE WELT SPÜREN

ARTE France

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Man muss Menschen nicht sehen, um ihnen zu begegnen. Sophie Massieu weiß das. Sie trägt weder Sonnenbrille noch Blindenstock, ihre blau-grünen Augen richten sich direkt auf ihr Gegenüber. Nur ihr Begleiter, Blindenführhund Pongo, lässt vermuten, dass Sophie blind ist. Ein kräftiger Händedruck, ein freundliches Lächeln – schon legt sie los.

 

Sie erzählt von ihren Erlebnissen und Begegnungen beim Dreh der Dokuserie „Was du nicht siehst“. Davon, wie sie auf der französischen Insel La Réunion mit dem Marathon-Champion Armand einen Vulkan erklommen hat. Wie sie mit dem Einheimischen Norbert auf einem Boot in einer Sumpflandschaft Lousianas spazieren gefahren ist, wo es vor Krokodilen nur so wimmelte. Oder wie sie gemeinsam mit Frau Zhu an den Quais von Shanghai Tai-Chi geübt hat. Mit all diesen Menschen hat sie etwas Besonderes erlebt.

 

 

Sophie ist die erste blinde Journalistin, die um den Globus reist. Mit ihrem Hund Pongo erforscht sie die Kulturstätten der Welt. Wie sie das schafft? „Ich kann nicht sehen. Deshalb packe ich die Welt an. Ich will sie fühlen, ich will sie wirklich spüren!“, sagt sie voller Tatendrang. Das Ziel der Dokuserie formuliert Sébastien Deurdilly, Produzent der Serie, so: „Eine Reise der Sinne mit Sophie.“Aber die junge Frau hat weit mehr Talente als ihren ausgeprägten Tastsinn, ihr gutes Gehör und ihre feine Nase: „Sophies Gabe ist es, die Menschen dazu zu bringen, sich ihr zu öffnen“, sagt er. Das zeigt sich bei ihrem Besuch in Neapel, wo Sophie die Sängerin Nora trifft.

 

Nach ein paar Minuten haben sich die Frauen angefreundet und Nora zeigt Sophie ihre Heimatstadt singend auf der Vespa. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mit dem Hund auf dem Schoß machen würde“, sagt Sophie begeistert. Pongo, ein schöner und sehr geduldiger Dalmatiner, lässt es brav über sich ergehen. Auf der Fahrt nimmt Sophie alles um sich herum wahr: die pfeifenden Kinder, die läutenden Kirchenglocken und das wilde Gehupe der Autofahrer.

 

Geschichte zum Greifen nah. Die Reise geht weiter nach Pompeji, kaum 25 Kilometer von Neapel entfernt. Noch bevor der ortsansässige Historiker loslegen kann, klettert Sophie schon über das Geländer, um den römischen Altar zu erkunden. Ihre Finger gleiten über das Relief, tasten jeden noch so kleinen Riss und selbst minimale Erhöhungen ab. Von der Selbstverständlichkeit, mit der Sophie das geschichtsträchtige Relikt abtastet, überrascht, beginnt der Historiker schließlich doch, die abgebildeten Riten genau zu beschreiben. Die Kamera macht Großaufnahmen, die wie visuelle Streicheleinheiten wirken: römische Geschichte hautnah.

Bis vor die Kamera war es ein langer Weg: Um Journalistin zu werden, hat die 36-jährige Sophie hart gearbeitet. Auf ihr Jurastudium folgte der Besuch einer Journalistenschule, dann schrieb sie mehrere Jahre für französische Zeitungen und Zeitschriften wie „Libération“ oder „L’Express“.

Nun ist sie voll und ganz für den Dreh der Dokuserie eingespannt, muss in einem unglaublichen Tempo von einem Ort zum nächsten. Im Februar dieses Jahres war sie kaum drei Tage hintereinander zu Hause in Paris. Den Rest des Monats reiste sie durch Indien, Berlin und Äthiopien. „Zehn Monate auf Achse. Das ist die einzige Kehrseite der Medaille“, sagt Sophie seufzend, „denn sonst konnte ich dank der Serie zum ersten Mal Amerika besuchen, im Pazifik baden und im Roten Meer lebende Fische in die Hand nehmen. Außerdem bin ich mit einem Gleitschirm geflogen und zum ersten Mal auf einem Trecker gefahren.“

Und Sophie lernt viele Menschen kennen, so wie die junge Frau Jian Mei beim Dreh in Shanghai. Sie ist hoch in den Wolkenkratzern, spaziert in den alten Hutong-Vierteln und wurde in die traditionelle Tee-Zeremonie eingeführt – und in das „Cupping“. Was das ist? „Eine chinesische Heilmethode, bei der heiße Saugnäpfe auf den Rücken gelegt werden. Das tut ziemlich weh. Ich musste danach zwei Tage lang auf dem Bauch schlafen“, sagt Sophie lachend.

Viele ihrer Begegnungen hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Sophie selbst geht selten in eine Kirche, aber das Gospelkonzert, das in einer kleinen Kapelle im tiefsten Louisiana stattfindet, berührt sie sehr. Oder ihr Besuch des Wattenmeers der Baie de Somme an der Nordküste Frankreichs. Bei einer Ausfahrt mit einem alten Kutter drückte ihr der Fischer plötzlich das Steuer in die Hand. „Keine Sorge“, sagte er, „solange du den Wind im Gesicht spürst, fahren wir in die richtige Richtung.“

 

Kameras auf Schritt und Tritt. Fünf Journalisten bereiten für Sophie die Reportagen rund um die Welt genau vor. Überall lernt sie die Besonderheiten der Regionen kennen und trifft dabei Menschen, die ihr Wissen und ihre Bräuche vermitteln: Seien es Flamencotänzer in Andalusien, Schafhirten auf Korsika oder Beduinen im jordanischen Wadi Rum.
Dabei ist Sophie unermüdlich. Begeistert lässt sie sich überall hinführen. „Sie ist kultiviert und hat nie Angst. Meistens vergessen wir, dass sie blind ist“, erzählt Benoît Raio de San Lazaro, einer der Journalisten, die die Reisen organisieren. Mit den Kameras, die sie auf Schritt und Tritt begleiten, geht Sophie ganz natürlich um. „Die meisten denken nur daran, ob sie gut aussehen und im richtigen Licht gefilmt werden“, sagt Produzent Deurdilly, „Sophie ist das egal.“

 

In erster Linie Journalistin. Hund Pongo. der sich langsam zum stillen Komoderator der Serie entwickelt, ist immer an Sophies Seite. „Dank einer EU-Richtlinie darf er als Blindenhund umsonst in die Kabine aller Flugzeuge, die in Europa zwischenlanden“, erzählt Benoît. „Außerhalb Europas muss man ab und zu verhandeln, damit er auch überall mit kann, aber irgendwie klappt es immer.“ Obwohl Pongo keine Flugmeilen sammelt, ist er inzwischen genauso jetlagerprobt wie sein Frauchen. Nur Schiffe mag er nicht so besonders: „Pongo hasst Wasser, aber er hasst es noch mehr, von mir getrennt zu sein“, sagt Sophie.

Deshalb lässt er selbst die Übertragung des Europapokalendspiels zwischen dem FC Barcelona und Manchester United auf einem großen Platz mit 100.000 jubelnden Fans mitten in Barcelona über sich ergehen: Währenddessen macht Sophie Witze über sich selbst, weil sie Fußball eigentlich nicht besonders leiden kann. Dass sie die Tore nicht sehen kann, ist kein Problem. Die Opferrolle mag sie nicht: Sophie ist zwar blind, aber in erster Linie ist sie Journalistin.

 

PIERRE-OLIVIER FRANÇOIS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

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BLINDENHUNDE

Blindenführhunde müssen psychisch besonders belastbar und körperlich gesund sein. Als besonders geeignete Rasse hat sich der Labrador-Retriever etabliert. In der bis zu zwölf Monate langen Ausbildung lernt der Hund, auf etwa 30 Hörzeichen zu reagieren. Danach muss er noch individuell eingearbeitet werden. In Deutschland haben nur ein bis zwei Prozent der Blinden einen Führhund. Derzeit sind etwa 3.000 von ihnen im Einsatz.

weitere Infos unter:
www.fuehrhundschule.de;
www.hundeinfoportal.de

Kategorien: März 2012