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ALS DIE MODE LAUFEN LERNTE

Deralf / Story Box Press

Deralf / Story Box Press

Wer ist nur auf die Idee mit der Mode gekommen? Angezogen haben sich Menschen schließlich schon seit der Steinzeit – aber von Mode ist erst seit etwa 150 Jahren die Rede. Schuld daran ist ein Engländer, der in Paris Furore machte: Charles Frederick Worth (1825–1895) hatte die geniale Idee, seinen Namenszug in jedes von ihm kreierte Kleidungsstück zu nähen – ganz so, wie ein Maler seine Meisterwerke signiert. Und da die elegante Kaiserin Eugénie, Gemahlin von Napoleon III., in seinen Roben Hof hielt, wollten fortan alle Damen von Stand nur noch Worth tragen. Es war das Ende der anonymen Schneiderinnen und der Aufstieg exzentrischer – männlicher – Couturiers, die sich selbst als Stars und ihre Entwürfe als einmalige Kreationen vermarkteten.

 

 

Der Befreiungsschlag
Auf Worth folgte der Franzose Paul Poiret (1879- 1944), der das Ego des Engländers noch übertraf. Er rühmte sich, den Körper der Frau vom Korsett befreit zu haben – die Anregung dazu hatte er von der Tanztruppe „Ballets Russes“ bekommen, die ganz Paris Anfang des 20. Jahrhunderts in Ekstase versetzte. Frauen träumten davon, sich so entfesselt und offensichtlich erotisch wie sie zu präsentieren. Aber dazu mussten sie alles Einengende, Kleidung wie Moral, über Bord werfen. Die Pariserin war bereit dazu und Poiret gab ihr die passende Mode: „La Vague“, ein schlichtes schmales Gewand, das den Körper so locker umspielte wie eine Welle. Poirets Untergang begann mit der Aussage: „Die Mode braucht einen Tyrannen.“ Er vergaß die Befreiung der Frau und propagierte aus einer Laune heraus den „Humpelrock“, der nur winzige Schritte erlaubte – und diesmal folgten ihm die Frauen nicht. Denn Mode entspringt nicht, wie manche glauben, der Willkür weltfremder Designer. Wir brauchen Mode. Mit unserer Kleidung signalisieren wir wortlos, wer wir sind – oder sein wollen. Mode ist immer Ausdruck ihrer Zeit. Nur wenn sie unsere Bedürfnisse, unsere Sehnsüchte und Visionen trifft, verfallen wir ihr.

Nach Poiret war die Zeit reif für einen weiblichen Couturier. Mit großen Schritten liefen die Kundinnen zu einer Frau über, die der lebende Beweis dafür war, dass man auch mit knabenhafter Figur, kurzen Haaren und kleinen Hüten die Männerwelt betören kann: Gabrielle Chanel (1883–
1971), genannt Coco, brachte den Frauen wirkliche Bewegungsfreiheit. Sie adaptierte die Kleidung ihrer reichen Liebhaber, insbesondere Pullis und Tweedjacketts, und wertete das bequeme und billige Arme-Leute-Material Jersey nach dem Ersten Weltkrieg zum schicken Modestoff auf. Das war es, was lebenstüchtige Frauen zu diesem Zeitpunkt brauchten! Sie hatten wenig Geld und strebten, wie Chanel, nach eigenen Karrieren – schon allein deshalb, weil sie allein waren, zu viele Männer waren nicht mehr aus dem Krieg zurückgekommen. 1926 erfand Coco das kleine Schwarze, ein Allroundkleid, das von morgens bis abends Dienst tat, im Beruf, zum Ausgehen, je nach Accessoires. Nach wie vor gilt es als Basis jeder guten Garderobe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Aus für emanzipierte Frauen, die Mode reduzierte sie wieder auf „Küche, Kirche, Kinder“. Ausgerechnet „New Look“ wurde die Linie von der Presse getauft, die Frauen geradewegs zurückschickte in die Belle Epoque (1879-–1914) mit ihren eingeschnürten Taillen. Christian Dior (1905–1957), kahlköpfig, schüchtern, schwul, kreierte seinem Financier und Textilfabrikanten Boussac zuliebe Röcke, die bis zu 40 Metern Umfang hatten – ein Alptraum für die Frau, die sie ohne fremde Hilfe kaum anlegen konnte. Aber manche empfanden es nach den Entbehrungen von zwei Weltkriegen als wahren Luxus, zum hilflosen Weibchen an der Seite des Mannes zu mutieren. Diese Rolle blieb begehrenswert, solange das Wirtschaftswunder blühte. Diors Nachfolger im Hause Dior wurde Yves Saint Laurent (1936–2008). Er holte die Frauen in die Gegenwart zurück und verjüngte die Mode, indem er die aufmüpfigen Studentinnen vom linken Seine-Ufer in Paris zum Vorbild nahm. „Nieder mit dem Ritz, lang lebe die Straße“, lautete sein Credo und so holte er Lederblousons, Rollis und knappe Röcke vom lauten Boulevard direkt zu Dior. Doch das war schon zu progressiv, die konservative Klientel zeigte sich schockiert und Textilmagnat Boussac feuerte den feinfühligen Jüngling.

 

Der Visionär YSL
Das war der Beginn der größten Modekarriere des 20. Jahrhunderts. Mit Hilfe seiner Abfindung, vor allem aber mit Unterstützung seines Lebensgefährten Pierre Bergé, eines gewieften Geschäftsmanns, gründete Yves Saint Laurent sein eigenes Modehaus und machte seine Initialen YSL zum erfolgreichsten Modekürzel der Welt. Obwohl noch scheuer als Dior, wusste Saint Laurent genau, was in der Welt passierte. Er ahnte die sozialen Umbrüche und zeigte den Frauen, die scharenweise von Dior zu ihm überliefen, die Zukunft. Und die war, wie bei Chanel, von der Männermode bestimmt – vor allem von Smokings. Den Smoking lud YSL erotisch auf, indem er ihn auf nackter Haut tragen ließ. Als die erste Dame der Gesellschaft es wagte, damit ins Ritz zu gehen, wurde sie noch des Restaurants verwiesen. Sie wusste sich aber zu helfen: Sie legte auf der Toilette die Hose ab und wurde unbeanstandet im langen Smokingjackett zu schwarzen Strumpfhosen akzeptiert: Mini war in Ordnung – Hosen (noch) nicht. Der Mini trat von der Straße seinen modischen Siegeszug um die Welt an. Offiziell gilt die Engländerin Mary Quant (*1934) als Erfinderin, aber in Wirklichkeit war das kurze Röckchen auf Londons Straßen längst gang und gäbe, bevor es auf den Laufstegen auftauchte.

 

„Obwohl noch scheuer als Dior, wusste Yves Saint Laurent, was in der Welt passierte. Er ahnte die sozialen Umbrüche seiner Zeit und zeigte den Frauen Zukunft.“

Demokratisierung der Mode
Und das war Mode, die von unten kam: Die neue Linie wurde von vielen Designern gemacht, deren Boutiquen wie Pilze aus dem Boden schossen. Von den Etablierten erkannte YSL als Erster die neue Zeit: 1966 führte er die günstige „Prêt-à-porter“-Linie ein, später die noch günstigere Drittlinie „Variation“. Damit bewies er sich endgültig als Visionär.
Die Gesellschaft Ende der 1960er Jahre machte magere, großäugige Kindfrauen wie die Models Twiggy und Jean Shrimpton zu Idolen. Und bald danach beherrschte Politik in Form von Punk die Szene. Eine intelligente Kreative wie Vivienne Westwood (*1941) schuf daraus nicht nur aktuelle Boutiquenmode, sondern bald – und bis heute – auch aufwendige, provozierende Mode mit solidem Handwerk. Einen Schock ganz anderer Art versetzten „die Japaner“ der Pariser Modewelt 1981. Mit düsteren Gewändern, die den Körper verleugnen und ihre spezifische Ästhetik nur in der Bewegung entfalten, verwirrten Rei Kawakubo und Yohji Yamamoto die westlichen Experten. Suzy Menkes, einflussreiche Kritikerin der „Herald Tribune“, fühlte sich zwar „vom Kopf her zu den Japanern hingezogen“, wollte aber den Franzosen das Anziehen ihres Körpers überlassen. Das Verkopfte daran brachte nun auch Intellektuelle dazu, sich endlich auch für so etwas Oberflächliches wie Mode zu interessieren. Am besten erfüllten diese Rolle die Belgier mit ihrem Dekonstruktivismus, der das Innerste nach außen kehrte, vom Futter bis zu den Nähten. Großmeister dieser Antimode war Martin Margiela (*1957), dessen Mode längst museumsreif und mit großen Ausstellungen geehrt war, als er Ende 2009 die Leitung der Maison Margiela abgab.

Die Gegenwart wird beherrscht von preiswerten Massenartikeln, wenn auch viele Modeketten immer wieder Stars als Zugpferde anheuern. Am liebsten Karl Lagerfeld (*1938). Bei ihm bleibt die eigene Mode anonym, während sein Name jede Marke überstrahlt – ob er nun für Chanel, Fendi oder H&M entwirft. Lagerfeld ist der Kunst- und Avantgarde-Falle ausgewichen, deswegen ist sein Name Gold wert. Unter all den Global Playern ist er der einzige Solospieler.

 

ARTE-GASTAUTORIN: CHARLOTTE SEELING FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

 

ARTE PLUS

 

BUCH-TIPP

Charlotte Seeling: „Mode. 150 Couturiers, Designer, Marken.“ (Ullmann 2010)

 

WEITERE BÜCHER

Harriet Worsley: „Decades of Fashion. Mode 1900 bis heute.“ (Ullmann 2011);

Stefanie Schütte: „Die 101 wichtigsten Fragen – Mode, Fashion, Haute Couture“ (Beck 2011);

NJ Stevenson: „Die Geschichte der Mode. Stile, Trends und Stars“ (Haupt 2011);

Gundula Wolter, Ingrid Loschek: „Reclams Mode- und Kostümlexikon“ (Reclam 2011)

 

Kategorien: März 2012