aurore.schaller@arte.tv

DAS MEER AM MORGEN

In Frankreich wird er als Widerstandskämpfer des Zweiten Weltkriegs verehrt und ist so berühmt wie Sophie Scholl: Guy Môquet. Mein Film "Das Meer am Morgen" erzählt die Geschichte dieses erst 17-jährigen Jungen, und wie es zu seinem frühen Tod kam. Die Tat, die er mit dem Leben bezahlen musste: Er hatte 1940 in einem Pariser Kino Flugblätter gegen die deutschen Besatzer in den Saal geworfen, wofür er verhaftet wurde. Sein Vermächtnis: der Abschiedsbrief an seine Familie, den er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb.

Diesen bewegenden Brief Guy Môquets hat der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger ein paar Tage nach der Ermordung des Jungen 1941 ins Deutsche übersetzt. Wovon weder ich noch sonst jemand in Frankreich etwas wusste. Erst die Entdeckung, dass Ernst Jünger als Historiograf in Paris mit dem Vorfall befasst war, weckte meine Neugier an diesem Fall, der zeigt, wie man aus jugendlichem Überschwang ganz ungewollt zum Märtyrer werden kann. Zudem stieß ich auf den Text von Ernst Jünger mit dem Titel "Zur Geiselfrage", den er vernichtet hatte, und vergaß, dass es eine Kopie gab.

So verfügen wir heute über eine genaue Schilderung des Ablaufes dieser fatalen Aktion: Sie beginnt mit dem Attentat auf den deutschen Offizier Karl Hotz in Nantes am 20. Oktober 1941. Als Vergeltung fordert Hitler die Erschießung von 150 Franzosen in Haft. Tatsächlich werden am 22. Oktober in Paris, Nantes und Châteaubriant 48 Menschen hingerichtet. In Châteaubriant stirbt Guy Môquet, mit 17 Jahren das jüngste Opfer. Wer wählte die Namen aus, die auf der Todesliste standen? Wie? Warum? Alle Beteiligten versuchen, dieses jedem Völkerrecht spottende Massaker als einen reinen Verwaltungsakt zu behandeln, für den letztlich niemand die Verantwortung übernehmen will.

Blühender Ginster. "Das Meer am Morgen war so ruhig und so verschlafen wie unser ganzes Land. Empört werden die Menschen jetzt wach werden und sich erheben", schreibt die junge Odette Lecland ihrem Freund Guy Môquet zum Abschied. Sie hatte ihn als Mitinsassin des Lagers von Châteaubriant kennengelernt, eine zaghafte Liebelei hatte begonnen. Der Film erzählt diesen Augenblick, an dem historisch alles kippte, auf französischer wie auf deutscher Seite. Der Tod Guy Môquets und mit ihm die erste Massenexekution markiert den Beginn des bewaffneten kommunistischen Widerstands im gesamten besetzten Teil Frankreichs.

Für mich gab es noch einen anderen, sehr persönlichen Grund, an Guy Môquet zu erinnern. Auch ich war 17, als ich vor mehr als 50 Jahren, gerade ein Jahrzehnt nach Kriegsende, im Rahmen eines europäi-schen Schüleraustausches an ein Jesuiteninternat in die Bretagne kam. Neugierig wurde ich, der junge Deutsche, beobachtet. Jede Familie hatte ihre Erfahrungen mit den Besatzern gemacht, als Opfer oder als "collaborateurs". Ein Schulkamerad aus Nantes, heute der Arzt im Ruhestand Dr. Espelle, damals der kleine Jean-Pierre, wohnte dort in der rue du Roi Albert. Vor seiner Haustür war im Oktober 1941 der deutsche Offizier Karl Hotz erschossen worden.

Als kleiner Junge erlebte er die für ihn unverständliche Hausdurchsuchung und das Entsetzen der Eltern. Die Repressalien sollen furchtbar gewesen sein, erzählte er damals, sogar ein 17-jähriger Junge, ein gewisser Guy Môquet, sei erschossen worden, was letztlich die Résistance ins Leben rief. Näheres war nicht zu erfahren, vielleicht wollte ich, der 17-Jährige, auch nicht mehr davon wissen. Zu sehr liebte ich die Gegenwart. Blühender Ginster begrüßte mich im April 1956 in der Heidelandschaft, die das pittoreske Städtchen Vannes in der Bretagne umgab. Vorkriegsautos dominierten das Straßenbild, Frauen in schwarzen Trachten mit hohen weißen Hauben saßen vor den zahlreichen Kirchen, Häuser und Stadtmauern schienen seit Jahrhunderten unberührt. Doch was hier noch präsent war, als wäre es gestern gewesen, waren fünf Jahre deutscher Besatzung.

Unendlich groß der Mut. Ein Leben und viele Filme später hat mich die Geschichte eingeholt: In Paris gab mir der Journalist Pierre-Louis Basse nach einem Interview ein Büchlein von sich in die Hand: "Guy Môquet – Une enfance fusillée", eine erschossene Kindheit. Dieses und noch ein weiteres Buch inspirierten mich zu meinem Film "Das Meer am Morgen": Als Gegenfigur zu Guy führe ich einen jungen Deutschen ein, eine Heinrich Böll nachempfundene Figur aus seiner frühen Erzählung "Vermächtnis". Böll diente im selben Jahr als 21-Jähriger am Atlantikwall. Diese Figur ist ein Soldat, der in dem Hinrichtungskommando landet – zur Strafe, weil er seinen Tornister auf dem Fahrrad eines Kameraden transportieren ließ, statt ihn selbst zu tragen. Sein friedliebender Schütze erlaubt mir, die Ereignisse von einem weiteren deutschen Schriftsteller reflektieren zu lassen, wenn auch bei Böll Fiktion ist, was bei Jünger auf Tatsachen beruht. Es ist eine kleine Geschichte, unendlich groß durch den Mut der Beteiligten, unerbittlich in ihrem Ablauf wie eine griechische Tragödie – und fast unverständlich im heutigen Europa. Es ist gut, sich an sie zu erinnern, wann immer Europa infrage gestellt wird.

Der Abschiedsbrief

Guy Môquets Brief vor der Hinrichtung, 1941 übersetzt von Ernst Jünger.

Meine liebe Mutter
Mein sehr lieber kleiner Bruder
Mein lieber Vater

Ich stehe vor dem Tode. Ich bitte Euch, und Dich besonders liebe Mutter, mutig zu sein. Ich bin es und möchte es
ebenso sein wie jene, die vor mir gestorben sind. Gewiß würde ich gerne leben, aber was ich von ganzem Herzen wünsche, daß mein Tod zu etwas gut sein möge. Ich hatte nicht Zeit, meinen Bruder Jean zu umarmen, ich habe meine beiden Brüder Roger und Rino umarmt, aber nicht meinen wirklichen. Leider. Ich hoffe, daß alle meine Sachen
Dir zugesandt werden, sie werden Serge nutzen, der wie
ich hoffe stolz sein wird, sie eines Tages zu tragen.

Dich lieber Vater, dem ich ebenso wie meiner lieben Mutter manchen Kummer gemacht habe, grüße ich zum letzten Mal. Glaube, daß ich mein Bestes tat, um dem Weg zu folgen, den Du mir gewiesen hast. Einen letzten Gruß an all meine Freunde und an meinen Bruder, von dem
ich gerne sehe, daß er studiert, und daß er gut studiert,
um später ein rechter Mann zu sein. 17 und ein halbes Jahr, mein Leben ist kurz gewesen, aber ich bedaure nur, daß ich Euch verlassen muß. Ich werde mit Tintin und Michels sterben. Mama, worum ich Dich bitte und was Du mir versprechen mußt, das ist mutig zu sein und den Schmerz zu überwinden. Ich kann nicht mehr schreiben, ich verlasse Euch alle, alle, Dich Mama, Sésenge, Papa.
Ich umarme Euch mit kindlichem Sinn. Mut.

Euer Guy, der Euch liebt. Guy.

Aus: Ernst Jünger: "Zur Geiselfrage" (Klett-Cotta)

ARTE PLUS

GUY MÔQUET – WARUM ER STARB

Guy Môquet wird am 26. April 1924 als Sohn eines kommunistischen Abgeordneten in Paris geboren.
Als der 1939 ins Gefängnis kommt, verteilt Guy Flyer mit kommunistischen
Inhalten, unter anderem in Kinos. Am 13. Oktober 1940 wird er denunziert und festgenommen

Am 20. Oktober 1941 um 7.35 Uhr wird der deutsche Offizier Karl Hotz in
Nantes ermordet. Als Vergeltung fordert Hitler die Hinrichtung von 150 Geiseln

General Otto von Stülpnagel, Militärbefehlshaber in Frankreich, verhandelt mit Hitler und macht
bekannt, dass 50 französische Gefängnisinsassen sofort hingerichtet würden, 50 weitere, wenn die Schuldigen sich nicht stellen würden. Der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger protokolliert als Schriftführer Stunde um Stunde die Geschehnisse

Am 22. Oktober 1941 werden 48 Geiseln hingerichtet: fünf in Paris, 16 in Nantes und 27 in Châteaubriant – unter ihnen Guy Môquet. Mit nur 17 Jahren ist er der Jüngste

VOLKER SCHLÖNDORFF

Der Filmemacher, Drehbuchautor und Filmproduzent wird am 31. März 1939 in Wiesbaden geboren. Er gehörte in den 1960er und 70er Jahren
zu den Mitbegründern des Neuen Deutschen Films. 1980 nahm er für "Die Blechtrommel" als erster Deutscher einen Oscar für den "Besten fremdsprachigen Film" entgegen

ZUM LESEN

Ernst Jünger: "Zur Geiselfrage. Schilderung der Fälle und ihrer Auswirkungen." (Klett-Cotta 2011). Mit einem Vorwort von Volker Schlöndorff. Wiederentdeckte Denkschrift über die deutschen Geiselerschießungen in Frankreich. Zwischen Oktober 1941 und Februar 1942 von Jünger auf Befehl des Militärbefehlshabers von Stülpnagel verfasst

Kategorien: März 2012