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ZWEI NACHBARN – EIN ZIEL

ARTE/Dirk Uhlenbrock

ARTE/Dirk Uhlenbrock

Selten waren in der jüngeren Zeit die deutsch-französischen Beziehungen so sehr Thema in den Schlagzeilen wie in diesen Momenten der Krise. Darüber gibt eine Wortschöpfung Aufschluss, mit der die europäische Presse das Tandem aus dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnet: „Merkozy“. Was als Höhepunkt der deutsch-französischen Partnerschaft aufgefasst werden könnte, ist in Wahrheit Ironie – und zeigt die Angst Europas vor einer Hegemonie der Achse Berlin-Paris genauso wie die Befürchtung der Europäer, durch die Krise der Nachbarn in unübersehbare Schulden getrieben zu werden.

 

 

Spätestens in der Euro-Krise ist klar geworden, dass die deutsch-französische Partnerschaft für das geeinte Europa der Motor ist und der Fels in der Brandung. Und dass es keine andere Alternative gibt, als noch mehr Europa zu wagen. Mag man diese Einsicht auch gewinnen, so gerät darüber dennoch zu oft in Vergessenheit, dass die deutsch-französischen Beziehungen und der europäische Einigungsprozess mehr sind als ein macht- und wirtschaftspolitisches Bündnis. Wir sind überzeugt, dass der Ausweg aus der Krise, die wir gegenwärtig erleben, allein dank und mithilfe der Kultur gelingen kann.
Die deutsch-französische Freundschaft ist eine Angelegenheit der Menschen in beiden Nationen. Die Motive und Erfahrungen sind dabei unterschiedlich. Die Älteren, die durch den Zweiten Weltkrieg geprägt wurden, sind sich dessen bewusst, dass historisch Einmaliges gelungen ist, als an die Stelle der alten „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen eine Freundschaft trat. Sie sind es gewesen, die den Elysée-Vertrag mit Leben erfüllten und Hunderte von Partnerschaften zwischen deutschen und französischen Städten, Schulen und Vereinen begründeten.

 

„Die deutsch-französische Partnerschaft ist der Motor für das geeinte Europa und der Fels in der Brandung.“

Die Jüngeren leben ganz unbekümmert im geeinten Europa. Sie reisen so selbstverständlich zwischen Paris und Berlin wie ihre Eltern und Großeltern nur zwischen Hamburg und München oder Lille und Marseille und sie genießen den Euro als einheitliches Zahlungsmittel. Das Internet macht es möglich, Freundschaften weltweit zu pflegen. Für diese Generationen ist die europäische Einigung eine Selbstver-ständlichkeit, angekommen in der Mitte der Gesellschaft. Es ist mehr als nur das Projekt einer Elite, es ist Alltag für eine wachsende Zahl von Menschen. Diese Selbstverständlichkeit darf freilich nicht zur Nachlässigkeit im Umgang mit den Werten und Institutionen des geeinten Europas verleiten. In der Welt des 21. Jahrhunderts ist die Rückkehr zu den alten Nationalstaaten und der Rückfall in nationale Selbstzufriedenheit keine Lösung. Solche Illusionen entstammen der Angst vor Fremdbestimmung und Verlust der eigenen Identität. Eine unbegründete Angst, wie wir meinen.

 

„Wir sind überzeugt, dass der Ausweg aus der gegenwärtigen Krise allein dank und mithilfe der Kultur gelingen kann.“

Das geeinte Europa ist eine Gemeinschaft, deren Einigung keine Einheitskultur zum Ziel hat. Ganz im Gegenteil: Als Reaktion auf die Globalisierung erleben wir vielerorts ein Wiederaufleben der regionalen Kulturen. In der Musik, in der Mode, in der Küche blühen seit Jahren regionale und nationale Kulturen nebeneinander mit der Kultur der globalisierten Welt. Das Internet mag ein Schmelztiegel der Kulturen sein, vor allem ist es aber ein grenzenloses Angebot bunter Vielfalt, die eine Bereicherung ist.
Wir bei ARTE wissen, wie wichtig es ist, die kulturelle Vielfalt Europas zu spiegeln und zu fördern. Um die Fragen der Zukunft zu meistern, seien es Zuwanderung und Integration, die wachsende Bedeutung der Schwellenländer, der Austausch und Ausgleich mit anderen Erdteilen, die Zukunft des Planeten, brauchen wir Weltoffenheit, die Bereitschaft, sich auf andere Kulturen innerhalb und außerhalb Europas einzulassen, auch auf die Lebenswelten der neu emporkommenden Weltmächte. Um diese Weltoffenheit ins Bewusstsein der Bevölkerung zu tragen, brauchen wir einen neuen Dialog und Austausch der Kulturen. ARTE fördert die Verständigung unter den Menschen und Völkern Europas, indem es die unterschiedlichen Perspektiven der verschiedenen Länder des Kontinents spiegelt und den Zugang zu Kunst und Kultur aus ganz Europa ermöglicht.
Die neuen Medien, die sozialen Netzwerke und das Internetfernsehen machen es möglich, ganz neue Zielgruppen für ein breites Angebot kultureller Vielfalt zu gewinnen, neue Räume für Kreativität zu schaffen und Menschen für den Austausch mit anderen Kulturen zu begeistern. ARTE als deutsch-französisches und europäisches Projekt eröffnet seinen Zuschauern Horizonte, die über den nationalen Zusammenhang hinausweisen. Gerade in Zeiten der Krise hat ARTE in seiner aktuellen Berichterstattung und den Themenabenden Fragen wie die Zukunft des Euros oder der deutsch-französischen Partnerschaft gezielt multiperspektivisch in den Fokus genommen. Darüber hinaus zeigt ARTE mit zahlreichen, auch crossmedialen Angeboten, dass Kunst, Kultur und Kreativität wichtige Transportmittel für die deutsch-französische Freundschaft im digitalen Zeitalter sind: Deutsche und französische Kreative tauschen sich nicht nur in einem gemeinsamen Forum aus, sondern inspirieren sich gegenseitig und schaffen neue Werke, Perspektiven, Denkweisen. Die Communitys der Kreativen, die stets um neue Ausdrucksformen bereichert werden, können einen Beitrag leisten zum ideellen Fundament für die europäische Einigung der Zukunft.

 

ARTE Kommentar

 

VÉRONIQUE CAYLA, GOTTFRIED LANGENSTEIN

Véronique Cayla ist seit Januar 2011 Präsidentin von ARTE. Gottfried Langenstein war zuvor von 2007 bis 2010 ARTE-Präsident und ist seitdem Vize-Präsident

Kategorien: Februar 2012