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POET DES ALLTAGS

ARD/Degeto

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Seine Schwester meint – so hat er es unlängst die britische Tageszeitung „The Guardian“ wissen lassen – er solle jetzt eigentlich in Rente gehen wie „alle anderen“ in seinem Alter. Die fürsorgliche Mahnung scheint Mike Leigh bedachtsam geprüft zu haben. „Nur, was würde ich dann machen? Ich könnte malen, ich könnte schreiben“, sagt der 68-jährige Regisseur. „Da kann ich genauso gut weiter Filme drehen.“

 

 

Eine typische Mike-Leigh-Antwort ist das, scharfkantig und scharfsinnig – wie sie Interviewer kennen, wenn sie ihm mit zu schlichten Fragen zu kommen wagen. Der große britische Autorenfilmer betrachtet das stumpfe Silber des Alltagsdenkens, testet daran seine eigene Wahrhaftigkeit, poliert beides auf und fasst das Ergebnis in einen funkelnd neuen Gedanken. Genauso dreht er, der Verzauberer des gewöhnlichen Lebens, seine Filme. Man muss sich dafür nur einmal in Erinnerung rufen, was er 2008 mit dem Berlinale-Publikum angestellt hat. Das Festival dümpelte zur Halbzeit dahin – und plötzlich leuchtete alles. Geschafft hatte das Poppy, Heldin seiner Komödie „Happy-Go-Lucky“ (2008): Die junge Grundschullehrerin, verkörpert von Sally Hawkins, ließ sich ihre ansteckende Lebensfreude weder von mannigfaltigen Konflikten noch von ihrem Fahrlehrer verderben, dem schlimmsten Miesepeter der Welt. Und dabei funktioniert Poppy nicht als gewöhnliche identifikationstaugliche Protagonistin der Illusionsmaschine Kino, sondern wirkt in ihrer Hyperlebendigkeit verblüffend real.

 

Der Kreativkompressor. Das Geheimnis seiner Arbeit ist eine auch unter Autorenfilmern eher untypische Vorbereitungstechnik, die Leigh seit seinen Lehrjahren am Theater fortentwickelt. Er betrachtet das Filmemachen als eine „Reise“, während derer alle Beteiligten „erst entdecken, wie der Film schließlich aussehen wird“. Das heißt: auch der Regisseur selbst. Was nicht bedeutet, dass in seinen Filmen, vom frühen „Freudlose Augenblicke“ (1972) bis „Another Year“ (2010), ein Kollektiv drauflos improvisiert. Natürlich hat Leigh eine Grundidee, und natürlich behält er die Zügel in der Hand – etwa indem er den Schauspielern, die er Monate vor Drehbeginn zum Zusammenleben bringt, grundsätzlich nur die Grundlinien ihrer Figuren verrät. Es sind die Schauspieler, die sie mit einem fiktiven Vorleben ausfüllen – bis die Figuren ihnen selbst als echt erscheinen. Dann erst findet die Geschichte über Improvisationen zu ihrer endgültigen Form. Diese Ungewissheit seiner Darsteller nutzt Leigh als das „großartige Kapital“, aus dem die Filme ihre unvergleichliche Energie schöpfen. Klar, dass solch radikales Arbeitskonzept nur wagemutige Schauspieler verführt. Sie allerdings macht Mike Leigh in seinem Kreativkompressor reihenweise zu Stars: von Brenda Blethyn in der Rolle der vereinsamten Mutter („Lügen und Geheimnisse“, 1996) über Timothy Spall („All or Nothing“, 2002), der sich als lethargischer Taxifahrer ins Gedächtnis eingebrannt hat, bis hin zu Imelda Staunton („Vera Drake“, 2004), die als Hausfrau Vera im England der 1950er Jahre heimlich kostenlose Abtreibungen durchführt. Nicht zu vergessen Lesley Manville, zuletzt in „Another Year“ zu sehen – Leighs Film erzählt von einem perfekten Paar, das mit einer Reihe unperfekter Menschen befreundet ist. So wirkt die von Lesley Manville gespielte fragile Mary wie das Schattengeschöpf zur strahlenden Sally Hawkins in „Happy-Go-Lucky“ – angeknackst von vielen Lebensirrtümern und trotzdem nahezu unzerbrechlich.

 

Weißbärtiger Magier. Sally Hawkins gewann 2008 prompt den Silbernen Bären, und nun ist ihr kleingewachsener, schalkäugiger, weißbärtiger Magier Mike Leigh wieder da: diesmal als Präsident einer angemessen prominent besetzten Jury, die sich unter anderem aus Charlotte Gainsbourg und François Ozon zusammensetzt. Am 20. Februar wird er seinen 69. Geburtstag feiern. Und danach? Wird er zwar nicht malen, aber ein höchst verwandtes Filmprojekt vorantreiben – über den großen britischen Maler William Turner.

 

JAN SCHULZ-OJALA FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE PLUS

 

MIKE LEIGH – FILMOGRAFIE

„Another Year“ (2010);

„Happy-Go-Lucky“ (2008), Silberner Bär für Sally Hawkins in Berlin;
„Vera Drake“ (2004), Goldener Löwe in Venedig;
„All or Nothing“ (2002);
„Lügen und Geheimnisse“ (1996), Goldene Palme in Cannes;

„Nackt“ (1993);

„Das Leben ist süß“ (1990);

„Freudlose Augenblicke“ (1972), Goldener Leopard in Locarno

(Auswahl)

Kategorien: Februar 2012