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KLASSIK, DIE ROCKT

ARTE France

ARTE France

Das Woodstock der Klassik hat der bekannte Pianist Frank Braley „La Folle Journée de Nantes“, also die verrückten Tage von Nantes, einmal genannt. Mit dem Wunsch, die klassische Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, rief der französische Kulturmanager René Martin das Festival 1995 ins Leben. Ein einzigartiges Konzept, das aufgrund seines Erfolgs von einem auf fünf Tage ausgebaut wurde: Rund 1.800 Musiker spielen über 330 Konzerte – dieses Jahr ganz im Zeichen russischer Komponisten. Das ARTE Magazin traf den künstlerischen Leiter des Festivals und sprach mit ihm über einen weltweiten Erfolg, über Eremiten und die Zärtlichkeit von Mozart.

 

 

ARTE: Wie würden Sie einem Deutschen erklären, was „La Folle Journée de Nantes“ ist?
RENÉ MARTIN: „La Folle Journée“ soll klassische Musik entmystifizieren und zeigen, dass sie einem breiten Publikum zugänglich ist. Ich möchte eine Begegnung zwischen Komponist und Publikum schaffen und beweisen, dass es ist nicht so schwer ist, klassische Musik zu verstehen und zu lieben. Man muss ihr nur begegnen können.
ARTE: Wie sind Sie auf die Idee dieser Zusammenkunft von Interpreten und Publikum gekommen?
RENÉ MARTIN: Vor fast 18 Jahren besuchte ich mit meinen Kindern ein U2-Konzert und sah 35.000 begeisterte Jugendliche. Mir wurde klar, dass ich ein Konzept brauchte, um diese Begeisterung auf die klassische Musik zu übertragen. Die zündende Idee kam mir bei einem Besuch des Museums für Moderne Kunst in Nantes. Der Eintritt war für Familien frei an diesem Tag, das Museum war voll! Ich brauchte also einen Ort, an dem man von morgens bis Mitternacht zwischen verschiedenen Sälen umherschlendern kann: erst einem Konzert zuhören, dann in einer Buchhandlung stöbern, anschließend einen Tee trinken. Das Ganze bezahlbar und für alle zugänglich, ein großes Haus der Musik.
ARTE: Neben Konzerten gibt es bei der „Folle Journée“ auch Vorträge zu den Komponisten und sogar Begegnungen mit Künstlern.
RENÉ MARTIN: Ja, die Zuschauer können die Künstler nach dem Konzert direkt ansprechen – sie kommen und gehen durch dieselbe Tür. Mir ist wichtig, dass der Künstler nicht als Eremit erscheint, sondern wie ein normaler Mensch: Wer in den Saal tritt, soll den Eindruck haben, der Pianist spiele die Schubert-Sonate nur für ihn. Der einzelne Zuschauer ist aber auch Teil des Publikums. So entsteht ein Gemeinschaftserlebnis: Die intime Atmosphäre des klassischen Konzerts verbindet sich mit der Stimmung eines Rockfestivals.
ARTE: „La Folle Journée“ findet nun auch im Ausland statt, zum Beispiel in Tokio und Warschau.
RENÉ MARTIN: Ja, und was mich dabei sehr freut, ist, dass der Name überall beibehalten wurde, als wäre es eine Marke wie Chanel oder Louis Vuitton!
ARTE: Warum sind Sie nicht auch in Deutschland?
RENÉ MARTIN: Ich habe schon viele Anfragen aus Deutschland erhalten, so auch aus Berlin – doch was soll ich da? Dort gibt es drei Opern, wunderbare Orchester und eine ungemein vielfältige Musikszene. Um in Deutschland ein Festival zu organisieren, müsste ich den richtigen Veranstaltungsort und eine Stadt mit dem richtigen Esprit finden.
ARTE: „La Folle Journée“ widmet sich traditionell jedes Jahr einem anderen Land: Nach 2001 ist Russ-land nun zum zweiten Mal das Thema. Warum?
RENÉ MARTIN: In Nantes hat man mich oft gebeten, die russische Musik wieder aufzugreifen. 2001 hatte ich vor allem Mussorgsky, Balakirew, Rimski-Korsakow und Rachmaninow im Programm. Dieses Jahr wird es zeitgenössische russische Musik geben, etwa Gubaidulina und Schtschedrin sowie Stücke, die noch nie zuvor live gespielt wurden.

„Wer den Saal betritt, soll den Eindruck haben, der Pianist spiele nur für ihn.“

ARTE: Stammen Sie aus einer musikalischen oder musikliebenden Familie?
RENÉ MARTIN: Meine Eltern waren einfache Kaufleute, zu Hause wurde nie klassische Musik gehört. Ich habe meine Leidenschaft für Musik jedoch früh entdeckt, spielte Schlagzeug und gründete Rock- und Jazzbands. Die Liebe zur Klassik fand ich durch meine Bewunderung für den Jazzkontrabassisten Charlie Mingus: In einer Biografie über ihn las ich, dass er kurz vor seinem Tod ein Bartók-Quartett hörte. Er liebte diese Musik. Ich kaufte mir daraufhin das Stück, das mir eine völlig neue Welt eröffnete.
ARTE: Wenn ich Sie darum bitten würde, uns jetzt etwas vorzuspielen, was wäre das?
RENÉ MARTIN: Ein Klavierkonzert von Mozart. In seiner Musik ist so viel Zärtlichkeit und Lebenslust, dass sie einen sofort berührt. Deswegen wählte ich Mozart für die erste Ausgabe von „La Folle Journée“ 1995. Er ist einer der menschlichsten Komponisten überhaupt. Sein Zauber ist überwältigend – diese Art Zauber erklärt meiner Ansicht nach auch den Erfolg der „Folle Journée“.

 

INTERVIEW: SUNNA ALTNÖDER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE Live Web zeigt die meisten Konzerte direkt aus Nantes auf www.arte.tv/follejournee

 

ARTE Interview

 

RENÉ MARTIN

René Martin, geb. 1950, ist künstlerischer Leiter von „La Folle Journée de Nantes“ und Gründer des „Festival de la Roque d’Anthéron“

 

Kategorien: Februar 2012