EINE FRAU AN DER MACHT

Mike Kollöffel/DR

Mike Kollöffel/DR

Das Geständnis. „Ich bin zu dick.“ Der Satz ist raus – und die gesamte dänische Nation hat ihn gehört. Die Frau steht an einem Rednerpult im Fernsehstudio des größten Senders in Dänemark, es ist die finale Debatte vor den Parlamentswahlen. Ihr violettes Satin-kleid flimmert, ihr Bauch wölbt sich, neben ihr sechs Politiker, schwarz gekleidet: „Eigentlich wollte ich auch mein schwarzes Kostüm anziehen“, sagt sie und schaut dabei nicht nur die konsternierten Anzugträger an, sondern auch das gesamte dänische Volk, das die TV-Debatte live verfolgt. „Aber ich habe nicht mehr hineingepasst.“

 

 

Wahnsinn. Birgitte Nyborg, 40-jährige Ehefrau, zweifache Mutter und Kandidatin der Moderaten Partei Dänemarks, improvisiert in der letzten Debatte vor den Wahlen komplett. Und wird zur ersten Premierministerin Dänemarks. Was sind die Gründe für ihren Erfolg? Die unglaubliche Ehrlichkeit in ihrer Rede oder ihr Parteiprogramm, das fortschrittliche Migrationspolitik und soziale Gerechtigkeit verspricht? Überzeugt Birgitte Nyborg als Person, Politikerin – und als Frau? Klingt zu schön, um wahr zu sein. Und das ist es auch.

 

Des Menschen Macht. Birgitte Nyborg gewinnt die Wahlen vor allem dank einer Intrige – die nicht sie selbst, sondern ihr Medienberater Kasper Juul angezettelt hat. Ohne ihr Wissen und eigentlich gegen sie gerichtet, um einen konkurrierenden Kandidaten nach vorne zu bringen. Die Zutaten: ein toter Mann, gestohlene Papiere, undurchsichtige Kreditkartenausgaben auf Kosten des Staates. Damit wird aber nicht nur der amtierende Premier Lars Hesselboe ins Aus katapultiert. Auch der Chef der Arbeiterpartei und größte Konkurrent Birgitte Nyborgs, Michael Laugesen, geht unerwartet zu Fall. Freie Bahn für die erste Frau im Amt.
„Gefährliche Seilschaften“ heißt die preisgekrönte Kultserie aus dem Norden, die 2010 in Dänemark jeden Sonntag rund 1,4 Millionen Zuschauer in den Bann zog – bei nur circa 5,5 Millionen Einwohnern. Es ist die erste Politserie bei ARTE, und sie trifft den Nerv der Zeit wie kaum eine zweite. Nicht nur, weil in Dänemark seit September 2011 die erste Frau in der Geschichte des Landes die Regierung führt und seit 2012 auch die EU-Ratspräsidentschaft für sechs Monate innehat. Auch, weil die Menschen mehr und mehr eine Frage umtreibt: Wer regiert uns eigentlich? Die Banken, die Wirtschaft, die Journalisten oder die Politiker? Genau darum geht es in „Gefährliche Seilschaften“: Macht – wer sie hat, wer sie haben will und wen sie wie verändert. Da ist zum Beispiel die junge Fernsehmoderatorin Katrine Fønsmark, voller Ideale und immer auf der Suche nach der Wahrheit. Aber kann eine Jounalistin, die eine Liaison mit dem Medienberater der zukünftigen Premierministerin und mit dem des amtierenden hatte, unabhängig sein? Da ist Torben Friis, ihr Chefredakteur, der der Pressefreiheit entsagt, damit ihm die Regierung wohlgesonnen bleibt. Da ist der ehemalige Chef der Arbeiterpartei, Michael Laugesen, der zum Chefredakteur der dänischen „Bild“ wird und seinen persönlichen Rachefeldzug gegen die Regierung führt. Und da ist der Wirtschaftsboss, der droht, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern, sollte die Frauenquote eingeführt werden.

Zwischen Familie und Vaterland. Wie steht Birgitte Nyborg zu alldem, die Frau, die sich kurz vor der Wahl so entwaffnend ehrlich in ihrem violetten Satinkleid gab und die Vision einer besseren Welt heraufbeschwor? Es ist dieselbe Frau, die später ihren langjährigen Freund fallen lässt. Es ist dieselbe Frau, die Menschenrechtskämpfer einsperren lässt, während sie mit Diktatoren speist. Es ist dieselbe Frau, die Politiker zu kaufen versucht. Aber es ist auch die Frau, die sich der Bande von chauvinistischen Männern widersetzt, die das Parlament bevölkert. Die lernt, mit deren Waffen zu kämpfen: bei Verhandlungen wie eine Chefin am Kopfende des Tisches Platz zu nehmen, Souveränität zu zeigen und keinen Widerspruch zu dulden. Es ist eine Frau der Prinzipien, die kein Papier unterschreibt, bevor sie es nicht bis ins kleinste Detail verstanden hat. Das alles spielt sich ab in charmanter dänischer Atmosphäre, wo jeder jeden duzt und irgendwie zu ein und derselben Familie zu gehören scheint.
Ehefrau, Mutter, Premierministerin – geht das überhaupt und, wenn ja, in welcher Reihenfolge? Vor der Wahl zur Regierungschefin klappte es, da ging Birgitte Nyborg an einem Samstag um 17 Uhr
nach Hause und ließ alle Notfälle bis Montag Notfälle sein mit den Worten: „Man muss die Versprechen halten, die man seinen Kindern gibt, weil diese später unsere Wähler sein werden.“ Es ist der Geburtstag ihres Sohnes und die Welt ist noch in Ordnung. Birgitte Nyborg hat eine tolle Ehe, ein tolles Liebesleben, einen tollen Mann. Nun wäre aber genau der an der Reihe, sich seiner Karriere zu widmen. Beide hatten vereinbart, dass sich jeder fünf Jahre lang im Job auslebt, während der andere Haus und Kinder hütet. In dem Moment, als Birgitte an der Reihe ist, zurückzustecken, wird sie Premierministerin – ein Job, den man nicht ablehnen kann. Und für den sie vieles vernachlässigen wird.
Politik so spannend wie ein Krimi von Henning Mankell und eine Frau, die gleichzeitig so umwerfend gut und schlecht sein kann, das alles zeigt „Gefährliche Seilschaften“ in zehn Folgen. Und wer gewinnt das Spiel um die Macht? Nach einem Jahr steht Birgitte Nyborg wieder an einem Rednerpult, diesmal vor dem Parlament, und zieht Bilanz. Sie ist schlank. Sie hat ein schwarzes Kostüm an. Sie hat die Macht – vorerst.

 

DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN.

 

 

Charaktere der Serie

 

BIRGITTE NYBORG CHRISTENSEN

Premierministerin von Dänemark
Birgitte ist 40 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder – und ist Premier-ministerin der Moderaten Partei. Gespielt wird sie von Sidse Babett Knudsen.

 

PHILLIP CHRISTENSEN

Ehemann der Premierministerin
Phillip, Mikael Birkkjær, ist Ende 40, hat fünf Jahre lang Haus und Kinder gehütet und war Dozent an der Business School Kopenhagens.

 

KASPER JUUL

Medienberater der Premierministerin
Kasper, gespielt von Pilou Asbæk, ist der 31-jährige charismatische und un-konventionelle Berater der Staatschefin – mit sehr engen Verbindungen zu Journalismus und Frauen.

 

BENT SEJRØ

Ehemaliger Parteichef der Moderaten
Der 61-jährige Bent, Lars Knutzon, war Minister und Parteichef der Mode-raten. Er ist der politische Ziehvater von Birgitte und ein enger Freund.

 

MICHAEL LAUGESEN

Vorsitzender der Arbeiterpartei
Er ist Mittvierziger und populistischer Vorsitzender der Arbeiterpartei: Michael, gespielt von Peter Mygind, wird später Chefredakteur eines Boulevardblattes werden.

 

KATRINE FØNSMARK

Journalistin und Moderatorin bei TV1 News
Die 28-jährige Katrine, Birgitte Hjort Sørensen, ist ein journalistisches Natur-talent. Ihre engen Be-ziehungen zur Politik sind nicht immer von Vorteil.

 

TORBEN FRIIS

Chefredakteur bei TV1 News
Torben, 48 Jahre alt, wird von Søren Malling gespielt. Der Chefredakteur ist zwar ein alter Hase, lässt sich aber im Kampf um die beste Story auf einen Pakt mit der Politik ein.

 

ARTE PLUS

 

Gefährliche Seilschaften

Der Originaltitel der Serie lautet „Borgen“, das ist der Spitzname für den Sitz des dänischen Parlaments. 2010 lief die Serie in Dänemark an, produziert vom Sender DR1. Vorbild ist die amerikanische Kultserie „The West Wing“, von 1999 bis 2006 von NBC ausgestrahlt. NBC kaufte vor Kurzem die Rechte von „Borgen“ für eine US-Adaption. 2010 gewann „Gefährliche Seilschaften“ den Prix Italia in Turin, 2011 den goldenen FIPA in Biarritz. Sidse Babett Knudsen erhielt 2010 den Preis für die beste weibliche Hauptrolle beim Filmfestival Monte Carlo. ARTE wird auch die zweite Staffel der Serie ausstrahlen, aktuell wird die dritte Staffel gedreht

Kategorien: Februar 2012