LEBT WOHL, GENOSSEN!

ZDF/ARTE/Gebrueder Beetz

ZDF/ARTE/Gebrueder Beetz

Es ist inzwischen üblich, die DDR-Bürger in Großgruppen einzuteilen, so wie man das mit Tieren macht. Bei den Ostdeutschen ist die Rede von Opfern, Tätern und Mitläufern. Aber erfassen diese Kategorien die Lebensrealität? Wenn ich meine eigene Geschichte knapp beschreiben muss, dann so: Ich wurde von der Stasi verfolgt, sehe mich aber nicht als Stasi-Opfer. Ich war Systemgegner und -befürworter zur selben Zeit. In der Rückschau frage ich mich vor allem eines: Wann habe ich überhaupt das Systematische am System bemerkt?

 

Christ statt Pionier. An meinen ersten politischen Konflikt habe ich präzise Erinnerungen. Bauchschmerzen hatte ich, das weiß ich noch genau. Meine Klassenlehrerin verteilte die Aufnahmeanträge für die „Jungen Pioniere“, die einzige Kinder- und Jugendorganisation der DDR, beherrscht von der SED. Die Mitgliedschaft war nie Pflicht, wurde aber erwartet, „freiwillige Pflicht“. Ich habe den Antrag am nächsten Tag unausgefüllt abgegeben. Ich sagte meiner staunenden Lehrerin, ich würde nicht Pionier, ich würde in die Christenlehre gehen, eine Art Religionsunterricht. Ich war in der ersten Klasse der einzige Nicht-Pionier. Damals war mir noch nicht klar, in welchem System ich lebte. Aber ich bekam erstmals ein Gespür dafür. Dieses unangenehme Gefühl, sich stets bekennen zu müssen, gehört zu meinen elementaren DDR-Erinnerungen. Meine Familie war gezeichnet von der Verhaftung meines Großvaters 1953. Sie war „verdorben“ von West-Besuch und West-Paketen und vom West-Fernsehen. Unsere Wohnungstür war unsere Mauer. Hinter ihr lebten wir, als wären wir ausgereist. Aber das System quoll durch alle Ritzen. Dieses Gefühl der Unausweichlichkeit prägte unser Leben. Jeden Tag Entscheidungen: Lügst du mit im Politunterricht? Gehst du zum Fahnenappell? Sprichst du die Floskeln mit, die Karriere möglich machen?
Von den Eltern wurde ich angehalten, die „falsche“ Weltanschauung durch besonders gute Leistungen zu kompensieren. Diese Aufforderung war ein Indiz für das Systematische am System. Ich musste büffeln, weil ich Christ war. Heute denke ich: Die Schule war für die Unterwerfung ein viel wichtigeres Instrument als der Staatssicherheitsdienst. Nicht jeder DDR-Bürger hatte Ärger mit der Stasi. Die Schule aber war unausweichlich.

 

Faule Kompromisse. Unsere Familie war christlich geprägt, anders als der Staat es mochte, der auf das Absterben der Religion setzte. Faule Kompromisse schlossen wir dennoch: Jugendweihe Nein, FDJ-Mitgliedschaft Ja. Eine absurde Taktik, um das Abitur zu erlangen. Auf der Erweiterten Oberschule, dem DDR-Gymnasium, begrüßte uns die Klassenlehrerin und verkündete, sie wolle aus uns „sozialistische Persönlichkeiten“ machen. Wie das aussah, bekam ich bald zu spüren. In der zehnten Klasse war sie es, die mich von der Schule schmeißen wollte, weil ich für einen in Ungnade gefallenen Schriftsteller – Stefan Heym – warb. Die Stasi organisierte ein Schulermittlungsverfahren, Mitschüler wurden befragt, die Genossen rotierten. Alles hübsch dokumentiert in meiner Stasi-Akte. Vor dem Schulverweis rettete mich eine kirchliche Intervention. Widerstand zwecklos? Von wegen.
Die Maßnahmen der Staatsmacht hatten in vielen Fällen einen kuriosen Effekt: Sie schufen Staatsfeinde. Ich las Marx, Engels, Lenin und konnte mich für deren Ideen erwärmen. Wem behagte schon Ausbeutung des Menschen durch den Menschen? Aber mich widerte der Wahrheitsanspruch der Parteifunktionäre an, die jede Frage als Kriegserklärung betrachteten. Dieser Stumpfsinn trieb mich in die Gegnerschaft. Im Ergebnis war ich zeitgleich Systemkritiker und Systembefürworter.

 

Unter Verdacht. Die nächste Entscheidung meines Lebens machte meinen Weg unumkehrbar. Ich verweigerte den Dienst an der Waffe und wurde Bausoldat, zwar Angehöriger der Nationalen Volksarmee, aber eben in der Baueinheit. Als ich mich 1981 dafür entschied, fürchteten viele den Einmarsch des Warschauer Pakts in Polen. Solidarnos´c´ begeisterte mich, auf polnische Arbeiter wollte ich nicht schießen. Schikanen prägten unseren Armee-Alltag. Alle meine Briefe wurden geöffnet, im Urlaub wurde ich observiert, mein Zimmer war verwanzt. Die Stasi ging in meinem Fall einem vollkommen unbegründeten Verdacht nach. Sie glaubte, ich plane eine Flucht in den Westen. Trotz Überwachung in der Schule und während der Armeezeit sehe ich mich nicht als Stasi-Opfer. Im Gegenteil: Ich habe mich den Genossen gegenüber überlegen gefühlt, ich konnte aufrecht gehen.
Der Herbst 1989 brachte die erhoffte Befreiung. Er führte mir allerdings auch meine eigene geistige Gefangenschaft vor. Das System hatte mich mehr geprägt als gedacht. Die Zweistaatlichkeit hielt ich für naturgegeben, die Wiedervereinigung unvorstellbar und nicht erstrebenswert. Ich wollte eine reformierte DDR. Nation? Ein Unwort. Voller Zweifel wurde ich vom DDR-Bürger zum Gesamtdeutschen. Das Gefühl von Fremdheit überkommt mich auch heute manchmal. Diesmal nicht vom Staat, sondern von manchen Bürgern verursacht. Wie oft wurde mir von Westdeutschen erklärt, der Zusammenbruch der DDR sei doch absehbar gewesen. Schade, dass sie mir nicht rechtzeitig Bescheid gegeben haben. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich kein Telefon hatte.

 

FÜR DAS ARTE MAGAZIN ARTE-GASTAUTOR: STEFAN BERG, GEBOREN 1964, WUCHS IN OST-BERLIN AUF, SEIT 1996 ARBEITET ER BEIM „SPIEGEL“. VOR WENIGEN WOCHEN ERSCHIEN SEINE ERZÄHLUNG „ZITTERPARTIE“, IN DER ER SICH MIT SEINER PARKINSON-ERKRANKUNG AUSEINANDERSETZT

 

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ZUM LESEN

Als Teil des crossmedialen Projektes ist das Buch „Lebt wohl, Genossen! – Der Untergang des sowjetischen Imperiums“ von György Dalos 2011 im Verlag C.H.Beck erschienen

Kategorien: Januar 2012