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ICH DENKE IN BILDERN

ARD/Degeto/2.4.7. Films

ARD/Degeto/2.4.7. Films

Im Marjane Satrapis Atelier am rechten Seine-Ufer in Paris liegen Stifte und Zeichenhefte auf dem Tisch. Die Teheranerin, deren Kindheitserinne-rungen von der islamischen Revolution und dem Iran-Irak-Krieg überschattet sind, beeindruckte durch ihren auto-biografischen Comic und Zeichentrickfilm „Persepolis“. Anlässlich eines Comic-Schwerpunkts strahlt ARTE am 25.1. um 20.15 Uhr den Animationsfilm von 2007 aus. Marjane Satrapi im Gespräch über deutsche Pünktlichkeit, verbotene Kassetten und den Comic als älteste Sprache der Welt.

 

 

ARTE: Ihr neuer Film „Huhn mit Pflaumen“ wurde vollständig im Filmstudio Babelsberg gedreht. Ihr vorheriger Film „Persepolis“ erzählt unter anderem von Ihren Oberschuljahren in Wien. Mögen Sie die deutsche Sprache und Kultur?
MARJANE SATRAPI: Ja, sehr. Ich liebe Philosophen wie Nietzsche, die Literatur von Goethe, die klassische Musik und sogar die deutsche Küche! Und ich finde es sehr angenehm, mit Deutschen zu arbeiten. Wenn die einem etwas versprechen, bekommt man es auch pünktlich!

ARTE: „Persepolis“ erzählt eine Kindheitsgeschichte, jedoch nicht nur eine für Kinder.
MARJANE SATRAPI: Ich wollte weitergeben, was ich als Siebenjährige vor, während und nach der Revolution in Iran gehört und erlebt hatte. Wie wächst man in einem solchen Umfeld auf? Wie unterscheidet man Wahrheit von Lüge? Was ist Exil? Wie wird man zum jungen Mädchen und dann zur Frau? Ich möchte auf keinen Fall als Historikerin oder Politologin abgestempelt werden. Ich denke, man kann die Welt nicht mit Politik verändern, wohl aber mit Kunst.

ARTE: Dennoch wollten viele Leute das Buch, das 2004 in zwei Bänden erschienen ist, und den Film politisieren. Hat Sie das gestört?
MARJANE SATRAPI: Nein. Mich interessiert der Mensch, und Politik beeinflusst das Leben der Menschen stark, vor allem in Iran. 1905 ist es das erste asiatische Land, das eine konstitutionelle Monarchie errichtet, 1979 findet die erste islamische Revolution statt und 2009 will sich Iran als erstes Land von den Islamisten befreien. Das Leben in Iran ist kein langer ruhiger Fluss. Ich kenne niemanden, der von sich sagen könnte: „Ich ging zur Schule, traf ein hübsches Mädchen, heiratete, gründete eine Familie und wir lebten glücklich bis ans Ende unserer Tage.“

ARTE: Wie wurden Ihre Werke in Deutschland aufgenommen?
MARJANE SATRAPI: Comics sind in Deutschland längst nicht so beliebt wie in Frankreich. Wenn ich in Deutschland 10.000 Stück von „Persepolis“ verkaufe, dann ist das schon sehr viel. Kein Vergleich zu Frankreich mit 630.000 verkauften Exemplaren und den USA – dem Land, in dem sich meine Bücher am besten verkaufen. An 200 amerikanischen Universitäten wurde „Persepolis“ sogar als Pflichtlektüre in den Studiengang aufgenommen!

ARTE: Warum ist Ihrer Meinung nach der Comic in Deutschland nicht so beliebt?
MARJANE SATRAPI: Vielleicht fürchtet man, der Begriff „Comic“ sei abwertend und nur etwas für zurückgebliebene Teenager. Deswegen hat man das Marketingwort „Graphic Novel“ erfunden. Ich verabscheue jedoch diesen Begiff. „Persepolis“ ist ganz klar ein Comic. Von der Literatur unterscheidet er sich nur dadurch, dass anhand von Bildern erzählt wird. Mit Comics kann man alles erzählen – und sogar den Pulitzer-Preis gewinnen wie Art Spiegelman als erster Comic-Autor 1992 für „Maus“.

ARTE: Warum haben Sie sich gerade für dieses Medium als Ausdrucksmittel entschieden?
MARJANE SATRAPI: Ich denke in Bildern. Wenn ich schreibe, dann werde ich todernst und verliere meinen Sinn für Humor. Zudem ist das Zeichnen die älteste und allgemeinverständlichste Sprache überhaupt. Wenn man eine lächelnde Person zeichnet, wird kein Volk auf der Welt sie für traurig halten.

ARTE: In „Persepolis“ sagt Ihr Vater von Ihnen: „Vorsicht, sie will immer alles wissen!“ Eignet sich der Comic gut als Mittel zur Wissensaneignung?
MARJANE SATRAPI: Das Zeichnen ist eine Art Meditation, bei der man vieles verstehen lernt. Als ich in Frankreich ankam, ging es mir sehr schlecht. Erst nach sechs Jahren konnte ich „Persepolis“ zeichnen. Ich bin immer noch der Meinung, dass in meinem Land Schurken an der Macht sind, aber ich verlange keine Strafe oder Rache mehr. Wenn ich zu argumentieren beginne wie sie, was ist dann noch der Unterschied zwischen ihnen und mir?

ARTE: Mit Bleistift kann man im Comic alles ausdrücken. Warum haben Sie Ihr Buch verfilmt?
MARJANE SATRAPI: Das wollte ich eigentlich nicht. Als 2004 ein Freund „Persepolis“ verfilmen wollte, versuchte ich das mit allen Mitteln zu verhindern. Ich wollte Schwarz-Weiß, ein Studio in Paris und die Stimme von Catherine Deneuve. Doch er hat mir alles zugebilligt. Im Comic kann ich 50 Hubschrauber, Panzer und Ungeheuer zeichnen. Kosten: mit der besten Tinte und dem besten Papier 400 Euro. Beim Film muss man sich viel mehr beschränken. Dann lief der Film auf einem Festival, 3.000 Menschen schauten ihn an und es gab eine Viertelstunde Standing Ovations. Das ist besser als harte Drogen.

ARTE: Inzwischen ist der politische Animationsfilm im Stil von „Waltz with Bashir“ von Ari Folman in Mode gekommen. Was halten Sie davon?
MARJANE SATRAPI: Das finde ich gut. Die Abstraktion der Zeichnung betont das Allgemeingültige der Geschichte. „Persepolis“ musste als Animationsfilm gedreht werden.
Ein Spielfilm hätte dem Zuschauer bei so einem Thema den Zugang erschwert. Aber jetzt hoffe ich, dass mit der Verfilmung meiner Bücher Schluss ist.

ARTE: Wurde „Persepolis“ denn ins Persische übersetzt?
MARJANE SATRAPI: Ehrlich gesagt, das weiß ich gar nicht. Aber ich weiß, dass meine Filme in Teheran auf dem Schwarzmarkt gehandelt werden – dort, wo ich als Teenager meine verbotenen Kassetten von AC/DC und Iron Maiden kaufte. Mir gefällt es, dass ich in meinem Land jetzt so angesagt bin wie AC/DC.

 

INTERVIEW: PIERRE-OLIVIER FRANÇOIS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE PLUS

 

SATRAPIS COMICS

„Persepolis – Jugendjahre“ (Edition Moderne 2005);

„Persepolis – Eine Kindheit im Iran“ (Edition Moderne 2004)

FILMOGRAFIE

„Huhn mit Pflaumen“ (2011), Kinostart am 5. Januar 2012;

„Persepolis“ (2007), Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes

(Auswahl)

Kategorien: Januar 2012