FRANKREICH, MON AMOUR

Gedeon Programmes

Gedeon Programmes

Von nassen Wiesen und Delikatessen. Meine erste Frankreichreise führte direkt vom Bahnhof in eine klatschnasse Wiese mitten in der tiefsten Normandie. Kaum in Caen angekommen, packte mich die Familie meiner Brieffreundin Christine in den vollbesetzten Peugeot-Kombi. Es hatte in der Nacht zuvor geregnet, so viel verstand ich auf der Fahrt. Das Wetter sei daher favorable, und überhaupt, jetzt im Spätsommer sei die beste Saison für das Unterfangen, angesichts dessen eitel Vorfreude herrschte. Für den Rest reichten selbst meine zwei Jahre Leistungskurs Französisch nicht.

 

 

Den Namen des Dorfes, den zwei Bindestriche in die Länge trieben, konnte ich mir erst gar nicht merken. Von escargots hatte ich noch nie etwas gehört: Dass es zum Schneckensuchen in eine Wiese ging, kam mir daher nicht in den Kopf. Vermutlich hätte ich sonst darum gebeten, bei nächster Gelegenheit aussteigen zu dürfen, um zurückzutrampen. Wir fuhren durch eine campagne, der Flurbereinigung und industrielle Agrarproduktion nicht den Charme geraubt hatten. Echtes Land eben, verbummelt und wie dahingemalt. Auch die schmale Route Départementale schien nur dazu angelegt zu sein, in möglichst vielen Schlenkern zur nächsten romanischen Dorfkirche zu führen. Zudem bekam ich einen Crashkurs einiger elementarer Regeln in französischer Alltagskunde. Lektion eins war die heitere Stimmung, hinweg über den Unterschied zwischen aufs Land ausschwärmenden Städtern und echten Landbewohnern.

Die erste Frankreichreise führte direkt vom Bahnhof in eine klatschnasse Wiese mitten in der tiefsten Normandie.

Mit von der Partie waren ein krawattetragender Onkel aus Rouen, Christines herausgeputzte Cousine aus Paris, très chic, und die fidele Großmutter aus einem Dorf im weltabgewandten Departement Manche. Zu Hause ging ich nur in Szenekneipen voller sich weltverbesserisch gebender junger Leute mit politischem Anliegen und ernster Miene, die mit Krawattenträgern und Großeltern garantiert keinen Ausflug unternehmen würden. Hier aber herrschte eine Ungezwungenheit, die mich als Gast aus Deutschland ganz unangestrengt einbezog. Lektion zwei betraf die Wonnen der französischen Provinz, zu deren Ritualen auch das Schneckensuchen und der anschließende Restaurantbesuch zählen, in diesem Fall eine Ferme-Auberge, einen Bauernhof mit Gastwirtschaft, in der auf den Tisch kommt, was Scholle und Region so hergeben.

Patrimoine und Esskultur. Womit wir bei der nächsten Lektion wären: les produits du terroir und der damit verbundene Stolz, in diesem Fall auf normannische Erzeugnisse: Allein die Käseplatte aus Livarot, Camembert, Pont-l’Évêque, Neufchâtel – es gibt allein in der Normandie 17 (!) Käsesorten – war Thema ausschweifender Diskussionen. Bei Tisch herrschte jene urfranzösische convivialité, die sich mit Geselligkeit oder Gastlichkeit nur annähernd übersetzen lässt, und die dazu beigetragen hat, dass die französische Esskultur seit 2010 zum immateriellen Weltkulturgut der UNESCO zählt.
Apropos Essen: Das Menü der Ferme-Auberge war meine kulinarische Erweckung. Bodenständig und zugleich perfekt zubereitet. Die Portionen waren so gewaltig, dass man es ohne Trou normand, vulgo ein Gläschen Calavados zwischendurch, nicht zum Dessert geschafft hätte. Wie meine Gastgeber dabei die schlanke Linie hielten, ist nebenbei gesagt eines der französischen Rätsel, die ich gut 30 Jahre später trotz reichlicher Reiseerfahrung noch nicht gelöst habe.
Die nächsten Frankreichreisen folgten Schlag auf Schlag. Es ging zum Wandern über die menschenleere Hochebene des Larzac, wo meine inzwischen politisch erweckte Brieffreundin Christine ein Sommercamp gegen die auf dem zentralfranzösischen Hochplateau geplante Militärbasis organisierte. Nicht Christine, sondern François Mitterrand stoppte 1981 die Militärbasis. Umso öfter reiste ich in das Land, das auf ein paar Jahrhunderte freiheitlicher Gesinnung zurückschauen kann. Im Elsass lernte ich die Welt als geordnetes Fachwerk zu begreifen, deren Rahmen freilich schon vor 500 Jahren weit genug für die freiheitlichen Gedanken der in Sélestat lehrenden Humanisten war. Als Studienfach kam nur Französisch in Frage, bien sûr. Später wurde ich Journalist mit dem Schwerpunkt Frankreich. Die Gärten der Côte d’Azur, die Vulkane der Auvergne, die Winzer Burgunds, die Schlösser der Loire, gotische Kathedralen, Alpenseen und Pyrenäenkamm oder das Pariser Musée du Quai Branly sind unerschöpfliche Themenquellen.

 

Sehnsucht Frankreich. Die Faszination von uns Deutschen für Frankreich ist über die Jahre dieselbe geblieben. Die kleinen Dinge des Alltags spielen eine größere Rolle als bei uns: ein gutes Essen, eine Landpartie, ein Flirt, ein flottes Kleid, der petit noir auf der Terrasse. Frankreich verblüfft mit einem so enormen Reichtum an unberührten Landschaften und herausragenden Kulturgütern, dass man als Deutscher manchmal kleinlaut wird. Während bei uns Baudenkmäler für Straßen abgerissen werden, verehren Franzosen ihr patrimoine: Das kulturelle Erbe ist Zeugnis ihrer Geschichte, die es ihnen erlaubt, zu sich selbst aufzuschauen.

Mut zu Patina und die Größe zur Unvollkommenheit bewahren kriegsverschonte Stadtbilder vor der Musealisierung.

Mut zu Patina und die Größe zur Unvollkommenheit bewahren seit Jahrhunderten kriegsverschonte Stadtbilder vor der Musealisierung. Man sieht den Altstädten von Dijon oder Chartres dank baröckelnder Hôtels, windschiefer Dächer und verwitterter Kirchen ihr Alter tatsächlich an. Wo wie im Fall von St. Malo die Altstadt im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, ging man beim Wiederaufbau behutsam vor. Längst ist die Korsarenstadt wieder die Granitfestung, zu der sie im 18. Jahrhundert ausgebaut wurde. Der stolze Blick zurück befeuert zugleich einen unverbrüchlichen Zukunftsglauben. Frankreich hat Genies vom Format eines Gustave Eiffel hervorgebracht. Dessen Firma baut heute noch technische Wunderwerke wie den Viadukt von Millau, der nicht nur die weltweit höchste, sondern auch hochelegante Autobahnbrücke ist. Denn Technik schließt Schönheit nicht aus. Der hypermoderne Hochgeschwindigkeitsbahnhof am Flughafen von Lyon hebt wie ein stählerner Phönix ab.

Arroganz und Nabelschau. Doch bei aller Liebe gibt es immer wieder Momente großen Unverständnisses. Die Sorglosigkeit im Umgang mit der Atomkraft gehört dazu, trotz regelmäßig wiederkehrender Pannenketten und überalterter Reaktoren. Die Arroganz der Pariser Eliten nervt bisweilen, wie auch eine gewisse Nabelschau, die den Rest der Welt zur quantité négligeable, also zur ignorierbaren Masse herabstuft. Die rasante Ausbreitung von Fast-Food-Filialen irritiert mich kolossal, ganz zu schweigen vom Thema Le Pen. Dann aber führt eine Burgundreise zu einer Zisterzienserabtei, deren Besitzer sich bereits in dritter Generation mit geradezu heiligem Ernst und ohne staatliche Subventionen um den Erhalt des romanischen Bauwerks kümmern. Oder ich lande im französischen Südwesten auf dem Hof eines Biobauern, der als Sanitätsoffizier aus der französischen Marine ausgeschieden ist, um fortan die vom Aussterben bedrohten Nutztierrassen seiner gascognischen Heimat zu züchten. Jeglicher Zweifel ist im Nu verflogen. Solche Momente sind das Geschenk einer großen Nation.

 

ARTE-GASTAUTOR KLAUS SIMON FÜR DAS ARTE MAGAZIN, JOURNALIST UND AUTOR MIT SCHWERPUNKT FRANKREICH, SCHREIBT U.A. FÜR „GEO“, „FAZ“, „MERIAN“ UND „DER FEINSCHMECKER“. ER LEBT IN KÖLN.

 

ARTE PLUS

 

ZUM LESEN

Claude Gally: „Die Brandungswelle“ (btb, 2010),

James Salter: „Ein Spiel und ein Zeitvertreib“ (btv, 2007),

Fritz J. Rad-datz: „Nizza – mon amour“ (Arche Verlag, 2010),
Pierre Magnan: „Tod unter der Glyzinie“ (Fischer, 2004),

Kurt Tucholsky: „Ein Pyrenäenbuch“ (rororo, 2007),

Reiseführer von Klaus Simon gibt es zu fast allen französischen Regionen, zuletzt erschienen sind: Reisehandbücher Provence-Côte d’Azur und Languedoc-Roussillon (DuMont, 2011 und 2012)

 

Kategorien: Januar 2012