DER GEIST VOM ALTEN FRITZ

DOKfilm/Tom Schulze

DOKfilm/Tom Schulze

Dass er Frauen gehasst hat, ist kein Geheimnis. Ob er Männer liebte, darüber rätselt man auch 300 Jahre nach seiner Geburt noch: Friedrich der Große, aufklärerisches Genie und Schöngeist, vom Vater tyrannisiert und selbst Tyrann, der mit drei Schlesischen Kriegen Elend und mit großen Reformen Gerechtigkeit über sein Volk brachte. Kein zweiter wurde so verehrt und verteufelt. ARTE zeigt nun das Dokudrama „Friedrich der Große: Ein deutscher König“ mit ungewöhnlicher Besetzung – Anna und Katharina Thalbach. Im Interview sprechen Mutter und Tochter über genetische Verbindungen, einen grantigen Rauhaardackel und Testosteronrollen.

 

 

ARTE: Schon Ihre Großmutter, beziehungsweise Urgroßmutter wurde Alter Fritz genannt, warum?
KATHARINA THALBACH: Sie war eine große Verehrerin von Friedrich dem Großen. Wenn sie gute Laune und den einen oder anderen Rum in ihren Tee gekippt hatte, nahm sie einen Stock, ihren alten Pelzmantel, krempelte den Hut um und spielte für mich den Alten Fritz. Oder wenn sie von Charlottenburg über die Grenze zu mir nach Ost-Berlin fuhr, setzte sie ihr Alter-Fritz-Gesicht auf, was zur Folge hatte, dass die Vopos sie ganz schnell durchließen, weil sie unwahrscheinlich finster aussah.

ARTE: Sie sagen selbst, Sie haben viel von Ihrer Großmutter – also auch vom Alten Fritz?
KATHARINA THALBACH: Ich nehme an, der Geist vom Alten Fritz ist auf irgendeine Weise über meine Großmutter in mich hineingerutscht. Diese preußische Decke, die sie über mich warf, mit all den Schrecklichkeiten, aber auch all den Tugenden, inklusive dieser schillernden Figur des Fritz.
ANNA THALBACH: Ich finde nicht, dass meine Mutter Ähnlichkeit mit dem Alten Fritz hat, ich würde sie ungern auf das Preußische reduzieren, auch wenn sie sehr diszipliniert ist. Meine Mutter und ich sind in erster Linie Frauen, und allein deshalb Friedrich nicht ähnlich. Das ist ja das Schöne, dass man uns nicht mit ihm identifizieren kann.

ARTE: Sie beide sagen, Sie hätten Friedrich im Dokudrama „Friedrich der Große: Ein deutscher König“ nicht gespielt, sondern ihn quasi in den Genen gehabt. Wie kann man das verstehen?
KATHARINA THALBACH: Es gibt da eine Art Seelenverwandtschaft. Vielleicht liegt es daran, dass ich Hundeliebhaberin bin wie er. Nicht umsonst habe ich einen Hund nach ihm benannt: Fritz, das war ein kleiner, grantiger, sehr alter Rauhaardackel.
ANNA THALBACH: Auch mir war Friedrich vom ersten Moment an wahnsinnig vertraut. Irgendwie glaube ich, dass der Alte Fritz gewollt hat, dass meine Mutter und ich ihn spielen. Er hat uns an die Hand genommen, damit wir das gut machen.

ARTE: Sie spielen zum ersten Mal in einem Projekt dieselbe Person. Eine besondere Herausforderung?
ANNA THALBACH: Es ist zwar der erste Mann, den wir uns teilen, aber wir haben uns nicht anders darauf vorbereitet, als auf jede andere Rolle auch.

ARTE: Wie kam es zu dieser Doppelbesetzung?
KATHARINA THALBACH: Die Idee hatte der Sender rbb. Ich bekam einen Anruf mit der Frage, was ich davon hielte. „Fantastisch“, sagte ich. Annas Tochter sollte den ganz jungen Friedrich spielen. Da haben wir aber den familiären Riegel vorgeschoben.

ARTE: Wieso spielen gerade zwei Frauen jenen Herrscher, der Frauen bekanntlich hasste?
KATHARINA THALBACH: Natürlich habe ich mir diese Frage auch gestellt. Weder die Autoren noch der Regisseur oder die Techniker hatten darauf eine richtige Antwort, außer: „Sie sind die beste Besetzung“. Die überzeugten Fritzianer werden sich vielleicht darüber aufregen, aber ich glaube, dass Friedrich im Grab seinen Frieden damit gemacht hat.

ARTE: Anna, Sie sagen, ein Mann hätte Friedrich nicht ohne Eitelkeit spielen können. Warum?
ANNA THALBACH: Als Frau habe ich eine größere Distanz zu der Figur als ein Mann. Man bezieht sich mehr auf das Wesentliche, auf die Charaktermerkmale, auf die emotionalen Konflikte, die losgelöst vom Geschlecht sind. Wenn es eine Testosteronrolle gewesen wäre, hätte es nicht funktioniert, da wären wir an physische Grenzen gekommen.

ARTE: Katharina ist für Männerrollen bekannt, Sie, Anna, spielen nun Ihre zweite. Man könnte meinen, Männerrollen seien die interessanteren …
ANNA THALBACH: Früher gab es höchstens eine Oma pro Film, die durfte zweimal durchs Bild huschen. Heute wird zwar immer noch mehr für Männer geschrieben, aber es gibt auch Rollen für ältere Damen. Die Karriere ist mit 40 nicht mehr vorbei.
KATHARINA THALBACH: Stimmt, aber in den Machtpositionen ist es immer noch eine männerdominierte Welt. Wirtschaft oder Film, es ist dasselbe.

ARTE: Tyrannischer Kriegsherr oder Flöte spielender Visionär, wer ist Friedrich für Sie?
ANNA THALBACH: Es gibt kein Schwarz oder Weiß. Nur weil jemand Kunst liebt, macht es ihn nicht zum Pazifisten. Viele machtgierige Kriegsherren haben ja auch Kunst gesammelt. Ich glaube, Friedrich war in erster Linie Politiker und hatte größere Interessen, aber die Kunst hat ihm Schutz gegeben. Aber sie hat ihn auch von seinem Vater entfremdet.
KATHARINA THALBACH: Für mich ist er in erster Linie ein Visionär. Er war ein Freund der Künste, der Erschaffer von Schloss Sanssouci, der ein Leben lang mit dem französischen Philosophen Voltaire befreundet war. Und er hat unglaublich viele Reformen durchgesetzt, die Französische Revolution beinahe vorausgedacht.

 

Es gibt kaum einen Visionär, der nicht auch Tyrann war. Die macht verführt dazu.

Es gibt kaum einen Visionär, der nicht auch Tyrann war. Die macht verführt dazu.Allein die Tatsache, dass er sagte: „Ich bin nur dazu da, um dem Volk zu dienen“, war ja bereits eine revolutionäre Haltung. Ich wünschte, ein Politiker würde das heute sagen.

 

ARTE: Immerhin hat er drei Kriege um Schlesien angezettelt, die im Siebenjährigen Krieg gipfelten.
KATHARINA THALBACH: Staatsräson ist Staatsräson. Ich denke, es gibt kaum einen Visionär, der nicht auch Tyrann war. Die Macht verführt dazu. Ohne die Schlesischen Kriege hätte Friedrich ja niemand wahrgenommen und Preußen wäre dieses Provinznest geblieben. Ich glaube aber, dass er nicht geahnt hat, wie einsam ihn seine Macht am Ende machen würde. Ich möchte nicht wirklich in seiner Haut gesteckt haben.

 

INTERVIEW: DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

ANNA & KATHARINA THALBACH

Katharina Thalbach, geboren 1954, steht seit ihrem vierten Lebensjahr auf der Bühne. Anna Thalbach, geb. 1973, feierte mit sechs Jahren ihren ersten Bühnenerfolg an der Seite ihrer Mutter in Brechts „Mutter Courage“

 

 

ARTE PLUS

 

FRIEDRICH DER GROSSE

AUSSTELLUNGEN

„Friederisko“, 28.4. bis 28.10.2012, Potsdam, Neues Palais und Park Sanssouci (www.spsg.de);
„Friedrich der Große – verehrt, verklärt, verdammt …“, 22.3. bis 29.7.2012, Deutsches Historisches Museum Berlin (www.dhm.de)

BÜCHER

Jens Bisky: „Unser König: Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch“ (Rowohlt 2011);

Norbert Leithold: „Friedrich II. von Preußen: Ein kulturgeschichtliches Panorama von A-Z“ (Eichborn 2011);

Jürgen Luh: „Der Große: Friedrich II. von Preußen“ (Siedler Verlag 2011);

Johannes Unger: „Friedrich: Ein deutscher König“ (Propyläen 2011)

(Auswahl)

 

 

FRIEDRICH DER GROSSE: EIN DEUTSCHER KÖNIG

CHRONIK

 

FRIEDRICH

1712

Friedrich II. wird am 24. Januar in Berlin geboren. Er ist der älteste überlebende Sohn von 14 Kindern von König Friedrich Wilhelm I. und Sophie Dorothea von Hannover. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr werden er und seine Schwester Wilhelmine auf Französisch erzogen

1730

Kronprinz Friedrich will mit seinem Freund Hans Herrman von Katte vor seinem tyrannischen Vater fliehen. Die Flucht misslingt, Friedrich wird vom Vater unter Hausarrest gestellt, Katte wird am 6.11.1730 vor seinen Augen hingerichtet

1733

Auf Befehl des Vaters heiratet Friedrich Elisabeth von Braunschweig-Bevern am 12.6.1733. Das Paar zieht 1736 ins Schloss Rheinsberg, wo Friedrich dem höfischen Vergnügen frönt. An Männern soll er mehr Gefallen gefunden haben, die Ehe bleibt kinderlos

1740

Friedrich I. stirbt, am 31.5.1740 wird Friedrich II. König. Der Mann, der 1738 seine erste Sinfonie komponiert und dessen Aufklärungsschriften von Voltaire herausgegeben werden, muss sich dem Regieren widmen

DER GROSSE

1740–42 & 1744–45

Preußen fällt in Schlesien ein und behauptet seine Herrschaft in zwei Kriegen. Die Schlacht bei Mollwitz gegen Österreich erschüttert Friedrich, weil er vom Schlachtfeld flieht. Am Ende des zweiten Schlesischen Krieges wird Friedrich als „der Große“ bezeichnet

1746

1746 beginnt Friedrich mit Justizreformen, die 1794 zum Allgemeinen Landrecht führen. Am 1.5.1747 wird das Lustschloss Sanssouci (ohne Sorge) in Potsdam eingeweiht, an dessen Entwürfen er mitwirkt

ALTER FRITZ

1756–63

Im dritten Schlesischen Krieg, Siebenjähriger genannt, steht Preußen Österreich, Russland und Frankreich gegenüber. Trotz der katastrophalen Niederlage bei Kunersdorf 1759 geht Preußen als Großmacht aus dem Krieg hervor – Friedrich wird zum Alten Fritz

1772

Preußen erhält bei der Ersten Teilung Polens Westpreußen und andere Gebiete. Friedrich darf sich ab jetzt „König von Preußen“ nennen

1786

Am 17.8.1786 stirbt Friedrich II. in Sanssouci. Neffe und Nachfolger Friedrich Wilhelm lässt ihn nicht, wie es sein Wille ist, in Sanssouci, sondern in der Potsdamer Garnisonskirche beisetzen. 1991 wird der Sarg nach Sanssouci überführt

Kategorien: Januar 2012