WER HAT ANGST VORM WOLF?

© ZDF/Volker Roloff

© ZDF/Volker Roloff

Ihm ist egal, was andere denken. Vielleicht ist er deshalb heute einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Mit 15 zog Jürgen Vogel von zu Hause aus, landete in der Berliner WG von Richy Müller, bewarb sich an der Münchner Schauspielschule und verließ sie nach nur einem Tag. Den Durchbruch feierte der Autodidakt als Tellerwäscher und Schauspielanwärter Ingo in „Kleine Haie“ (1992). Seine verstörende Rolle als Vergewaltiger in „Der Freie Wille“ brachte ihm 2006 den Silbernen Bären ein. Das ARTE Magazin traf den fünffachen Vater, der auf einem Motorrad vorfährt und sich partout nicht siezen lassen will, in einem Berliner Café. Ein Gespräch über Lügen, Monster und dicke Bäuche.

 

ARTE: Man kennt dich als Schauspieler, der nach eigener Aussage gerne „gebrochene Typen und Arschlöcher“ spielt. Warum ist das so?
JÜRGEN VOGEL: Ich mag Extreme, Menschen in Ausnahmesituationen. Die sind einfach viel inter-es-santer! Da passiert was, steigt jemand aus, rutscht ab oder fährt hoch. Mittelmaß gibt es ja genug.
ARTE: Was ist an deiner Rolle, dem Henry Thal-bach im Fernsehfilm „Die Stunde des Wolfes“, extrem?
JÜRGEN VOGEL: Irgendwie alles. Auch in den Momenten, in denen er total nett ist, läuft es einem kalt den Rücken runter. Der Film erzählt eine Geschichte von Wunden, die nicht heilen, Gefühlen, die nicht altern wollen. Bestimmte Dinge kommen einfach zurück, auch wenn man versucht, sie zu verdrängen. Auch ich habe Dinge erlebt, die mich immer noch beschäftigen. Man muss versuchen, sich ihnen zu stellen, um damit leben zu können.
ARTE: Deine Rollen zeichnen sich sonst durch Realismus aus, jetzt spielst du in dem Mystery-Thriller einen Mann zwischen Mensch und Wolf – ein ganz neuer Schritt?
JÜRGEN VOGEL: Nein, ich sehe Sachen nie so groß. Ich bin ein sehr neugieriger Mensch und probiere immer wieder Dinge aus, die anders sind. Ich finde jedes Bild in diesem Film spannend, der treibt etwas voran, man ist immer neugierig auf das, was gleich danach passiert. Aber meine Rolle ist kein Einstieg in eine neue Art des Filmemachens.
ARTE: Neben vielen preisgekrönten Filmen hast du auch andere Projekte gemacht, von der Sat.1-Comedy-Show „Schillerstraße“ bis zur Werbung für die Sparkasse – verzeiht man dir alles?
JÜRGEN VOGEL: Ich stehe zu dem, was ich mache. Mir ist egal, was andere denken. Ich tue das, was mir Spaß macht – und das merkt man dann auch, glaube ich. Manchmal mache ich auch etwas fürs Geld, das gehört zum Job dazu. Wie jeder andere Mensch bin ich ja auch nicht frei von Zwängen oder Oberflächlichkeiten. Ich bin kein Künstler, der sich über irgendwen oder -etwas hinwegsetzt.
ARTE: Du siehst dich nicht als Künstler?
JÜRGEN VOGEL: Nein, das würde ich nie sagen, das finde ich peinlich! Anderen steht es vielleicht zu, das zu sagen, aber wenn man das über sich selbst sagt, finde ich das schmierig. Und man kommuniziert damit: „Ich kann das, was ich tue.“ Ich finde, eine grundsätzliche Bescheidenheit ist bei diesem Beruf schon ganz angebracht.
ARTE: Bist du, trotz deiner nun fast 30 Jahre andauernden Erfolgsgeschichte, jemals gescheitert?
JÜRGEN VOGEL: Natürlich, das eine schützt nicht vor dem anderen. Die Frage ist nur, wie man weiter- macht und was sich danach verändert. Ich finde, dass so ein Scheitern, so ein kompletter Zusammenbruch, so ein An-die-Wand-Klatschen, zum Menschsein dazugehört, natürlich auch beruflich. Das beschäftigt mich eigentlich nach jedem Film.
ARTE: Auch nach über 100 Filmen und dem „Spiegel“-Prädikat „größter Instinktschauspieler“ sprichst du in Interviews noch von Angst. Warum?
JÜRGEN VOGEL: Um ehrlich zu sein, kokettiere ich damit ein bisschen. Interviews sind ja manchmal so langweilig, da musst du einfach lügen, um das aushalten zu können!
ARTE: Hast du mich etwa schon angelogen?
JÜRGEN VOGEL: Nein! Aber, manchmal ist das, was du am Morgen erzählst, am Abend schon wieder Vergangenheit. Weil du dich weiterentwickelst. Deswegen muss man mit dem, was man sagt, locker umgehen – aber in dem Moment ist es Realität.
ARTE: Hand aufs Herz, wenn du ehrlich bist, glaubst du schon an dein Talent.
JÜRGEN VOGEL: Ich habe keine Ahnung. Ich glaube, wenn ich Talent habe, kann ich nichts dafür. Das habe ich mir ja nicht erarbeitet. Talent ist wahnsinnig positiv, aber es kann auch total destruktiv sein. Beide Seiten anzunehmen, ist eine Entscheidung für das ganze Leben. Viele hat das eigene Talent kaputt gemacht. Das einzige, was dich davor schützt, ist dein Charakter.
ARTE: Den bringst du in deine Rollen mehr als viele andere Schauspieler ein, weswegen du als Selbstdarsteller giltst. Was treibt dich an?
JÜRGEN VOGEL: Mir geht’s darum, meine Sichtweise, meine Haltung in die Figur zu geben. Insofern bin ich dann eben ein Selbstdarsteller. Die härteste Kritik, die mir jemand gemacht hat beim Vergewaltiger-Drama „Der freie Wille“, war, dass ich distanzlos, unerträglich distanzlos gespielt habe. Es war negativ gemeint, aber für mich war es das Schönste, was jemand zu mir sagen konnte. Ich will keine Distanz zu meinen Figuren. Auf gar keinen Fall!
ARTE: Nach „Der freie Wille“ hast du gesagt: „Wir können nur glücklich sein, wenn wir zu den Monstern in uns stehen.“ Was, wenn die, wie in „Die Stunde des Wolfes“, in der Familie sind?
JÜRGEN VOGEL: Dann trägst du dieses Stückchen Monster auch schon in dir drinnen. Selbst wenn du dich mit dem Schicksal deiner Familie auseinandersetzt, ist und bleibt es immer ein Teil von dir. Alle Monster sind Teil der Gesellschaft, und wir müssen lernen, damit zu leben.
ARTE: Aktuell drehst du mit Oskar Roehler „Die Quellen des Lebens“, in dem du zum ersten Mal einen alten Mann spielst. Hast du Angst vorm Altern?
JÜRGEN VOGEL: Nein, überhaupt nicht, das war eine tolle Erfahrung! Ich spiele den Großvater Erich, einen Kriegsheimkehrer, der versucht, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ich hatte eine irre Silikonmaske dafür auf, mit der war alles dicker: die Nase, die Ohren. Und auch mein Bauch – super!
ARTE: Hinter all der Schminke und Verkleidung – wer ist der Mensch Jürgen Vogel?
JÜRGEN VOGEL: Wenn du alles, was ich gemacht habe, zusammenbastelst, dann bin ich das wahrscheinlich. Aus allen Filmen ein Stückchen. Alles, was ich gemacht habe, ist ein Teil von mir. Ich denke schon über mich nach, frage mich, was ich an mir ändern kann, aber ich selbst kann mich schwer beschreiben. Da habe ich Schutzblockaden.
ARTE: Wie wichtig ist dir das Bild, das die Öffentlichkeit von dir hat?
JÜRGEN VOGEL: Wenn ich mich für die Öffentlichkeit interessiere, dann nur in Bezug auf meine Arbeit. Alles andere ist Show. So ein Image ist natürlich eine Rutsche.
ARTE: Ein Image ist eine Rutsche?
JÜRGEN VOGEL: Ja, eine Rutsche, auf der du sehr bequem rutschst. Das ist wunderbar, das geht in eine Richtung. Ein Image kann dir helfen, Filme zu vermarkten, Themen an den Mann zu bringen. Ich will die Menschen auch gar nicht davon überzeugen, dass es anders ist.

 

INTERVIEW: DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

JÜRGEN VOGEL

1968 in Hamburg geboren. Er ist Schauspieler, Produzent und Musiker und lebt in Berlin

 

FILMOGRAFIE

 

„Hotel Lux“ (2011),

„Schwerkraft“ (2009),

„This is love“ (2009),
„Die Welle“ (2008),
„Der freie Wille“ (2006),
„Emmas Glück“ (2006),

„Keine Lieder über Liebe“ (2005),

„Mein Name ist Bach“ (2003),
„Rosenstraße“ (2003),

„Nackt“ (2002),

„Sass“ (2001),

„Das Leben ist eine Baustelle“ (1997),

„Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ (1997),
„Kleine Haie“ (1992),
„Rosamunde“ (1990)

(Auswahl)

Kategorien: Dezember 2011