LAUREL AND HARDY

Archiv Andreas Baum

Archiv Andreas Baum

Früher hießen sie Dick und Dof – Dof mit nur einem „o“, weil das noch doofer ist. Was sich Fernsehmacher in den 1930er Jahren für das deutsche Publikum ausgedacht haben, wäre gar nicht nötig gewesen. Auch ohne den Wortwitz sind „Laurel and Hardy“ – so ihr echter Künstlername – das erfolgreichste Komikerpaar aller Zeiten geworden. Ollie mit der zu kurzen Krawatte und dem aus allen Nähten platzenden Anzug, Stan mit der schrägen Fliege und dem um ihn schlackernden Zwirn. Dummkopf und Besserwisser – beide mit den unverwechselbaren Bowlerhüten, die ab den 20ern fast in jedem ihrer 106 Filme vertauscht und mit großem Brimborium wieder umgetauscht wurden. Einer dieser schwarzen Hüte liegt heute in Kassel.

 

 

Waschechte Womanizer
Andreas Baum, Regisseur der Dokumentation „Laurel and Hardy. Die komische Liebesgeschichte von ,Dick & Doof‘“, hat eines der größten Laurel-und-Hardy-Archive Europas. Er öffnet die Vitrine im Eingangsbereich seines Hauses und nimmt den Hut in seine Hand. Das Schwarz ist ein bisschen matt geworden, der Stoff an einer Stelle eingerissen, aber innen steht in krickeliger, blassblauer Handschrift: Oliver Hardy. Etliche Originale hat Baum im Internet oder über den ganzen Erdball verstreut aufgespürt. „Das ist ein bisschen wie Detektivarbeit“, sagt er schmunzelnd. In seiner Stimme schwingt Ironie, aber auch Stolz mit, wenn er über seine private Sammlung spricht. Deren Herzstück ist der mannshohe Reisekoffer von Stan Laurel, den Baum bei Christie’s ersteigert und im Eingang seines Hauses hinter einer Glasscheibe, wohltemperiert und befeuchtet, aufgestellt hat. Ein vergilbter Aufkleber mit Stans Handschrift zeugt von der letzten Schifffahrt: „Name – Stan Laurel; M/S – Manchuria; Destination – Los Angeles“.
In Kalifornien wohnte der 1890 in England geborene Stan Laurel bis zu seinem Tod mit seiner vierten Ehefrau im Oceana Apartment Hotel in Santa Monica – „weil es bequemer war, er brauchte dort den Müll nicht runterbringen“, so Baum. Was nur eingefleischte Fans wissen: Die beiden Komiker waren waschechte Womanizer, vor allem Laurel: Seine erste Frau heiratete er einmal, die zweite zweimal, die dritte dreimal, und die letzte einmal. Dagegen beeindrucken die drei Ehen Oliver Hardys wenig. „Babe“, wie Freunde den 1892 in Georgia geborenen Hardy nach einer Glattrasur beim Frisör zeitlebens nannten, amüsierte sich lieber beim Golfspielen und mit seiner eigenen Pferdezucht. Alkohol tranken beide gern – was zu negativen Schlagzeilen, vor allem für Laurel, führte. Filmproduzent Hal Roach, aus dessen Studio die Kinderserie „Die kleinen Strolche“ kam, kündigte Laurel dafür zweimal – stellte ihn aber jedesmal wieder ein.

 

Stan Laurels Zähne
Am liebsten wäre Stan aber Briefpapierhändler geworden, habe er einmal scherzhaft gesagt, erzählt Baum und blättert durch seine Ordner, in denen blaues und weißes Papier raschelt, dicht beschrieben mit Laurels filigraner Handschrift. Schreiben war seine Leidenschaft. Fanpost beantwortete er persönlich auf der Olympia-Schreibmaschine am Schreibtisch, auf dem fast alles mit dem Aufkleber „Stan Laurel“ markiert war. Eine Eigenart, die so weit ging, dass er einem in Geldnot geratenen Mitarbeiter den Zahnersatz bezahlte und auf die Rückseite als Witz „Property of Stan Laurel“, Eigentum von Stan Laurel, eingravieren ließ.

 

Greinen und Tröten
Der Schreibtisch steht nun bei Andreas Baum, originalgetreu nachempfunden, vom roten Motorola-Radio über die schwarze Brille bis zum Gemälde an der Wand. Der Mann, der eine ähnlich widerspenstige Frisur trägt wie Laurel sie unterm Hut verbirgt, produziert sonst investigative Filmbeiträge. Mit der Dokumentation über das Komikerduo hat er sich einen Kindheitstraum erfüllt, der in den 70er Jahren begann: „Jeden Freitag war ich freiwillig pünktlich zu Hause, damit ich um Punkt sechs Uhr, Dick und Doof‘ im Fernsehen gucken konnte.“
Da ist er wieder, der Name, der vielen Fans ein Dorn im Auge ist, weil er abwertend klingt. Baum sieht das pragmatisch: „Das ist eine treffende Charakterisierung der Rollen, wenn man Stan und Ollie nicht darauf reduziert.“ Auch wenn es noch so doof ist: Das Klavier, das immer und immer und immer wieder die Treppenstufen herunterrutscht, während Stan und Ollie es ein ums andere Mal hochhieven; Ollie, der entnervt in die Kamera blickt; Stan, der greint und Grimassen zieht; Ollies brennendes Hinterteil; Stans Finger in Ollies Auge, der trötende „Kuku“-Song, mit dem jede Folge beginnt …
Als Klamauk sahen viele deutsche Kritiker bis zum Zweiten Weltkrieg die Sketche von Laurel und Hardy an, nach 1945 änderte sich das. „Laurel und Hardy waren immer puristisch, sie haben Slapstick-Comedy ohne intellektuellen Anspruch gemacht“, sagt Baum. Hinter Charlie Chaplin oder Buster Keaton steht das Duo aber nicht zurück, im Gegenteil: „Das ist große Kunst, Laurel und Hardy haben diese Art von Humor perfektioniert.“ Baum springt auf, rennt los, stolpert gestelzt, um zu demonstrieren, wie schwer es ist, so zu tun, als stolpere man. „Frag Stan“, soll Hardy immer gesagt haben, der mit Leib und Seele Schauspieler war, denn Laurel war der Kopf hinter dem Duo. Er führte Ko-Regie und schrieb Drehbücher, was aber nie im Abspann stand. Er wurde Vorbild für viele andere Künstler, zum Beispiel den französischen Pantomimen Marcel Marceau, dessen größter Förderer Laurel wurde.

 

Golfbälle in Los Angeles
Dazu kam es nicht ganz zufällig. Marceau ließ einen Kurzschluss in Laurels Hotelzimmer fingieren, als dieser in Paris weilte, schickte seinen Bühnentechniker zur Reparatur und ließ Laurel in seine Vorstellung einladen. Zudem engagierte er einen Fotografen, veröffentlichte die Schnappschüsse und wurde dadurch bekannter.
Andreas Baum kennt viele solcher Anekdoten, über drei Jahre hat er an seiner Dokumentation gearbeitet, reiste durch sieben Länder, ergatterte noch nie veröffentlichte Filme wie die letzten Farbaufnahmen von Laurel vor seinem Tod. Und landete einen Coup, indem er ein Exklusivinterview mit Laurels heute 84-jähriger Tochter aus erster Ehe, Lois Laurel-Hawes, bekam. „Die Fülle an Materialien, die zur Verfügung stehen, ist an Opulenz und Qualität kaum zu überbieten“, sagt Milka Pavlic´evic´, verantwortliche Redakteurin der Dokumentation. Die Musik wird teilweise von Originalplatten aus den 1920er Jahren abgespielt, Szenen werden von Schauspielern nachgestellt – am nachgebauten Schreibtisch in Kassel oder mit aus der damaligen Zeit stammenden Golfbällen in Los Angeles.

 

Eine komische Liebesgeschichte
Es ist die erste Dokumentation, die zu zeigen versucht, wer Laurel und Hardy wirklich waren: Freunde. Anfangs gute Kumpel, ab den 1940er Jahren während der langen Bühnentourneen enge Weggefährten. Von ihrem ersten gemeinsamen Film 1921, „The Lucky Dog“, bis zum letzten 1951, „Atoll K“, waren Stan und Ollie 30 Jahre lang ein Filmpaar. „Das gab es vorher und nachher nie wieder“, sagt Andreas Baum, „es gibt kein perfekteres Team“. Er schaut auf ein gerahmtes Bild an der Wand – sein erstes Sammlerstück, ein Autogramm der Komiker von 1952. Hardy stirbt 1957, ohne ihn will Laurel nicht weitermachen. Auch den Ehrenoscar für sein Lebenswerk nimmt er 1961 nicht persönlich ohne Hardy entgegen. 1965 stirbt auch Laurel. „Da hast du uns ja eine schöne Suppe eingebrockt“, hätte Hardy vielleicht wie so oft im Film gesagt. Um mit Laurels Standardantwort zu schließen: „Du hast mich ja nicht gefragt.“

 

DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE PLUS

 

LAUREL & HARDY IM INTERNET

Die offizielle Homepage: www.laurel-and-hardy.com

Das einzige deutsche Museum in Solingen: www.laurel-hardy-museum.de

Der offizielle Fanclub, benannt nach „Die Wüstensöhne: „The Sons of the Desert“. Gegründet Anfang der 1960er von Biograf John McCabe und mit Statuten eigens von Stan Laurel verfasst; eine deutsche Version: www.saartent.de

Originale Briefe von Stan Laurel geschrieben: www.lettersfromstan.com

Vierteljährlich erscheinende Zeitschrift: www.laurelandhardy.org

(Auswahl)

Kategorien: Dezember 2011