AXEL MILBERGS SKANDINAVIEN – DER NORDEN LEUCHTET

Claas Thomsen

Claas Thomsen

Das ist eine Dänin, flüsterte mein Vater, als ich als Kind im Zugabteil nach einer alten Dame fragte, die Zigarre rauchte – das ist meine erste Erinnerung an Skandinavien. Irgendwann machten wir Ferien auf der dänischen Nordseeinsel Rømø und hatten dort unglaubliche Frühstücksbuffets, mit Bergen von Krabben und Mayonnaise, im Hotel in der Nähe zum endlosen Strand.

 

 

Dann kam die Literatur, die jeder kennt, zuerst Astrid Lindgren und Nils Holgersson, immer wieder. Später dann waren es Gestalten, die mir bei der Theaterarbeit begegneten, zum Beispiel in Henrik Ibsens Drama „Die Frau vom Meer“ in der Inszenierung von Thomas Langhoff. Ich spielte den Bildhauer Lyngstrand, der nach einem Schiffsunglück zu lange im eiskalten Wasser gelegen hat und stolz auf seine tödliche Lungentuberkulose ist, weil sie, wie er glaubt, zur wahren Künstlerexistenz gehört. Noch später ist mir die Welt des Nordens in Henning Mankells Kriminalromanen wiederbegegnet – auch in seiner Überzeugung, dass jedem Verbrechen ein anderes vorausgegangen sein muss. Das ist Mankells politisches Statement: Keiner wird böse geboren. Und die Realität ist immer grausamer, als die Fantasie es je sein kann.

 

Leben am Limit. Warum haben die Literatur und die Filme des Nordens oft das Verbrechen zum Thema, warum sind sie international so erfolgreich? Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Menschen Protestanten sind, puritanisch und nicht in der Lage, viel Aufhebens um die Sünden und die Widersprüchlichkeit zwischen Geist und Fleisch zu machen. Sie haben in ihrer religiösen Tradition immer Strafen vorgesehen. Das ganze Lebenswerk von Ingmar Bergman erzählt von nichts anderem: dass wir den Tod fürchten, dass wir Strafen erwarten, dass wir dem christlichen Ideal nicht entsprechen und Opfer und Täter zugleich sind. Die Menschen leben immer am Limit. Da sind die lange Dunkelheit im Winter und das magische Licht im Sommer. Man lebt in einem Reich der harten Kontraste. Wie gehen die Skandinavier seelisch damit um?

Die Tiefe der nordischen Seele. Ich habe es bei meinen Drehs und Reisen im Norden beobachtet, zuletzt auf den finnischen Ålandinseln und schon im Jahr vorher, als wir in Ilomantsi gedreht haben, im finnischen Karelien, an der Grenze zu Russland: Skandinavier gewinnen an Tiefe, indem sie der Landschaft, der Kälte, der Dunkelheit, der Natur, der Einsamkeit, der Stille ausgesetzt sind. Was aber ist Tiefe? Sicher ist da die Tiefe des Erlebens, in Sehnsucht, Liebe, Hass, Verzweiflung und Glück. Weil die Gefühle sich nicht ständig auf Neues stürzen können, denn es gibt kaum Abwechslung. Und wie die Natur im Sommer leuchtet und im Winter das Polarlicht am dunklen Himmel schimmert, so leuchten die Menschen des Nordens aus ihrer inneren Ruhe, aus diesem Bei-sich-selbst-Sein, heraus.
Wenn ich von meinen Dreharbeiten im Norden zurückkehre, ist dieses Leuchten auch in mir. Als hätte ich auf magische Weise aufgetankt. Es entspricht mir sehr stark, dieses im Hier-und-Jetzt-Sein. Das brauche ich in meinem Leben, zwischen den Dreharbeiten und Buchprojekten. Auch mal nichts zu sagen, dieses Schweigenkönnen, gefällt mir am Nordischen. Das Mitteilsame ist kein Wert an sich. Wir haben es heute alle so wunderbar übernommen, temperamentvoll zu sein. Aber was ist Temperament? Es kann doch auch sein, dass man einfach Dinge intensiv sieht und wahrnimmt und dann etwas in sich geschehen lässt. Das ist die andere Qualität des Nordens. Die kultige Bräsigkeit von Kaurismäkis Filmfiguren dagegen ist ein Klischee. Die Skandinavier, die ich erlebt habe, waren vielmehr temperamentvolle Verführer. Sie verstehen es, gut zu leben in den weiten Sommern. Fahren mit ihren Booten von ihren Inseln raus, fischen und jagen. Meine Söhne, die auf die Ålandinseln hinterherkamen, haben sich prompt in die blonden Mädchen verliebt. Das ist der Zauber der Mittsommernacht.
Mir ist Skandinavien vertraut wie eine Heimat, wie Bilder, die ich in mir trage. Die Familie Milberg ist ja nun mal aus Schweden nach Hamburg ausgewandert, Milberg ist ein schwedischer Name. Dass ich nach Skandinavien heimkehre, ist vielleicht etwas vollmundig gesagt, aber mir ist eben der Norden Europas vertrauter als die Türkei oder Spanien oder Nordafrika. Nach Skandinavien zu fahren ist ein bisschen eine Zeitreise in die 1960er Jahre, mit Pilzesammeln und Safteinkochen und Bauernfesten in Trachten. Hier sind die Häuser noch unverschlossen. Du gehst in die Küche des Bauernhofes, und man bietet dir Kaffee und Kuchen an.

Mit dem Rücken zu Deutschland. Der wortkarge „Tatort“-Kommissar Klaus Borowski, den ich seit 2003 spiele, ist auch so ein Nordmensch. Er blickt aus seinem Präsidium auf einen Ostsee-Fjord, die schweren Wolken darüber drücken oft seinen Seelenzustand aus, die großen Fähren gehen nach Schweden und Norwegen. Als geborener Kieler war es mir bei Beginn der Dreharbeiten wichtig, dass man den „Tatort“-Kommissar Borowski als Charakter an der skandinavischen Grenzlinie versteht. Denn von Kiel aus, mit dem Rücken zu Deutschland, blickt alles ins Nordische. Und ich wollte, dass die gezeigten Verbrechen weh tun. Der Verlust eines Menschenlebens muss weh tun! Sonst finde ich es unverantwortlich gegenüber all denen, die tatsächlich von Gewalttaten, Tod und Todesnähe betroffen sind. Was ganz und gar nicht heißt, dass man im Film zwangsläufig Blut vergießen muss.

Skandinavien in 90 Porträts. Wie die Skandinavier leben, mit Humor und Tiefe, kann uns Vorbild sein. In der Reihe „Europas hoher Norden“, dieser Reise in Skandinaviens Weite, der ich als Erzähler meine Stimme gegeben habe, kann man sie erleben: in Porträts skandinavischer Landschaften und großer Städte, von 90 Frauen und Männern jeden Alters und in unterschiedlichsten Lebenslagen. Es ist eine Expedition in die Tiefe der nordischen Seele, ein Versuch, den skandinavischen Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen und auch mit Leichtigkeit einzufangen. Ich finde mein Skandinavien in diesen 15 Filmen wieder, die mit einer solchen Genauigkeit, Farbigkeit und Ruhe erzählt sind, dass man das Gefühl hat, man ist vor Ort, im Moment des Zuschauens. Oft spürt man aber auch, und das gefällt mir ganz besonders gut, dass es die dargestellten Personen Anstrengung kostet, ihr Leben so zu führen. Dass nicht alles frei Haus geschenkt wird.
So habe ich sie erlebt, diese Skandinavier, die immer ein oder zwei biografische Brüche hinter sich haben – oder noch vor sich. Der Schafzüchter auf Island, der nach dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull nicht aufgeben mag. Die Frau vom schwedischen Vätternsee, die nach ihrem Burnout neu durchstartet – mit einer Knäckebrotbäckerei, deren neue Sorten Knäckebrot in ganz Schweden berühmt geworden sind. Der Häftling von der Gefängnisinsel Bastøj im Oslofjord, die ohne Zaun oder Mauer auskommt. Der junge dänische Tänzer, der in Kopenhagens Ballettkompanie seinen ersten Solopart tanzen darf: den Prinzen aus „Schwanensee“. Der alte Inuit aus Grönland, für den es immer schwieriger wird, mit seinem Hundeschlitten zum Eisfischen rauszufahren, weil die Eisdecke so dünn geworden ist.

 

 

„Wie die Skandinavier leben, mit Humor und Tiefe, das kann uns Vorbild sein.“

 

 

Es sind Geschichten von den sonnigen, leuchtenden Tagen im Norden. Die anderen sechs Monate, wenn keiner zwischen Insel und Fjord, Gletscher und Vulkan unterwegs ist, wenn es kalt, stürmisch und dunkel ist, zeigt die Dokureihe in Polarnachtabenteuern am Nordkap, auf den Lofoten und in Lappland. Ohne Dunkelheit kein Licht – auch das ist eine Gewissheit des Nordens. Als Kind sang ich, wenn in Kiel der herbstliche Dauerregen einsetzte: „Es regnet, Gott segnet, die Erde wird nass. Wir sitzen im Trocknen, was schadet uns das?“

 

ARTE GASTAUTOR AXEL MILBERG FÜR DAS ARTE MAGAZIN

AXEL MILBERG, GEBOREN 1956, IST SCHAUSPIELER UND HÖRBUCHSPRECHER, SEIT 2003 KOMMISSAR DES „TATORT“ AUS KIEL, FÜR DEN DER KRIMIAUTOR UND MILBERG-FAN HENNING MANKELL ZWEI FOLGEN SCHRIEB

 

ARTE PLUS

 

DIE DOKUREIHE

In 15 Teilen und 90 Geschichten zeigt „Europas hoher Norden“ Skandinaviens Menschen und Landschaften – letztere wurden gefilmt mit dem besten Helikopterkamerasystem weltweit, der Cineflex-Kamera

DVD-TIPP

„Europas hoher Norden“ aus der ARTE Edition

 

Kategorien: Dezember 2011