24 STUNDEN INS JAHR 2012

Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Es ist ein Programm der Superlative: Mit 22 Sendungen lädt ARTE zu Silvester an die verschiedensten Orte dieser Welt ein, rund um die Uhr und mit vielen Live-Übertragungen: Ob Beethovens 9. Sinfonie aus Osaka und Leipzig, „Die Fledermaus“ aus Wien, Tango aus Buenos Aires oder das Neujahrskonzert aus Venedig – ARTE begibt sich auf eine Weltreise in vielfältige Kulturen und Genres. Jean Wittersheim, Leiter der ARTE-Musikredaktion, erklärt dem ARTE Magazin die Herausforderungen, die ein solches Riesenprojekt mit sich bringen. Ein Gespräch über die Beethoven-Manie in Japan und die Kraft der Musik.

 

 

ARTE Magazin: Herr Wittersheim, wie ist die Idee zu diesem weltumspannenden Event entstanden?
Jean Wittersheim: Im Grunde hat ARTE bereits vor fünf Jahren damit begonnen: Am 31. Dezember 2006 haben wir ein Ballett aus dem Mariinski-Theater in St. Petersburg übertragen, um Mitternacht einen Tango-Abend aus Buenos Aires und am nächsten Tag das Neujahrskonzert aus dem damals wiedereröffneten Gran Teatro La Fenice in Venedig. Das alles sind Höhepunkte, die mittlerweile fest zum Programm von ARTE gehören. 2011 sollte es ein größer angelegtes Projekt werden: Ein 24-stündiges Programm mochte zwar zunächst ein wenig vermessen wirken, aber den Versuch war es mir wert.
ARTE Magazin: Wie lange haben Sie daran gearbeitet?
Jean Wittersheim: Seit März hat die Redaktion konkret an der Idee gearbeitet und musste Programmvorschläge finden, die sich miteinander kombinieren lassen. Das neue Projekt sollte frühere Prestige-Sendungen aus den Bereichen Musik, Theater und Tanz enthalten – als Krönung an einem besonderen Tag.
ARTE Magazin: Wie kann sich der Zuschauer das Programm genau vorstellen?
Jean Wittersheim: Der Kerngedanke des Projekts folgt der Idee einer Weltreise, bei der wir an symbolischen Orten rund um den Globus präsent sind. 24 Stunden lang reisen wir durch die Zeitzonen der Welt: Angefangen in Ozeanien bewegen wir uns weiter nach Asien, kommen nach Europa und gehen zum Schluss nach Amerika. Von überall her übertragen wir rund um die Uhr ein vielseitiges Programm, das von Oper über Operette, Ballett, Folklore und Revue bis hin zum Zirkus reicht.
ARTE Magazin: Wie haben Sie die Orte ausgewählt?
Jean Wittersheim: Es sind vor allem hochkarätige Programme wie „Die Fledermaus“ aus der Wiener Staatsoper, die ausschlaggebend für die Wahl der Orte waren und die live übertragen werden. So auch das Neujahrskonzert aus dem Gran Teatro La Fenice in Venedig, das in diesem Jahr gleichzeitig das Antrittskonzert des neuen Chefdirigenten Diego Matheuz sein wird. Hinzu kommen aber auch Highlights aus Deutschland: die Operetten-Gala aus der Dresdner Semperoper mit Christian Thielemann ebenso wie das Finale von Beethovens Neunter mit dem Leipziger Gewandhausorchester und dem Dirigenten Herbert Blomstedt. Nicht zu vergessen: In Tel Aviv spielt das Israel Philharmonic Orchestra, das dieses Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert. Das alles sind Orte, an denen der Jahreswechsel traditionell mit künstlerischer Spitzenklasse gefeiert wird. Neben diesen klassischen Besonderheiten wollten wir auch weitere Genres im Programm haben: ein Exklusiv-Konzert von Liza Minelli, das legendäre Pariser Kabarett der Tänzerinnen vom Crazy Horse und einen Tango-Abend aus Buenos Aires.
ARTE Magazin: Gab es weitere Kriterien?
Jean Wittersheim: Das Projekt soll vor allem ein Zeichen setzen. Dieses Jahr hat es Japan mit
dem Tsunami und der folgenschweren Nuklearkatastrophe in Fukushima besonders hart getroffen. Hier sind wir mit der Übertragung des „Chor der Zehntausend“ vor Ort in Osaka. Tausende Laiensänger singen Beethovens „Ode an die Freude“, ein Appell an die Weltgemeinschaft und Solidarität, denen dieses Jahr eine ganz besondere Bedeutung zukommt.
ARTE Magazin: Wie kommt Beethoven nach Japan?
Jean Wittersheim: Die 9. Sinfonie Beethovens ist die heimliche Nationalhymne der Japaner. Deutsche Kriegsgefangene haben 1918 die Hymne zum ersten Mal auf japanischem Boden uraufgeführt – der Beginn einer historischen Beethoven-Manie. Schon vor einem Jahrhundert wurden somit Sprachbarrieren durch Musik überwunden. Es wäre schön, wenn „Silvester rund um die Welt“ heute einen ähnlichen Beitrag leisten könnte.
ARTE Magazin: Mit Musik ein politisches Zeichen setzen – das gab es schon öfter bei ARTE.
Jean Wittersheim: Ja, 2005 haben wir die Live-Übertragung des Barenboim-Projektes „West-Eastern Divan Orchestra“ mit Partnern in Ramallah realisiert. Das Orchester vereint junge Musiker aus Israel, Palästina, Syrien, Tunesien, Ägypten, aus dem Libanon und Europa. Musik wird zur Sprache des Friedens. Drei Jahre später folgte die Übertragung des Konzerts der New York Philharmonic aus Pjöngjang. Den künstlerischen Hochgenuss mit einer politischen Botschaft zu verbinden, steht bei solchen Herausforderungen immer im Zentrum. An diese Erfahrungen soll das diesjährige Programm zum Jahreswechsel anknüpfen.
ARTE Magazin: Könnten andere Fernsehsender auch ein solches Programm umsetzen?
Jean Wittersheim: Wir haben das Glück, das reguläre Fernsehprogramm für einen besonderen Tag auf den Kopf stellen zu können, um ein durchgehendes, 24-stündiges Programm anzubieten. Die Zusammenarbeit mit unseren deutschen Partneranstalten ZDF und ARD, ARTE France auf französischer Seite und dem Schweizer wie belgischem Fernsehen macht es uns möglich, unsere Kräfte und Mittel zu bündeln. Gleichzeitig kann das Fernsehen das Medium dafür sein, die Kraft der Musik und die Kraft der Kunst weit in die Welt zu tragen und somit etwas noch viel Größeres zu vermitteln.
ARTE Magazin: Wie wird die Reise um den Globus im Einzelnen ablaufen?
Jean Wittersheim: Der Ablauf ist sehr wichtig. Hochkarätige Programme, ob live oder aufgezeichnet, dürfen nicht einfach aneinandergereiht, sondern müssen schlüssig miteinander verbunden werden. Am 31. Dezember beginnen wir live mit einer deutsch-französischen Doppelmoderation aus unserem Hauptstudio in Wien und sind zur Primetime auch live vor Ort in der Wiener Staatsoper, deren Türen uns Direktor Dominique Meyer öffnet. Am 1. Januar sind wir kurz vor dem Neujahrskonzert im Gran Teatro de La Fenice in Venedig. Außerdem wird jede der großen Aufführungen an den verschiedenen Orten der Welt live anmoderiert.
ARTE Magazin: Bei so vielen Live-Übertragungen – was ist die größte Herausforderung?
Jean Wittersheim: Die Schwierigkeit besteht in der geschickten Zusammenführung aller Kräfte. Wenn man möglichst viele Live-Übertragungen anbieten will, muss man eng mit den entsprechenden Partnern zusammenarbeiten, vor allem die örtlichen Sender einbinden. Wir gehen nach Leipzig, weil der MDR seit Jahren das traditionelle Silvesterkonzert aus dem Gewandhaus ausstrahlt. Das Neujahrskonzert aus Venedig wird mit dem italienischen Fernsehsender Rai koproduziert, der seinerseits ebenfalls live sendet. Dieses Marathonprogramm zum Jahreswechsel ist ein großes Kollektivwerk.
ARTE Magazin: Ist für 2012 bereits ein weiteres Event dieses Ausmaßes in Planung?
Jean Wittersheim: Mein Traum ist es, so etwas regelmäßig zu machen. Das muss nicht unbedingt jedes Jahr stattfinden, denn dann verliert es seinen Reiz. Das Projekt ist eine riesige Herausforderung, muss aber vor allem künstlerisch erstklassig bleiben.
ARTE Magazin: An welchem Ort würden Sie am liebsten Silvester feiern?
Jean Wittersheim: Bei ARTE, in unserer Straßburger Senderegie. Denn nur dort hat man den Gesamtüberblick. Und alle Programme zu sehen, ist für mich beruflich wie künstlerisch ein absolutes Muss.
ARTE Magazin: Buenos Aires live vor Ort reizt Sie also überhaupt nicht?
Jean Wittersheim: Nein, dann würde ich nur ein Zwanzigstel des Gesamtprogramms mitbekommen. Wer alles sehen will, muss in seinem Wohnzimmer 24 Stunden lang ARTE einschalten.

 

INTERVIEW: KRISTIN BARTHOLMESS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

JEAN WITTERSHEIM

Jean Wittersheim, geboren 1959, ist Musikjournalist und arbeitet seit 16 Jahren für ARTE. Seit 2004 ist er Leiter der Redaktion Musik, Theater und Tanz

 

 

ARTE PLUS

 

MODERATORENTEAMS

Zwischen den großen Veranstaltungen werden bekannte ARTE-Gesichter durch die Silvesterstunden führen: Auf deutscher Seite empfangen Andrea Fies, Alice Tumler, Yared Dibaba und Axel Brüggemann die Fernsehzuschauer. Annette Gerlach moderiert für die französischen Zuschauer

 

 

SILVESTER DER STARS

 

24 Stunden Musik und Tanz aus aller Welt – die Stars im Silvesterprogramm auf einen Blick

Ein Feuerwerk der großen Namen: Den Anfang macht um 16.25 Uhr Zubin Mehta, der zum Silvestertag nach Tel Aviv einlädt. Bereits seit 40 Jahren ist der indische Dirigent musikalischer Leiter des Israel Philharmonic Orchestra. Mit vor Ort ist auch der russische Pianist Jewgeni Kissin. Im Leipziger Gewandhaus erklingt um 17.45 Uhr der Schlusschor von Beethovens Neunter unter Leitung von Herbert Blomstedt. Unweit davon leitet um 18.20 Uhr Dirigent Christian Thielemann das Silvesterkonzert in der Dresdner Semperoper. Liza Minelli singt ab 21.30 Uhr ihr einziges Europakonzert auf dem Festival AVO Session Basel. Glamourös wird es auch um 22.50 Uhr mit den verführerischen Choreografien der Tänzerinnen vom Crazy Horse. Zwei Stardirigenten der Kaderschmiede „El Sistema“ in Venezuela geben ebenfalls ihr Bestes: um 7.00 Uhr morgens Gustavo Dudamel und das Simón Bolívar Jugendorchester in Caracas sowie Diego Matheuz um 12.10 Uhr zum Neujahrskonzert aus Venedig.

Kategorien: Dezember 2011