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Sein Wille geschehe!

WDR

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Sucht man ein Leitmotiv, welches viele Rätsel, die der 1926 geborene Klaus Kinski der Öffentlichkeit aufgab und bis heute aufgibt, zu lösen vermag, so kommt man an seinem bedingungslosen Streben nach Selbstbestimmung nicht vorbei. Es hat ihn groß gemacht, es hat ihn tief gestürzt und steht so stellvertretend für ihn, dass sogar diejenigen, die sich heute mit seinem Mythos verbrüdern, eine tiefe Sehnsucht nach Selbstbestimmung verbindet. Diese ließ ihn sich eindrucksvoll über die Regisseure und Intendanten der deutschen Nachkriegstheater stellen und zum erfolgreichsten Ein-Mann-Literatur-Zirkus deutscher Zunge werden. Sie ließ ihn aber auch im Film grandios scheitern, weil große Filme nun mal von großen Regisseuren und nicht von großen Schauspielern gemacht werden. Vor Fellini, Pasolini, Visconti und Cavani hatte er Angst, wollte nicht dominiert werden. Nur Werner Herzog war devot genug, um infrage zu kommen.

 

 

Drang nach Selbstbestimmung. Betrachtet man einmal Kinskis Filmkarriere ab der Edgar-Wallace-Reihe der 1960er Jahre, so darf man zunächst feststellen, dass nicht er diese Streifen gesucht, sondern sie ihn gefunden haben. Kinski macht in ihnen aber bereits das, was er lebenslang tun und was ihn schließlich ausmachen wird. Er ignoriert die Erfindung des Tonfilms, nutzt seine zumeist kurzen Auftritte zu expressionistischen Stummfilm-Reminiszenzen, fällt aus dem Rahmen – und auf. Jedenfalls genug, um bei erster Gelegenheit nach Rom abhauen zu können. Hier lehnt er die Elite der italienischen Regisseure und deren vermeintliches Diktat ab und zieht es vor, für viel Geld an zumeist drittklassigen Sets den großen Zampano zu geben. Zum Glück ist auch Sergio Corbucci unter seinen Opfern, lässt sich das Happy End für den von Kinski gespielten, kaltblütigsten aller Killer aufzwingen und erhält so seinen und Kinskis besten Film: „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968). Für ein paar Jahre frönt Kinski nun unverhohlen dem Minderwertigkeitskomplex, dem er seinen krankhaften Selbstbestimmungstrieb verdankt, schmeißt Unsummen aus dem Fenster, bevor er sie verdient, und muss schließlich katzenjammernd mit ansehen, wie La Dolce Vita 1971 für ihn endet. Einzig die ihm angebotene Million für 100 Auftritte mit seinem Evangelium „Jesus Christus Erlöser“ lässt ihn noch einmal auf hohe Einkünfte hoffen, er scheitert aber bereits bei der Premiere an einem Publikum, das seinen Anspruch auf Selbstbestimmung nicht akzeptiert. Jetzt kann er nicht mehr aussuchen, muss nehmen was kommt, geht erstmals mit Werner Herzog für „Aguirre – Der Zorn Gottes“ in den Dschungel und dreht „Nachtblende“ mit Andrzej Zulawski, den er in einträglicheren Zeiten sicherlich genauso wenig verstanden und deshalb ebenso abgelehnt hätte, wie Pasolinis eigens für ihn geschriebenen „Schweinestall“. Der Release dieser beiden Filme gibt ihm 1975 eine zweite Chance in Frankreich. Kinski möchte jetzt unbedingt Kunstwerke drehen, sich aber weiter nicht unterordnen. Also wirkt er vornehmlich in überambitionierten Streifen von Anfängern, Quereinsteigern, Kommunisten und anderen, die keine Macht über ihn haben, ihm Kunst verheißen, aber zumeist nur Mittelmaß erzeugen. 1978 kommt ihm wieder der konfliktscheue Herzog zur Hilfe, der sich, Rücken an Rücken gedreht, „Nosferatu“ und „Woyzeck“ von ihm liefern lässt. Kinskis dritter Neuanfang in den frühen1980er Jahren in den USA bringt ebenfalls nicht die erhoffte künstlerische Anerkennung. Während er nun bei gelegentlichen Stippvisiten dem deutschen Talkshow-Publikum versichert, alles immer nur für Geld getan zu haben, zieht er sich grollend in den Vorruhestand und die Berge Marin Countys zurück. Er dreht nicht mehr viel und selbst der internationale Erfolg von Herzogs „Fitzcarraldo“ 1982 kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kinskis Zeit vorbei ist. Auch die lange angekündigte Selbstinszenierung von „Paganini“ (1989) vermag ihn nicht zu rehabilitieren, schiebt ihn endgültig ins Abseits.

 

Die Furcht vor Regietyrannen. Bergab ging es mit seiner Karriere aber schon Jahrzehnte zuvor, als er in Italien seiner Angst den Vorzug gab. Die Furcht vor Regietyrannen, die er von den deutschen Bühnen mitbrachte und die er an jenen nicht überwinden musste, um erfolgreich zu sein, blieb der Schatten seines effektvollen Lichts. Im Kreise seiner neuen kalifornischen Freunde pflegt er in seinen letzten Lebensjahren über alles und jeden in der Filmbranche zu schimpfen. Er kennt nur eine Ausnahme, die er bewundert: seinen alten Mitspieler in „Für ein paar Dollar mehr“ (1965), Clint Eastwood. Seine Begründung ist so vielsagend wie einleuchtend: „Weil er immer getan hat, was er wollte!“

Klaus Kinski ist sich immer treu und somit auch transparent geblieben. Rätsel gibt er zumeist nur denen auf, die ihm auf den Leim gegangen sind, wenn er wieder einmal sein fragiles Selbst vor Fremdbestimmung schützen wollte.

ARTE-GASTAUTOR: PETER GEYER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

PETER GEYER IST AUTOR, REGISSEUR, PRODUZENT UND VERWALTET DEN NACHLASS VON KLAUS KINSKI

 

ARTE PLUS

 

ZUM WEITERLESEN

„Kinski – Vermächtnis“, ein opulenter Bildband mit bisher unveröffentlichten Fotos, Zeichnungen, Briefen und Manuskripten von Klaus Kinski. Hrsg: Peter Geyer, OA Krimmel (Edel, 2011)

 

FILMOGRAFIE UND HÖRBUCH

„Der Zinker“ (1963),
„Für ein paar Dollar mehr“ (1965),

„Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972),
„Nosferatu“ (1979),

„Fitzcarraldo“ (1982),

„Cobra Verde“ (1987);

„Kinski – Paganini“ (1989),

„Klaus Kinski spricht Werke der Weltliteratur“ (Universal Music, 2006)

(Auswahl)

Kategorien: November 2011