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PHOTO FOR LIFE

Mathieu Zazzo

Mathieu Zazzo

DER MENTOR

Eine ungewöhnliche Masterclass in Paris: Starfotograf Oliviero Toscani stellt in „Photo for Life“ ab dem 21. November sechs Nachwuchstalente auf eine harte Probe. Ein Gespräch über richtige und falsche Fotos.

 

Schockfotos machten Oliviero Toscani weltbekannt: Von 1982 bis 2000 entwickelte er umstrittene Werbekampagnen für den Modekonzern Benetton. Das Ergebnis: harte Kritik und zahlreiche Preise, darunter der Eyes & Ears Award 1998. 1993 gründete er das kreative Zentrum Fabrica in der Toskana, wo er junge Künstler in Workshops unterrichtete. Nun tut er dies vor der Kamera: Eine Woche lang gibt Toscani bei ARTE sein fotografisches Können an sechs Nachwuchstalente weiter. Im ARTE Magazin spricht der Meister darüber, ab wann Kunst reine Selbstbefriedigung ist und warum Angst notwendig ist.

 

 

ARTE: Herr Toscani, Sie sind durch aufsehenerregende Werbefotos bekannt geworden. Muss ein Foto provozieren?

Oliviero Toscani: Alle Kunst muss provozieren! Wozu dient sie sonst? Sie muss Interesse, Neugier und Gefühle wecken. Provokation ist oft negativ besetzt, aber wenn es ein positives Wort gibt, dann doch wohl dieses! Ohne Provokation bliebe Kunst nur verspielt und trendig, reine Selbstbefriedigung.

ARTE: Was ist für Sie demnach ein schönes Foto?

Oliviero Toscani: Das Wort „schön“ trifft es nicht ganz. Es gibt richtige Fotos und andere, die in die Mülltonne gehören. Jedes Bild, das im Formalen, Beschreibenden, Kompositorischen und Ästhetischen verhaftet bleibt, ist mittelmäßig. Die Fotografie ist das kollektive Gedächtnis der Menschheit.

ARTE: Welche Fähigkeiten muss ein Fotograf besitzen, um dieser Verantwortung gerecht zu werden?

Oliviero Toscani: Das ist wie beim Schriftsteller. Man wird nicht Fotograf, nur weil man es eines Morgens beschließt. Schreiben ist das eine, Autor sein das andere. Manche werden Fotograf, weil sie die Technik mögen, aber das reicht nicht. Der kulturelle Hintergrund ist wichtig: Man muss in Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie, Theater und Film bewandert sein. Damit meine ich kein Faktenwissen, sondern die Fähigkeit, ein Bild bewusst anzusehen, eine Musik bewusst zu hören. Das können nur die wenigsten.

ARTE: Was kann Fotografie leisten?

Oliviero Toscani: Sie ist das neue Kino: Oft genügt ein einziges Bild, um eine Geschichte zu erzählen – wie das im Jahr 2000 aufgenommene Motiv des Kindes, das in Israel einen Kieselstein auf einen Panzer wirft, oder des Mannes, der sich 1989 den Panzern auf dem Tiananmen-Platz in den Weg stellt.
Fotografien können viel mehr be­wirken als eine ganze Armee.

ARTE: Macht es einen Unterschied, ob man Schwarz-Weiß-Aufnahmen macht oder in Farbe fotografiert?

Oliviero Toscani: Das hängt vom Einzelfall ab. Ich habe ein Buch („Sant’Anna di Stazzema. 12 agosto 1944. I bambini ricordano“) gemacht über das italienische Dorf Sant’Anna di Stazzema, das von den Nazis ausgelöscht wurde – das Massaker ist nirgends dokumentiert. Ich habe dort mit den Menschen gesprochen, die damals Kinder waren, und ihre Gesichter fotografiert. Aus den Porträts habe ich das Licht und die Farben herausgenommen und alles Überflüssige entfernt. Was mich beschäftigt, ist nicht das Füllen, sondern das Entschlacken: Fotografieren heißt, durch Wegnahme des Unwesentlichen zum Wesentlichen vorzudringen, um die eigentliche Aussage freizulegen.

ARTE: Nach der Farbfotografie wurde die Digitaltechnik erfunden. Verändert sie den Beruf?

Oliviero Toscani: Nein. Für einen echten Fotografen ändert sie gar nichts. Für die Technik-Freaks, die immer das neueste Kameramodell haben müssen, schon. Ich halte nichts von der Digitaltechnik, ich denke nicht einmal darüber nach. Früher gab es Brieftauben, jetzt gibt es Fernsehen und E-Mails. Und nun noch die Digitaltechnik.

ARTE: Ist Fotografie ein Handwerk?

Oliviero Toscani: Alle Kunstformen sind Handwerk. Ein Fotograf ist wie ein Koch, der die Zutaten für sein Rezept kennen muss. Und Meisterköche können mit sehr einfachen wie auch mit hochkomplizierten Zutaten ein gutes Essen zaubern.

ARTE: Was macht denn einen echten Künstler aus?

Oliviero Toscani: Ein Künstler ist sicherlich nicht der, der sich selbst so bezeichnet, sondern jemand, der nachdenkt, der anders tickt als der Durchschnitt, der etwas zu sagen hat. Der Künstler hat eine besondere Art, durch die Welt zu gehen, zu sprechen und zu denken. Er verteidigt sich nicht. Der echte Künstler sucht keinen Konsens.

ARTE: Was wollen Sie als Mentor der Masterclass „Photo for Life“ den Jungfotografen vermitteln?

Oliviero Toscani: Dass sie sich ihrer Angst stellen sollen. Dass sie authentisch sein müssen. Das ist vielleicht das einzige, was man tun kann: man selbst sein. Wenn man nachahmt, wird man bestenfalls die gelungene Kopie eines anderen. Man sollte trotz seiner Schwächen zu sich stehen. Und wer weiß – vielleicht wird die Schwäche dann sogar zu einer Stärke.

 

INTERVIEW: CLAIRE ISAMBERT FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

OLIVIERO TOSCANI

Geboren 1942 in Mailand als Sohn des ersten Fotoreporters der Zeitung „Corriere Della Sera“, studierte Oliviero Toscani von 1961 bis 1965 Fotografie und Grafik an der Kunstgewerbeschule Zürich. Aktuell arbeitet er an einem Fotoprojekt über die Gesichter Italiens von heute: www.razzaumana.it

 

ZUM LESEN

„Die Werbung ist ein lächelndes Aas“ (Bollmann 1998);

„Sant’Anna di Stazzema. 12 agosto 1944. I bambini ricordano“ (Feltrinelli 2003);

„Osteoporose: Fotografische Einblicke“ (Verlag im Kilian 2005)

(Auswahl)

 

 

EINE KLASSE FÜR SICH

Ein Starfotograf und sechs Meisterschüler – ARTE startet mit dem Format „Photo for Life“ in ein kreatives Abenteuer, angeführt von Oliviero Toscani als Mentor. Ein Blick hinter die Kulissen der Talentschmiede.

 

Picasso wandelte schon auf diesem schwarzen Linoleumboden. Und Louis Armstrongs Instrumente standen in diesen Hallen. Früher war das Pariser „Maison des Métallos“ eine Fabrik für Musikinstrumente und Metall. Heute ist es ein Kunstzentrum und Hauptquartier von „Photo for Life“.

Ein Hort der Kreativität: Vom 18. bis 22. Juli finden hier die Dreharbeiten der ersten Masterclass statt, die vom 21. bis 25. November bei ARTE zu sehen sein wird. Meisterfotograf Oliviero Toscani gibt darin sechs Nachwuchsfotografen die Chance, den Beruf von echten Profis zu lernen. So müssen die Kandidaten, die im Mai von einer fünfköpfigen Jury unter Hunderten Bewerbern ausgesucht wurden, an fünf Tagen fünf verschiedene Aufgaben bewältigen: von der Aktfotografie über die Reportage bis zum Modeshooting, von der Werbekampagne bis zum Kunstfoto. Die Schwierigkeit: Bei drei der fünf Herausforderungen müssen die Nachwuchsfotografen den Wunsch von Auftraggebern erfüllen. Bedingungen wie im wahren Berufsleben also. Ob das deutsche Fotomagazin „View“, das ARTE Magazin oder der französische Verband Unafam – es gilt, die Kunden zufriedenzustellen.
Am dritten Drehtag ist das ARTE Magazin Auftraggeber. Im „Maison des Métallos“ sind an diesem Morgen neben Oliviero Toscani auch Peter Knapp, der langjährige Artdirector der französischen Zeitschrift „Elle“, und die Chefredakteurin des ARTE Magazins, Claire Isambert, dabei. Bis zum Ende des Tages wird einer der Kandidaten das Coverfoto für die Novemberausgabe schießen. Das Thema: die Pariserin von heute. Ort des Shootings ist der Place du Trocadero mit Blick auf den Eiffelturm. Dazu ist ein hoher Gast geladen, der Modeschöpfer Jean-Charles de Cas-telbajac mit sechs Models und seiner Kollektion Es gilt, die moderne Französin mit Attitüde und Eleganz einzufangen. Menschen wimmeln wie Ameisen vor dem Eiffelturm herum, manche schlendern und machen Fotos von ihm und den Kandidaten, die ihrerseits Fotos machen. Es riecht nach Regen auf Asphalt. Der Duft von Paris. Der Duft der Kreativität.

DIANA AUST FÜR ARTE MAGAZIN

 

 

DIE KANDIDATEN

 

Sechs talentierte Nachwuchsfotografen stellen sich immer neuen Herausforderungen – mithilfe von Starfotograf und Mentor Oliviero Toscani.

 

COLINE SENTENAC-MOISE

Fakten: Mit ihren 19 Jahren ist die Pariserin Coline die jüngste Teilnehmerin von „Photo for Life“.

Ausbildung: Momentan studiert sie im ersten Jahr Biologie. In ihrer Familie sind alle kreativ. Coline fotografiert, seit sie 14 ist.

Photo for Life: Das Covermotiv für das ARTE Magazin im November ist durch ihre Linse entstanden.

 

MATTHIEU CHENEBY

Fakten: Matthieu ist 22 Jahre alt und kommt aus Dijon.

Ausbildung: Er hatte schon immer eine künstlerische Ader und versuchte sich in Tanz und Zirkuskunst. Mit einer alten Spiegelreflexkamera entdeckte er seine Fotoleidenschaft und machte eine Lehre.

Photo for Life:
Matthieus moderne Pariserin (Bild 3, S. 14) sorgte für Furore

 

SUCHART WANNASET

Fakten: Suchart ist 20 Jahre alt und lebt in Wien.

Ausbildung: Mit 10 machte er seine ersten Fotos, mit 14 ging er an „die Grafische“, die renommierte Wiener Hochschule für visuelle Kommunikation und Medientechnik. Er arbeitet als Fotoassistent.

Photo for Life: Bei der Aktfotografie zeigt Suchart ein starkes Rückgrat.

 

CAROLINE SCHARFF

Fakten: Caroline ist 30 Jahre alt und wohnt in Berlin.

Ausbildung: Sie hat an der Fotoakademie in München studiert und dann eine Agentur geleitet, die auf Porträtfotografie spezialisiert war. Seit zwei Jahren ist sie freischaffende Fotografin.

Photo for Life: Von ihr stammt die „geköpfte“ Frau vor dem Eiffelturm.

 

SIMA DEHGANI

Fakten: Sima ist 26 Jahre alt und lebt in München.

Ausbildung: An der Kunstakademie München hat sie studiert, ihre Arbeit als Fotografin ist für Sima Teil eines gesamtkünstlerischen Vorgehens. Mit dem Fotografieren begann sie vor vier Jahren.

Photo for Life: Den Eiffelturm hat Sima einmal anders interpretiert.

 

CHRISTIAN KUHN

Fakten: Christian ist 29 Jahre alt und lebt in Berlin.

Ausbildung: Seit Abschluss seines Fotografiestudiums in Dortmund arbeitet Christian als Fotoassistent und Bildbearbeiter und studiert gleichzeitig Kunstgeschichte.

Photo for Life: Christian hat es geschafft, eine nackte Frau mit Licht und Schatten anzuziehen.

 

 

TALENTE IM NETZ

 

Ein „Photo for Life“ ist nicht nur die erste Talentschmiede im ARTE-Programm, sondern auch ein interaktives Projekt im Internet. Was alles dahinter steckt.

 

E-MASTERCLASS

Fünf Fernsehfolgen, fünf Tage hinter den Kulissen, fünf Tage Fotospiel: Das Format „Photo for Life“ ist ein crossmediales Vorzeigeprojekt zum Mitmachen. Schon im Mai ist die Webseite zu „Photo for Life“ online gegangen. Während der E-Masterclass im Sommer konnten User Fotoaufgaben lösen, die von den zwei E-Coaches, Clemens Poloczek und Lâm Hua, sowie Oliviero Toscani persönlich gestellt wurden. Die Bilanz ist spektakulär: 1.246 Teilnehmer mit 2.775 Fotos. Zum Start der TV-Masterclass (21. bis 25. November) gibt es täglich neue Inhalte im Netz! Bis zum 30. November können User über das beste der 2.775 Bilder abstimmen und einen Publikumspreis vergeben. Zudem wartet das große Photo-for-Life-Fotospiel: Ab 7. November können Zuschauer und User online fünf Fotoaufgaben im Stil der Nachwuchsfotografen der TV-Masterclass lösen. Die Gewinnerbilder werden abends nach der Sendung im Fernsehen gezeigt. Weitere Infos, Videotagebücher oder „Oliviero Backstage“ unter www.arte.tv/photoforlife.

 

Kategorien: November 2011