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ITALY, LOVE IT OR LEAVE IT

NDR/Gustav Hofer

NDR/Gustav Hofer

Auf der einen Seite stehen Finanzkrise, Berlusconismus, Mafia. Auf der anderen Seite gibt es die beste Pizza der Welt, malerische Landschaften und La Dolce Vita – die Leichtigkeit des Seins. Doch ist diese Leichtigkeit unerträglich geworden? Für Gustav Hofer schon. Er überlegt, es den 40.000 Menschen gleichzutun, die jedes Jahr Italien verlassen und ins Ausland ziehen. Sein Partner Luca Ragazzi denkt gar nicht daran, seine Heimat aufzugeben. Wie steht es um das Land in der Krise? Eine Diskussion.

 

 

 

ARTE: Herr Hofer, Herr Ragazzi, kürzlich sagte Silvio Berlusconi, Italien sei ein „Scheißland“ und er würde es gern verlassen. Was denken Sie darüber?

Gustav Hofer: Die Scham der Menschen für Berlusconi ist größer als ihre Wut. Ich sehe dieses wunderschöne Land mit seinen unglaublichen Möglichkeiten und wunderbaren Menschen, die aber zu Hauf das Land verlassen. Es macht mich wütend, dass sich darüber kaum jemand aufregt.

Luca Ragazzi: Jetzt, wo alle von den Skandalen Berlusconis wissen, findet er sein Land auf einmal „scheiße“. Das beweist, dass er keine Moral hat.

Gustav Hofer: Ich glaube, die Italiener brauchen eine kollektive Psychotherapie, um ihr Land wieder lieben zu lernen. Wenn man etwas liebt, möchte man es schützen, und genau das müssen wir!

ARTE: Lieben Sie denn Ihr Land?

Gustav Hofer: Es ist eine Art Hassliebe.

Luca Ragazzi: Italien nicht zu lieben, ist schwer, es hat so viele schöne Seiten. Darum kann ich nicht fassen, was tagtäglich Schlimmes passiert.

ARTE: Zum Beispiel die Finanzkrise: Italien hat fast zwei Billionen Euro Schulden, ist von Ratingagenturen herabgestuft worden. Was ist schiefgelaufen?

Gustav Hofer: Ein Teil der Gesellschaft lebte lange über seine Verhältnisse und öffentliche Gelder wurden nur an Leute mit den besten Beziehungen zur Politik vergeben, statt an talentierte Menschen aus Forschung oder Kultur. Italien ist ein Land mit 60 Millionen Einwohnern, das fast 1.000 Parlamentarier hat, die mit 15.000 Euro Monatsgehalt zuzüglich 10.000 Euro Spesen pro Jahr die höchstbezahlten in ganz Europa sind.

Luca Ragazzi: Natürlich ist das ein großes Problem. Aber man sollte auch mal ehrlich fragen: Wie sehr betrifft mich die Tatsache, dass Politiker hohe Diäten beziehen, was ändert das in meinem Leben?

ARTE: Ändert es denn nichts?

Gustav Hofer: Und ob! Wenn jetzt selbst Schulen notleidend sind und Schüler schon ihr eigenes Toilettenpapier mitbringen müssen!

Luca Ragazzi: Ja, aber jetzt tut sich was. Es wurden zum ersten Mal die Preise der Parlamentskantine erhöht. Jemand hatte im September auf Facebook aufgedeckt, dass die Parlamentarier nur ungefähr zwei Euro für die Mahlzeiten zahlten, den Rest subventionierte der Staat. Jetzt kostet es 20 Euro, der reale Preis – aber nun geht keiner mehr dort essen!

Gustav Hofer: Aber das ist doch nur Propaganda. So etwas müssen sie machen, um sagen zu können: „So, wir fangen an, uns zu ändern.“ Sonst würden sie in ein paar Wochen vom Volk aus dem Parlament geworfen werden.

Luca Ragazzi: Würden sie nicht! Italiener sind völlig unfähig, irgendeine Form von Revolution zu machen. Anders als die Franzosen, die das ziemlich gut können. Wir sind faul und verwöhnt. Und: Alle kennen sich oder sind miteinander verwandt. Man kann ins Haus der Tante keine Bombe werfen.

ARTE: Es gibt viele Beispiele für Misswirtschaft. Während das Weltkulturerbe Pompeji aus Geldmangel verfällt, kassierte die Stadt Giarre in Sizilien Gelder für Projekte, die nie fertiggestellt wurden …

Gustav Hofer: Im Italienischen gibt es ein Sprichwort, das sagt, man solle lachen, wenn einem zum Weinen zumute ist.

Luca Ragazzi: Ich als Italiener liebe den philosophischen Aspekt des Lebens. In Giarre haben sich die Menschen nicht deprimieren lassen, sondern diese schrecklichen Gebäude in etwas Positives verwandelt mit dem „Festival des unvollendeten Siziliens“. Dort kann man die zwölf Sehenswürdigkeiten besichtigen: der nie zu Ende gebaute Swimmingpool, das unfertige Theater, das nie gebaute Irgendwas. Diese Fähigkeit der Leute, trotz aller Probleme weiterzumachen, fasziniert mich.

ARTE: Ironie also als einziger Ausweg in der Krise?

Luca Ragazzi: Manchmal ja. Gustav und ich haben beim Dreh eine Schauspielerin getroffen, die in einem Satireformat im italienischen Fernsehen statt des Wetters den Müll vorhersagt. Sie informiert die Bürger: „Der Müll wird morgen da und da sein, also parken Sie dort besser nicht!“ Das ändert wahrscheinlich nichts, aber es hilft. Es hilft sehr.

ARTE: Was ist mit La Dolce Vita? Ist Berlin wirklich so viel besser, wie Gustav im Film sagt?

Gustav Hofer: Es kommt darauf an, was man unter Lebensqualität versteht. Wenn man damit Arbeitsplätze, Mieten, Infrastrukturen, all diese rationalen Dinge meint, bleibe ich dabei, dass es sich in Berlin viel besser lebt. Aber Italien hat, was andere Länder nicht haben – diese Leichtigkeit des Zusammenlebens. Wenn man zweimal in dieselbe Kneipe geht, wird man schon wie ein Freund begrüßt! Aber wenn man Karriere machen will …

Luca Ragazzi: … hilft dir Italien nicht gerade!

ARTE: Betrifft die Situation auch Europa?

Gustav Hofer: Das tut sie insofern, als die Europäische Union Italien erst ernst genommen hat, als sie wusste, dass wir alle in den Ruin stürzen könnten. Europa hat zum Beispiel Österreich isoliert, als Jörg Haider in die Regierung einziehen sollte. Warum hat man nicht dasselbe getan, als die rechtspopulistische Partei Lega Nord Teil der Regierung wurde?

ARTE: Bewegt sich Italien auf eine Diktatur zu, ähnlich einem „schleichenden Staatsstreich“, wie es der Intellektuelle Umberto Eco genannt hat?

Luca Ragazzi: Nein, denn es gibt noch eine freie Presse, zum Beispiel den Fernsehsender RAI 3. Was mir Angst macht, ist die Selbstzensur. Viele meiner Journalistenkollegen haben Angst, ihre Namen unter Artikel zu setzen, weil sie um ihren Job fürchten.

ARTE: Wie ist es, als homosexuelle Filmemacher in einem Land zu leben, dessen Staatschef sagt, es sei besser, von Frauen begeistert als schwul zu sein?

Luca Ragazzi: Es ist nicht politisch korrekt, aber so denkt der Ottonormalbürger. Wen kümmert das? Ich fühle mich nicht angesprochen von dem, was der Durchschnittsbürger denkt.

Gustav Hofer: Das Problem ist aber, dass genau diese Durchschnittsbürger jetzt im Parlament sitzen und es deswegen keine gesetzliche Anerkennung homosexueller Paare gibt.

ARTE: „Italy, Love It or Leave It“ heißt Ihr Film – soll man nun bleiben, oder nicht?

Luca Ragazzi: Auf jeden Fall! Wir müssen bleiben, um etwas zu verändern. In der Geschichte haben wir Italiener uns immer wieder neu erfunden. Jetzt haben wir es zwar mit einer öden Wüste zu tun, aber es gibt jede Menge Spielraum für Neues.

Gustav Hofer: In den 1970er Jahren hatten wir in Italien einiges erreicht, was es in anderen europäischen Ländern erst Jahre später gab, wie das Recht auf Scheidung oder Abtreibung. Jetzt ist das Gegenteil der Fall. Aber dieses Land kann sich von einem Extrem zum anderen bewegen. Da bin ich mir sicher. Vielleicht müssen wir sogar in Italien bleiben, um die Gesetzeslage zu ändern – und der Tag wird kommen.

 

INTERVIEW: DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE INTERVIEW

 

GUSTAV HOFER UND LUCA RAGAZZI

„Italy, Love It or Leave It“ ist nach „Suddenly, Last Winter“ (2008) der zweite Film der Journalisten Luca Ragazzi (li.), 40, und Gustav Hofer, 35. Mehr unter www.italyloveitorleave.it

 

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ZUM LESEN

Birgit Schönau: „Circus Italia: Aus dem Inneren der Unterhaltungsdemokratie“ (Berlin Verlag 2011);

Beppe Severgnini, Bruno Genzler: „Überleben mit Berlusconi“ (Karl Blessing Verlag 2011);

Nichi Vendola: „Es gibt ein besseres Italien“ (Kunstmann 2011);

Gianluca Falanga: „Italien – Ein Kompass durch das geliebte Chaos“ (Ch. Links Verlag 2010);

Aram Mattoli: „,Viva Mussolini‘: Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis“ (Schönigh 2010);

Sandro Mattoli: „Fettnäpfchenführer Italien: Wie man so tut, als sei man Italiener“ (Conbook Medien 2010)

(Auswahl)

Kategorien: November 2011