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FAKTOR MENSCH

Dr. H. hat eine 1,0 bekommen, die Bestnote. Was sein Patient schreibt, klingt fast wie eine Liebeserklärung: „Noch nie zuvor hat sich ein Arzt so viel Zeit für mich genommen und mich so gewissenhaft untersucht“, schwärmt er. Wer die Einträge im Onlineportal arztbewertung.net liest, lernt viel darüber, was sich Patienten von Ärzten wünschen: Nicht nur fachliche Kompetenz, sondern vor allem Zuwendung. Dass der Arzt zuhört und sich viel Zeit nimmt, scheint vielen wichtiger zu sein als eine schicke Praxis mit den neuesten Geräten.

Intuitiv wissen Patienten, was wissenschaftliche Studien beweisen: Ein gutes Verhältnis zum Arzt und seinen Mitarbeitern trägt maßgeblich zur Heilung bei. Das zeigt auch ein zweijähriges Projekt des Wissenschaftlichen Instituts der Ärzte Deutschlands (WIAD), dessen Ergebnisse in einem Abschlussbericht Anfang 2011 vorgestellt wurden. Bei älteren Patienten, die an Bluthochdruck, Gelenkerkrankungen, Krebs oder Demenz litten, machten Arzthelfer Hausbesuche – die Ärzte selbst hatten dafür keine Zeit. „Hierbei wurde nichts wirklich Innovatives eingesetzt“, sagt Lothar Klaes, Geschäftsführer beim WIAD. „Die Patienten fühlten sich nur viel stärker aufgehoben als sonst.“ Tatsächlich besserte sich bei vielen Patienten daraufhin nachweislich das Befinden, zum Beispiel indem der Blutdruck sank.

 

 

 

Placebo und Nocebo. Nicht nur das Medikament ist wichtig für die Heilung, sondern auch die Art, wie dieses verabreicht wird – das bestätigen die Ergebnisse aus der Placebo-Forschung. Werden beim Patienten positive Erwartungen geweckt, zeigt sich eine Besserung – selbst wenn nur Zuckerpillen im Spiel waren. Ärzte können diesen Placebo-Effekt durch ihr Verhalten noch verstärken, indem sie ihren Patienten eine klare Diagnose geben und in Bezug auf die Therapie positive Erwartungen wecken, dabei warm und freundlich oder bestimmt und beruhigend auftreten. Zu diesem Ergebnis kamen Jos Kleijnen, Epidemiologe im britischen York, und seine Kollegen, als sie 2001 insgesamt 25 Studien zum Arzt-Patienten-Verhältnis sichteten. Fabrizio Benedetti, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet der Scheinbehandlungen, beschreibt den Placebo-Effekt als eine Wirkung, die vom psycho- sozialen Kontext abhängt: „Soziale Reize wie Worte und Rituale des therapeutischen Verfahrens können Chemie und Verschaltungen im Hirn des Patienten verändern.“ Mithilfe von Botenstoffen im Gehirn werden Selbstheilungskräfte in Gang gesetzt.
Umgekehrt können Mediziner im Gespräch mit Patienten auch Schaden anrichten: Im Gegensatz zum Placebo-Effekt ruft der Nocebo-Effekt eine Verschlechterung des Zustands beim Patienten hervor. Sobald Ärzte dem Patienten negative Andeutungen machen, stellt sich dieser oft auf zunehmende Schmerzen ein und empfindet diese dann auch – wie Benedetti und Kollegen 2007 in Studien bestätigten.

 

Kommunikationstraining für Ärzte. Für Jana Jünger, Oberärztin an der Universitätsklinik Heidelberg, waren solche Erkenntnisse ein Grund dafür, angehenden Medizinern das Sprechen beizubringen. „Wer nicht kommunizieren kann, kann in unseren Augen nicht Arzt werden“, sagt die Medizinerin, die auch in der ARTE-Dokumentation „Der innere Arzt“ zu Wort kommt. Die Patienten seien oft in einer psychischen und körperlichen Krise. Der Arzt habe die Pflicht, ihnen als Leitfigur durch diese Krise zu helfen und ihnen zu ermöglichen, ihre Selbstheilungskräfte zu aktivieren.
Ein anderes Kommunikationstraining für Ärzte geht auf aktuelle Veränderungen im Verhältnis zwischen Arzt und Patient ein. Früher galten Mediziner als Halbgötter in Weiß; gerade ältere Menschen fühlen sich in einer passiven Rolle nach wie vor wohl. „Diese Rollenverteilung ist aber ein Auslaufmodell“, sagt Jennifer Nicolai, Psychologin am Universitätsklinikum Heidelberg. Jüngere Menschen wollen als mündige Patienten ihre Therapie oft mitbestimmen. Deshalb bietet die Uniklinik Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Freiburg Schulungen zum Thema „Partizipative Entscheidungsfindung“ an. Dort üben Mediziner in Rollenspielen, wie sie Krebspatienten in die Entscheidung über ihre Behandlung einbinden können. Das Verständnis des Patienten und seine Erwartungen und Emotionen einer Therapie gegenüber zu klären, sei maßgeblich für den Behandlungserfolg. So können Arzt und Patient gemeinsam herausfinden, welche Therapie am besten passt.

Doch die Reformen im Gesundheitssystem der letzten Jahre ebnen einem gesunden Arzt-Patienten-Verhältnis nicht gerade den Weg: Im Schnitt werden dem Arzt nur noch 15 Minuten pro Patient berechnet. Zeit kostet Geld und ein intensives Gespräch wird für den Arzt zum Verlustgeschäft.

 

SUSANNE SCHÄFER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

Kategorien: November 2011