ALOHA OE!

Philip Flämig

Philip Flämig

Hawaiis Königin war entsetzt. „Dies ist ein Liebeslied“, entrüstete sich Liliuokalani, nachdem sie erfahren hatte, dass ihre Komposition „Aloha Oe“ beim Begräbnis eines Missionars gespielt worden war. Doch die Melodie aus dem Jahr 1878 avancierte trotz Protest zum Evergreen unter den Abschiedssongs: Jahrelang schickte die Royal Hawaiian Band in Honolulu Passagierschiffen die sanften Töne hinterher, und als 1932 die Flamme der Olympischen Spiele in Los Angeles erlosch, sang ein Chor Liliuokalanis Lied Radiohörern in aller Welt vor. In den 1960er Jahren fügte sich auch King Elvis in die lange Reihe der Interpreten von „Aloha Oe“ ein.

Dass „mele“ (Gesang) und „hula“ (Tanz) einst Männer-Privilegien waren, hätte Liliuokalani wohl ebenfalls erbost. Doch bereits als James Cook 1778 die Inseln entdeckte, konnte er von singenden und tanzenden Inselschönheiten berichten und so das Klischee des erotischen Hüftwackelns ins Leben rufen. Die Tourismuswerbung und US-Filme wie Elvis’ „Blue Hawaii“ festigten dieses verzerrte Bild.
In den alten „halau“, den Tempeln, unterrichteten Adelige und Priester die Künste. Gesangsschüler übten, den Soundtrack der Natur nachzuahmen: das Rollen der Wellen, das Rauschen der Wasserfälle, das Prasseln des Regens, das Knistern der Lavaströme – so entstand ein reiches Repertoire, das heute auf den Inseln in mehr als 200 Musikschulen gelehrt wird. nis Lied Radiohörern in aller Welt vor. In den 1960er Jahren fügte sich auch King Elvis in die lange Reihe der Interpreten von „Aloha Oe“ ein.

 

 

 

Der einzigartige Inselsound. Das lange Halten und geringfügige Verändern eines Tons (Vibrato) sowie der Einsatz der Kopfstimme (Falsett) zählen zu den Spezialitäten des Inselsounds. Es ist ein Klang, der besonders in den Jahren von 1930 bis 1960 hohe Wellen schlug. „Damals traten hawaiianische Sänger und Tänzerinnen rund um den Globus auf, in Fernsehshows und Dutzenden von Filmen“, erzählt Jerry Hopkins, früherer Herausgeber des „Rolling Stone“ und jahrzehntelang Wahl-Hawaiianer. „Tiki“ etablierte sich als polynesisch angehauchter Musikstil, und die Beach Boys sangen Ende der 1960er „Go to Hawaii“. Joseph Kekuku (1874–1932) war es, der mit Metallstücken über die Saiten seiner Gitarre strich und ihr so Töne entlockte, die den alten Stimmen der Vorfahren ähnelten. Damit begründete er die Zunft der Steel-Gitarristen, die auch die Countrymusic prägte. Frühe Stars wie Sol Hoopii (1902–1953) verbreiteten den Ruhm hawaiianischer Klänge in der Welt. Hoopii ging als 17-Jähriger in Honolulu an Bord eines Linienschiffs, gründete in Los Angeles das damals berühmte Novelty Trio und spielte als „Hollywood Hawaiian“ die Steel-Gitarre in Leinwand-Schnulzen wie „Waikiki Wedding“ (1937), die zu Kassenschlagern wurden.

Exportschlager mit Gewicht. „Aloha“ – das ist auch der Inbegriff eines Lebensgefühls. Von „Hawaiiness“ sprach der Sänger und Ukulele-Spieler Israel Kamakawiwo’ole. Sein Coversong „Somewhere Over the Rainbow“, der es 2010 international in die Charts schaffte, machte den 1997 verstorbenen 300-Kilo-Mann posthum zum erfolgreichsten Musik-Export Hawaiis. Als Verfechter einer eigenständigen kulturellen Identität der Inseln, die 1959 zum 50. Bundesstaat der USA wurden, war „Iz“ in seiner Heimat bereits zu Lebzeiten eine Art Heiliger. Seinen Hit widmete er einem anderen Großen der Hawaii-Musik, dem Gitarristen Gabby Pahinui. Mit „I’m Living on a Easy“ schrieb Pahinui Ende der 1960er einen vor Lebensfreude sprühenden Song, der zur ewigen Insel-Hitparade zählt. Und damit nicht genug: Pahinui wollte nicht hinnehmen, dass sogenannte hawaiianische Combos, die nicht ein einziges Mal auf den Inseln waren, den Sound ab den 1930ern okkupierten. Er gründete ein eigenes Label und mit den Sons of Hawaii eine Band, die hawaiianische Texte und Musikstile pflegte. Das Ensemble wurde zu einer wichtigen Inspirationsquelle für den heimischen Nachwuchs. So zählt Gabbys Sohn Cyril heute zu den beliebtesten Musikern Hawaiis.

Auch der 34-jährige Ukulele-Meister Jake Shimabukuro spielte bereits als Kind Stücke der Sons of Hawaii. Internationale Anerkennung erntete er 2006 mit einem Beatles-Song: Er setzte sich in den New Yorker Central Park und gab „While My Guitar Gently Weeps“ zum Besten. Auf Youtube wurde das Video neun Millionen Mal angeklickt. 2010 gewann der Künstler zwei wichtige Preise der Hawaii Academy of the Recording Arts. Er tourt inzwischen durch Asien und Europa – auch mit eigenen Kompositionen wie dem Song „Bring Your Adz“. Königin Liliuokalani hätte es gefallen, dass einer aus ihrem Volk mit seiner Musik so gut verstanden wird.

 

ROBERT ZSOLNAY FÜR DAS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

ZUM HÖREN

SOL HOOPII: „King of the Hawaiian Steel Guitar“ (1927–1936);
SONS OF HAWAII: „The Folk Music of Hawaii“ (1971); GABBY PAHINUI: „Gabby“ (1972);
ISRAEL KAMAKAWIWO’OLE: „Facing Future“ (1993), „Wonderful World“ (2007);

CYRIL PAHINUI: „Ka Ho’oilina Mau“ (1998), „For Hands Sweet and Hot“ (1999);

JAKE SHIMABUKURO: „Hula Girls“ (2007), „Peace Love Ukulele“ (2011)

(Auswahl)

Kategorien: November 2011