VALERIY SOKOLOV: ERNSTE GEIGE

Simon Fowler licensed to Virgin Classics

Simon Fowler licensed to Virgin Classics

Schon jetzt wird sein Spiel mit dem des Virtuosen Yehudi Menuhin verglichen, dabei ist er gerade einmal 24 Jahre alt: Der Geiger Valeriy Sokolov, der auf zahlreiche Konzerte und gewonnene Wettbewerbe zurückblicken kann, ist mit seinem Instrument weiterhin auf der Suche nach dem perfekten Klang. Das ARTE Magazin sprach mit ihm über seine ukrainische Heimat, die Kompositionen der großen Meister und das Geheimnis der Musik.

 

 

ARTE: Herr Sokolov, muss sich das Publikum in einem Konzert ebenso anstrengen wie der Musiker?

VALERIY SOKOLOV: Während einer Aufführung versuche ich, mein anderes Ich in die sechste Reihe zu setzen, um mir selbst beim Spielen zuzuschauen. Ich will verstehen, was genau meine Musik mit den Menschen anstellt.

ARTE: Und was stellen Sie dann fest?

VALERIY SOKOLOV: Letztlich versuche ich, auf der Bühne die Welt aufzubauen, die ein Komponist erfunden hat. Das Publikum muss bereit sein, in Gedanken aus seinem Sessel aufzustehen und diese Welt zu betreten. In guten Konzerten kann die Welt, die ich in Klängen aufbaue, auch vom Publikum beeinflusst werden. Wie reagiert es? Kommt es freiwillig auf mich zu oder muss ich es locken? Dementsprechend reagiere ich.

ARTE: Ist es für Sie anders, in Ihrer Heimat, der Ukraine, zu spielen? Wie wichtig ist das Land für Sie?

VALERIY SOKOLOV: Inzwischen reise ich durch die ganze Welt, habe mit Lehrern aus vielen Ländern zusammengearbeitet – aber die Ukraine hat mich geprägt. Deshalb veranstalte ich hier im Sommer auch immer ein Klassikfestival. Ich will meinem Land etwas zurückgeben.

ARTE: Wie sind Sie mit der Musik aufgewachsen?

VALERIY SOKOLOV: Ich habe von meinen Eltern die Chance bekommen, Geige zu spielen. Viele Menschen haben mir gesagt, dass ich üben, üben, üben muss, um gut zu werden. Ich wollte meine Technik perfektionieren. Heute sehe ich die Sache vielschichtiger. Es geht nicht nur um das Üben. Es geht darum, Werke wie Bartóks Violinkonzert zu durchdringen.

ARTE: Wie machen Sie das?

VALERIY SOKOLOV: Die Technik ist eine Voraussetzung, aber der persönliche Weg, sich mit einem Stück auseinanderzusetzen, ist die eigentliche Arbeit. Ich spüre, wie immer neue Details zum Vorschein kommen und wie ich abtauche in die Partitur. Irgendwann stelle ich als Musiker fest, dass ich zwar immer noch denke, aber auch von einem Musikstück gedacht werden kann. Und diese Balance herzustellen, zwischen meinem eigenen Willen und den Anforderungen des Werkes, ist ein einzigartiges Gefühl.

ARTE: Sind Musiker so etwas wie eine Art Medium, das zwischen der Vergangenheit der Komposition und der Gegenwart ihrer Interpretation vermittelt?

VALERIY SOKOLOV: Man könnte das so nennen. Wir versuchen, die Kompositionen der Meister zum Klingen zu bringen und ins Heute zu tragen. Die logische Auseinandersetzung steht am Anfang. Und dann ist der Raum frei, seine Gefühle zu entfesseln.

ARTE: Geiger wie Anne-Sophie Mutter oder Gidon Kremer spielen die großen Werke der Klassik unterschiedlich – wie viel Valeriy Sokolov steckt in einer Interpretation?

VALERIY SOKOLOV: Der Interpret darf sich selbst nicht wichtiger nehmen als den Komponisten. Aber es beeinflusst eine Interpretation, wer man ist. Ich verehre Kremer und Mutter – für mich spielen sie in einer anderen Liga. Sie scheinen alles zu verstehen und haben einen eigenen Klang gefunden. Bei mir ist das anders: Ich suche noch.

ARTE: Wonach suchen Sie?

VALERIY SOKOLOV: Machen wir uns nichts vor, es ist wichtiger, Bartók zu hören, als Valeriy Sokolov. Es geht also darum, sich selbst zurückzunehmen – für die Musik. Aber gleichzeitig ist es die Aufgabe eines Künstlers, sich selbst zu entdecken. Erst dann kann er sich wieder auf die Komposition konzentrieren. Und ich merke, dass der Klang, den ein Musiker produziert, immer wichtiger wird. Er ist das eigentliche Geheimnis der Musik.

ARTE: Was ist das genau, dieser Klang? Ist er etwas Physisches?

VALERIY SOKOLOV: Er greift nicht unbedingt körperlich zu, aber das kann er auch: Dann bekommt man Gänsehaut. Wichtiger ist mir, dass der Klang in unsere Gedanken eindringt. Manchmal schafft er es sogar, den Geisteszustand zu verändern. Klang ist für mich der physische Ausdruck von Gedanken. Das macht ihn zum Abenteuer.

ARTE: Sie sind ein sehr ernsthafter Musiker, und das in Zeiten, in denen die Klassik immer oberflächlicher und populärer wird.

VALERIY SOKOLOV: Mich stört diese Bewegung. Ich kenne einige Musiker meiner Generation, für die das Vergnügen an der Klassik darin besteht, sich ernsthaft mit ihr auseinanderzusetzen. Und ich sehe, dass auch das Publikum das will. Deshalb kämpfe ich darum, dass wir die Musik als Schönheit des Ernstes verstehen.

INTERVIEW AXEL BRÜGGEMANN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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VALERIY SOKOLOV

Geboren 1986 im ukrainischen Charkow, begann Valeriy Sokolov im Alter von fünf Jahren mit dem Geigenunterricht. Mit neun Jahren wurde er an der Charkower Spezialschule für Musik aufgenommen. Dem Studium in England und Auszeichnungen wie dem Enescu-Stiftungspreis 2005 in Bukarest folgten Konzerte mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und mit seinem Streichtrio Hermitage

 

ZUM HÖREN UND SEHEN

„Valeriy Sokolov – Bartók Violin Concerto No.2, Tchaikovsky Violin Concerto“ (CD, Virgin Classics Oktober 2011); „Enescu: String Octet & Violin Sonata No.3“ (CD, Virgin Classics 2009); „Valeriy Sokolov – A Natural Born Fiddler“ (DVD, Virgin Classics 2006)

 

Kategorien: Oktober 2011