MACHT EUCH KEINE SORGEN

© Kristinn Ingvarsson

© Kristinn Ingvarsson

Als ich fünf war, nahmen meine Großeltern mich mit in den Ort, in dem mein Großvater aufgewachsen war. Bei einem Spaziergang kamen wir zu einem Bach. Er war blutrot und ich fragte, warum. Mein Großvater unterdrückte ein Lächeln und antwortete: „Dort oben in der Heide liefern sich Elfen und Trolle eine brutale Schlacht.“ In Wirklichkeit wurden gerade Schafe geschlachtet, und eine Schlachterei hatte ihre Abfälle in den Bach abgeleitet. Erschreckende Dinge haben immer zwei Seiten – und am Besten erinnert man sich an die, die mehr Spaß macht! Das gilt besonders für die Zeit nach der isländischen Finanzkrise im Oktober 2008, in der die drei isländischen Banken verstaatlicht wurden.

 

 

Nach jedem Winter feiern wir ein Fest. Es gibt ein beliebtes Sprichwort in Island: „Þetta reddast“, was so viel bedeutet wie „es wird schon schiefgehen“. Während der Krise war die Redensart im Winterschlaf, jetzt ist sie wieder zu unserer Leitidee geworden. Die Isländer haben die Krise überlebt, und es sieht so aus, als würde alles schon irgendwie gut gehen. Sogar angesichts der jüngsten Finanzkrise in den USA haben die Menschen keine größere Angst. Schlechte Nachrichten aus der Wirtschaft können sie nicht mehr schrecken. Aber natürlich hat sich die Mentalität dramatisch verändert. Vor der Krise haben die Menschen daran geglaubt, dass ihnen eine rosige Zukunft winkt. Die meisten hatten Kredite aufgenommen, um noch angenehmer zu leben. Heute sprechen die Menschen kaum noch über die nächsten Sommerferien, jeder lebt von einem Tag zum nächsten. Und das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Wenn man alles hat und sorglos lebt, besteht die Gefahr, dass man abstumpft und zu bequem wird. Wenn alles zusammenbricht, bewegen die Menschen wieder etwas.

Kultur leistet dabei einen wichtigen Beitrag. Sie hilft uns durch die Krise – auch wenn sich die isländische Kulturlandschaft verändert hat. Vorher wurden viele kulturelle Veranstaltungen von Finanzunternehmen gesponsert. Was nicht heißt, dass die Künstler nur kommerziell dachten oder unbedingt berühmt sein wollten. Aber damals wurde man bereits gesponsert, wenn man nur in irgendeine Ecke pinkelte. Heute ist das nicht mehr möglich – oder man müsste sich zumindest dafür rechtfertigen! Ich glaube, das ist eine der Ursachen für die gesamte Krise: dass wir uns für etwas Besonderes gehalten haben. Aber das ist ein Irrtum!

In den Medien wird ja oft die Einzigartigkeit der isländischen Kultur und Künstler gerühmt. Wir haben das vielleicht selbst irgendwann geglaubt, und das ist gefährlich. Jede Kultur und jedes Land hat seine Besonderheiten. Island ist durch den Kampf gegen die Elemente geprägt. Die Natur spielt für uns eine große Rolle, weil sie in Island sehr menschenfeindlich ist. Das beeinflusst unsere Weltsicht. Überleben ist immer ein Geschenk. Nach jedem Winter, den wir überstehen, feiern wir ein Fest. In Europa dagegen ist das Wetter so schön, die Natur scheint seit Tausenden Jahren zu schlummern. Das ist einer der großen Unterschiede, und er betrifft nicht nur die Wetterlage. Die Krise war eine Art Winter – den wir überstanden haben. Mich persönlich hat die Krise nicht getroffen. Ich bin nicht gefeuert worden wie viele meiner Kollegen und Freunde, die mit mir in der Bank Landsbankinn angestellt waren. Ich arbeite dort immer noch.

 

Einen schönen Choral anhören. Ich wollte nicht, dass man die Bankangestellten als gesichtslose Menschen wahrnimmt – ähnlich wie auf René Magrittes Bild „Der Mann mit der Melone“, das einen Mann in einem Anzug und mit Hut zeigt, dessen Gesicht von einer Taube verdeckt wird. Es ist einfach, jemanden zu verteufeln, der keine menschlichen Züge hat. Ich wollte den Bankern wieder ein Gesicht geben, deshalb habe ich das Buch „Bankster“ geschrieben. Auch wenn ich gestehen muss, dass sich für mich kaum etwas verändert hat. Ich habe meine Wohnung schon vor langer Zeit abbezahlt, fahre keinen Jeep und habe keinen Internetanschluss. Ich bin also das Gegenteil von „2007“ – das ist eine Art Schimpfwort geworden für die Zeit in Island, in der Finanz-Wikinger herrschten, jeder auf Pump lebte und immer höher hinauswollte.

Für diese Zeit steht auch die Harpa-Konzerthalle in Reykjavík. Die Pläne waren überdimensional, die Ausgaben horrend. Ich bin trotzdem froh, dass das Gebäude fertig gebaut geworden ist – ein Loch im Boden wäre viel schlimmer gewesen. Heute ist Harpa ein Mahnmal. Das ist ein gewichtiges Wort, aber es ist zutreffend. Harpa hat uns eine Lektion erteilt. Jeder, der sich wieder in Höhenflüge versteigt und den Kontakt zur Realität verliert, sollte sich in der Harpa einen schönen Choral anhören. Ich möchte den Menschen über Island sagen: Macht euch keine Sorgen um uns, uns geht es gut! Unsere Natur ist immer noch intakt. Die Situation ist nicht so schlimm, wie es scheint. Geld ist nur eine menschliche Erfindung. Solange die Fische sich weiter vermehren und im Winter Schnee in den Bergen fällt, den wir dann im Frühling in Strom umwandeln können, wird es schon irgendwie weitergehen.

 

PROTOKOLL: DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

GUÐMUNDUR ÓSKARSSON

 

1978 wird Guðmundur Óskarsson in Reykjavík geboren. Er studierte Pharmakologie, Isländisch und Philosophie ohne Abschluss. Seit 2004 ist er Sekretär in der Bank Landsbankinn. Für seinen Roman über die Finanzkrise, „Bankster“, erhielt er den Isländischen Literaturpreis. Zur Frankfurter Buchmesse erscheint er jetzt auf Deutsch. Mehr unter www.sagenhaftes-island.de

Kategorien: Oktober 2011