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HELDEN DES WIDERSTANDS

Cinétévé

Cinétévé

Anfang der 1940er Jahre steht fast ganz Europa unter nationalsozialistischer Herrschaft. Doch zwischen London und Athen, Kopenhagen und Paris formiert sich Widerstand. In der sechsteiligen Dokufilmreihe „Schattenkampf – Europas Résistance gegen die Nazis“ des französischen Regisseurs Bernard George wird die Geschichte des Widerstands erstmals in seiner europäischen Dimension erzählt. Das Mammutprojekt, für das 77 Zeitzeugen aus 15 Ländern befragt wurden, zeigt umfangreiches, teils unveröffentlichtes Archivmaterial. Das ARTE Magazin sprach mit der Produzentin Fabienne Servan Schreiber über die letzten lebenden Partisanen.

 

 

 

ARTE: Frau Servan Schreiber, warum widersetzen sich einige Menschen dem Unrecht, während andere sich fügen?

FABIENNE SERVAN SCHREIBER: Das versteht man, wenn man die Reihe gesehen hat. Die Belgierin Andrée Dumon sagt ganz schlicht: „Das konnten wir nicht zulassen.“ Sie war damals 18 Jahre alt. Geschichten junger Widerstandskämpfer haben meine Generation, die nach dem Krieg geboren wurde, tief beeindruckt. Das ist das Erbe unserer Eltern, Onkel und Tanten, die selbst im Widerstand waren. Es ist jetzt an uns, diese Geschichten weiterzuerzählen.

ARTE: Nur ein einziger Deutscher, Hans Heisel, kommt als Zeitzeuge in der Serie zu Wort. Weil er aus dem Land der Täter stammte?

F. SERVAN SCHREIBER: Nein, das war auf keinen Fall der Grund. Wir wollten unbedingt Deutsche und Italiener in der Serie haben. Aber die deutschen Widerstandskämpfer wurden so unerbittlich verfolgt, dass nicht viele von ihnen überlebt haben. Und es war lange Zeit unmöglich, Geschichten von Deutschen zu erzählen, die in dieser Zeit Großartiges geleistet haben. Weil alle Deutschen schuldig zu sein hatten. Aber jetzt darf man es sagen: Auch unter ihnen gab es Gerechte.

ARTE: Warum hat es so lange gedauert, den europaweiten Widerstand gegen Nazideutschland in einer Gesamtschau zu dokumentieren?

F. SERVAN SCHREIBER: Viele Überlebende haben sehr spät angefangen, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Sie sind lange im Verborgenen geblieben und haben geschwiegen. Erst am Ende ihres Lebens konnten sie ihre Geschichte erzählen. Vorher wäre es für sie zu schmerzhaft gewesen.
ARTE: Und es gab eine Dringlichkeit, die Zeitzeugen zu befragen.

F. SERVAN SCHREIBER: Ja. Einige, die im Rahmen unserer Dokufilmreihe interviewt wurden, sind mittlerweile verstorben. Gegenüber dem Regisseur Bernard George haben sie zum letzten Mal Zeugnis abgelegt. Ich fand, dass man die Widerstandskämpfer und Deportierten unbedingt zu Wort kommen lassen muss. Wir wollten die Zeugnisse anonymer Helden festhalten, die aus ihrer Sicht die Geschichte des Widerstands erzählen. Und zwar in ganz Europa.

ARTE: Sie haben mithilfe von Historikerverbänden 77 Überlebende aufgespürt und interviewt. 49 von ihnen kommen in der Reihe zu Wort. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

F. SERVAN SCHREIBER: Ihre Geschichte musste eindrucksvoll sein. Und sie mussten sie erzählen können. Wir wollten der Nachwelt etwas weitergeben. Daher war die Persönlichkeit der Zeugen sehr wichtig. Der Regisseur Bernard George ist oft aufgewühlt zurückgekommen und hat gesagt: „Wir haben eine außergewöhnliche Frau getroffen. Das ganze Drehteam hatte Tränen in den Augen.“

ARTE: Der Titel der Dokufilmreihe legt die Vermutung nahe, es habe in Europa ein organisiertes Widerstandsnetz gegeben …

F. SERVAN SCHREIBER: … was jedoch nicht möglich war. Der einzige Dreh- und Angelpunkt war England, das fast alle Länder unterstützte. Wahrscheinlich wies die Funktionsweise des Widerstands in den verschiedenen Ländern Ähnlichkeiten auf. Das Radio hat überall eine Rolle gespielt, ebenso die Bevölkerung, die beim Schmuggeln half.

ARTE: Viele junge Leute, die heute zum Beispiel in Spanien den Aufstand ihrer Generation organisieren, haben die Kampfschriften „Engagiert Euch!“ und „Empört Euch!“ von Stéphane Hessel gelesen. Können Widerstandskämpfer von früher Vorbilder für die junge Generation von heute sein?

F. SERVAN SCHREIBER: Engagement ist wichtig, egal in welcher Zeit und in welchem Land. Menschen verspüren immer und überall das Bedürfnis, sich nicht nur für ihr eigenes, sondern auch für das Allgemeinwohl einzusetzen. Daher haben wir in die Reihe fiktionale Szenen eingebaut. Was die Zeitzeugen berichten, spielen junge Schauspieler nach. Diese fiktiven Elemente sind sehr wichtig, denn sie zeigen, wie blutjung diese Widerstandskämpfer waren und sie ergänzen ihre Erinnerungen.

ARTE: Gibt es etwas, das sie alle gemeinsam haben?

F. SERVAN SCHREIBER: Ihre innere Haltung. Das Beeindruckende bei ihnen allen ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie sagen: „Natürlich war ich bereit zu sterben.“ Für sie war es unerträglich, unter Fremdherrschaft zu leben, auch wenn sie furchtbare Angst hatten. Sie standen für ihre Werte ein.

ARTE: Waren das auch europäische Werte?

F. SERVAN SCHREIBER: Ja, das sagen sie alle. Europa begann in den Lagern, Europa begann im Widerstand.

 

INTERVIEW: KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

FABIENNE SERVAN SCHREIBER

Produzentin bei Cinétévé in Paris und Journalistin, entstammt einer Politiker- und Journalistenfamilie

 

Kategorien: Oktober 2011