CARLOS DER KILLER

Film en Stock/Canal +/Jean-Claude Moireau

Film en Stock/Canal +/Jean-Claude Moireau

Mit 16 war er Leiter in einer kommunistischen Jugendorganisation, mit Mitte 20 schloss er sich der palästinensischen Befreiungsfront PFLP an. 1975 wurde Carlos zum meistgesuchten Mann der Welt – mit dem Anschlag auf das OPEC-Hauptquartier in Wien, der Geiselnahme der Ölminister, dessen Kommando er leitete. Wer den Anschlag in Auftrag gab, konnte nie bewiesen werden. Carlos hatte auch Kontakt zur Baader-Meinhof-Gruppe und zum Ministerium für Staatssicherheit der damaligen DDR. Das ARTE Magazin sprach mit Stefan Aust über den Mann, der sich als Star des internationalen Terrorismus inszenierte und dessen Verstrickungen und Motive bis heute im Dunkeln bleiben.

 

 

 

ARTE: Herr Aust, wer war der Topterrorist Carlos? Ein Revolutionär, ein Söldner oder ein Killer?

STEFAN AUST: Die Frage ist immer unterschiedlich beantwortet worden, und die Antwort hängt vom Betrachter ab. In der Linken haben ihn viele in der Tradition von Che Guevara bis Andreas Baader gesehen – als einen internationalen politischen Revolutionär. Es gab aber auch sehr viele, die das nüchterner betrachtet und die Carlos nicht als politische Figur, sondern als Söldner gesehen haben. Als jemanden, der im Auftrag und gegen Bezahlung terroristische Aktionen ausgeführt hat. Ich will ihm nicht absprechen, dass er der Meinung war, Teil einer weltweiten revolutionären linken Bewegung zu sein. Aber er war ein richtiger Killer.

ARTE: Sie haben Carlos einmal als „mörderisches Kind des Kalten Krieges“ bezeichnet. Was genau meinten Sie damit?

STEFAN AUST: Der Terrorismus in den 1960er, 70er und 80er Jahren spielte sich in einer geteilten Welt ab. Diese Grenze zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen den Verbündeten Washingtons und denen Moskaus verlief ja nicht nur entlang der Zonengrenze durch Berlin. In den arabischen Ländern gab es einen heftigen Wettstreit zwischen Leuten, die westlich, und Leuten, die östlich orientiert waren. Vor diesem Hintergrund spielte sich der gesamte Terrorismus ab. Die Grenzen zwischen politischem und rein kriminellem Terrorismus konnten nicht klar gezogen werden. Das alles ging ziemlich durcheinander.

ARTE: „Je mehr Carlos in die Windungen der Macht- und Geopolitik geriet, desto zweifelhafter und menschenverachtender wurden seine Beweggründe“, sagte der Filmregisseur Christian Petzold über Carlos im Gespräch mit seinem Kollegen Olivier Assayas, dem Regisseur des dreiteiligen Films „Carlos“. Teilen Sie diese Einschätzung?

STEFAN AUST: Carlos hatte im Machtspiel zwischen Ost und West eine gewaltige Rolle, weil er skrupellos war – ein brutaler, rücksichtsloser Killer, der im Zweifel vollkommen unschuldige Leute umgebracht oder Politiker gezielt ermordet hat. Er war für das Spiel der Geheimdienste die ideale Besetzung.

ARTE: Mit dem Ende des Kalten Krieges war auch die Laufbahn des Terroristen Carlos zu Ende.

STEFAN AUST: Ja, denn er konnte nur in dieser Zweiteilung der Welt existieren. Niemand ahnte, dass er mit östlichen Geheimdiensten kooperierte. Die amerikanische Journalistin Claire Sterling hatte in den 80er Jahren die These aufgestellt, Carlos sei ein Auftragskiller des KGB. Das haben alle, auch das liberale, intellektuelle Establishment, für absurde CIA-Propaganda gehalten. In den 90er Jahren, nach dem Untergang des Sozialismus, stellte sich heraus, dass Carlos auch sehr enge Verbindungen zum ungarischen Geheimdienst gehabt hatte und einen Wohnsitz in Ungarn, von wo aus er operierte. Ebenso ist er in den 70er Jahren in Ost-Berlin gewesen. Dort wurde er vom Ministerium für Staatssicherheit beobachtet und zugleich geduldet.

ARTE: Was bedeutete der Untergang des Kommunismus für den Terroristen Carlos?

STEFAN AUST: Als er sich nicht mehr in den Ostblock-Ländern halten konnte, weil sie nicht mehr sozialistisch waren, musste er im Nahen Osten unterkommen. Dann fand er auch dort keine Bleibe mehr, weil er für die Staaten nicht mehr tragbar war, und ging in den Sudan. Das ist interessant, weil es im Sudan zu der Zeit im Prinzip den ersten radikal-islamischen Machthaber gab – Omar Hassan Ahmad al-Baschir. Der hat ihm am Anfang Raum gegeben, um dort zu leben und abzutauchen. Die CIA hat Carlos im Sudan gesucht – und gefunden. Alle haben ein Auge zugekniffen, als Carlos 1994 entführt und nach Frankreich gebracht wurde, wo er noch heute in Haft sitzt.

ARTE: Carlos hatte enge Verbindungen nach Deutschland. Wie haben diese sich ergeben?

STEFAN AUST: Auch in Deutschland gab es verschiedene linksradikale und terroristische Organisationen – die Rote Armee Fraktion (RAF), die Bewegung 2. Juni und die Revolutionären Zellen (RZ), die alle mit der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO sympathisierten. Die RAF unterhielt gleichermaßen Kontakte zur PLO wie zu den osteuropäischen Geheimdiensten, RAF-Terroristen ließen sich in jordanischen Ausbildungslagern der PLO trainieren. So ergaben sich in der Szene, gerade wenn sich diese Personen im arabischen Raum begegneten, bestimmte Verbindungen. Die Gruppe um Carlos hat eine viel stärkere deutsche Komponente, als man das damals gesehen hat.

ARTE: In der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ äußerte vor Kurzem Corinna Ponto, die Tochter des RAF-Opfers Jürgen Ponto, einen Verdacht: Die Terroristin Verena Becker, der der Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback angelastet wird, sei bei ihrer ersten Verhaftung 1977 auf dem Weg zu Carlos gewesen. Welche anderen Deutschen gab es in diesem Geflecht?

STEFAN AUST: Belegt ist, dass der Terrorist Hans-Joachim Klein bei dem OPEC-Anschlag in Wien dabei gewesen ist. Es war auch damals schon bekannt, dass Johannes Weinrich eine Rolle spielte. Mit Weinrichs ehemaliger Freundin Magdalena Kopp ging Carlos eine Liaison ein. Später hat er sie geheiratet und mit ihr eine Familie gegründet. Doch wie stark die deutsche Komponente der ganzen Geschichte war, ist damals nicht im Bewusstsein gewesen. Man hat Carlos mehr im Zusammenhang mit palästinensischen Gruppen gesehen, mit denen er auch kooperiert hat.

ARTE: Der deutsche Terrorismus hatte keine religiösen Motive. Und auch der Kampf der PLO wurde vorwiegend als politisch wahrgenommen. Ab wann mischten sich religiöse Motive in den Terrorismus?

STEFAN AUST: Die terroristischen Bewegungen der damaligen Zeit haben sich am Ost-West-Konflikt orientiert, sind also auch politische Konflikte gewesen. Zu der Zeit waren alle revolutionären oder terroristischen Gruppierungen im Nahen Osten nicht religiös, sondern politisch. Sie sind von den kommunistischen Staaten bezahlt, ausgebildet und unterstützt worden. Diese politischen Organisationen haben sich nach dem Ende des Ost-West-Konflikts gewandelt. Ab 1990 wurden aus politischen, linken und revolutionären Bewegungen plötzlich muslimische. Sie waren zum Teil immer noch revolutionäre Gruppen, gaben sich jetzt aber einen religiösen Anstrich.

ARTE: War Carlos religiös oder politisch motiviert?

STEFAN AUST: Das Interessante ist, dass Carlos sich 2001 bei dem Anschlag auf das World Trade Center, als er längst in Haft saß, demonstrativ auf die Seite Bin Ladens gestellt und versucht hat, das als Teil seines damaligen Kampfes oder Feldzuges zu deklarieren.

ARTE: Was verbindet politisch und religiös motivierten Terrorismus?

STEFAN AUST: Die Motive und die Strategien der religiös motivierten Terroranschläge unterscheiden sich nicht sehr von dem, was zur Zeit von Carlos geschah. Die terroristischen Gruppen von damals hatten sich ein politisches Korsett gegeben. Heute sind die politischen Ideologien weg, aber der Kern ist ähnlich. Der Charakter der terroristischen Gruppierungen hat sich gewandelt. Und Carlos markiert den Übergang.

ARTE: In den 70er Jahren beginnt sich auch die globalisierte Welt abzuzeichnen. Der Terrorismus hat sie in gewisser Weise vorweggenommen …

STEFAN AUST: … und alles drehte sich auch damals schon ums Öl. Der Nahe Osten wäre für niemanden interessant, wenn es da kein Öl gäbe. Der Westen, speziell die Amerikaner, sind an einem Einfluss im Nahen Osten interessiert, weil dort die Ölreserven der Welt liegen. Jeder Konflikt im Nahen Osten war also immer auch ein Kampf um die Hoheit auf den Ölfördergebieten. Auch im Kalten Krieg.

ARTE: Das Attentat von Sarajevo führte zum Ersten Weltkrieg, das Attentat auf Hitler hätte den Lauf der Geschichte ändern können. Wie groß ist die politische Wirkmacht von Einzeltätern oder Gruppen? Und wovon hängt sie ab?

STEFAN AUST: Es sind zwei Dinge. Es ist einmal die „richtige“ Person am „richtigen“ Ort mit dem „richtigen“ Anschlag. Und zweitens die Frage, wie instabil die Verhältnisse sind, in denen ein Anschlag passiert. Er kann der Auslöser einer gewaltigen Explosion sein, kann aber auch, trotz vieler Opfer, „verpuffen“. Der Anschlag auf das World Trade Center 2001 hat zu Kriegen in Afghanistan und im Irak geführt und die amerikanische Wirtschaft enorm angegriffen. Terrorismus ist immer Kommunikation und Provokation. Ein Versuch, dem Angegriffenen eine Falle zu stellen und ihn zu Handlungen zu provozieren, die er sonst nie ausführen würde. Und es ist immer der Versuch, die Reaktion auf den terroristischen Anschlag mit einzukalkulieren.

ARTE: Wie erfolgreich war demnach Carlos?

STEFAN AUST: Es stellt sich die Frage, ob er als Terrorist so erfolgreich war. Ob er etwas getan hat, was den Lauf der Welt wirklich beeinflusst hat. Das ist, glaube ich, nicht der Fall. Er war ein Killer. Aber wirkliche Weichenstellungen vollzogen hat er nicht.

 

MICHAEL HOPP UND JULIA RUGE FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

„CARLOS“: DER FILM

Der fiktionale Spielfilm in drei Teilen erzähle mit der Geschichte von Carlos die des modernen Terrorismus aus der Sicht eines Insiders, so der Regisseur Olivier Assayas. Gedreht im Jahr 2009 mit Édgar Ramírez in der Hauptrolle, will der Film Carlos kein Denkmal setzen: Er zeigt den Terroristen als Täter und als Schlüsselfigur in einem Netzwerk, in dem ermanipulierte und selbst manipuliert wurde. Der 330-Minüter, 2010 beim Filmfestival von Cannes erstmals gezeigt,gewann den Golden Globe für die „Beste Miniserie“ und den Europäischen Filmpreis in der Kategorie „Bester Schnitt“

 

Kategorien: Oktober 2011