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NEW YORK FOREVER

Maha Productions

Maha Productions

New York wird zu einer städtischen Oase. Die Uferpromenade des Hudson River ist heute ein riesiger Park mit über tausend Bäumen, der Broadway hat mittlerweile eine umweltfreundliche Fußgängerzone. Und das ist nur der Anfang: „New York entwickelt sich konstant und rapide zu einer grüneren und lebensfreundlicheren Stadt“, sagt der dänische Architekt Bjarke Ingels, der gerade ein Büro in Manhattan aufgemacht hat. „Es gibt hier inzwischen mehr Radwege als in meiner Heimatstadt Kopenhagen.“

 

 

 

Eine Vision von New York
Seit einigen Jahren erlebt der Big Apple einen architektonischen Aufschwung. Pritzker-Preisträger Frank Gehry beendet gerade sein erstes Wohnprojekt – allerdings wieder ein Hochhaus. Bjarke Ingels geht weiter, er will keine „Stadt aus gleichförmigen Glastürmen und einer Reihe schnell hochgezogener Gebäude“. Die Pyramidenform seines Projekts W57 setzt sich von allem ab, was seit Gründung der Stadt gebaut wurde. Ingels will einen Wohnkomplex schaffen, in dem jeder Bewohner das natürliche Licht und den fantastischen Ausblick auf den Hudson River genießen kann. Die Form des Gebäudes soll sich harmonisch in das bestehende Umfeld einfügen. Ingels geht es nicht darum, das höchste und spektakulärste Hochhaus zu bauen, das alles um sich herum in den Schatten stellt, sondern um eine Vision.
Es ist die Vision einer Weltstadt, die sich von dem Schrecken des 11. Septembers niemals hat unterkriegen lassen. Die ihre Kreativität und ihren Optimismus behalten hat. New York bleibt die globale Stadt schlechthin – zutiefst amerikanisch und zugleich bereichert von Einflüssen aus aller Welt. Hier entstehen die Trends von morgen – mit Projekten wie dem leicht zugänglichen „Social Bike“, Bauernhöfen auf den Dächern der Stadt oder Innovationen in Technik und Lifestyle.

Für Letzteres ist Elena Brower Spezialistin – sie ist eine der bekanntesten Yoga-Lehrerinnen der Stadt. „Wie alle New Yorker führte ich ein etwas verrücktes, rastloses Leben – eigentlich unpassend für eine Yoga-Lehrerin!“, sagt Elena Brower nach einer Trainings-Stunde in ihrem Studio in Soho. „Vor Kurzem habe ich gelernt, mich von der Informatik zu entgiften. Ich schaue nur noch zwei Mal pro Woche in meine E-Mails.“ Mit der Überzeugung der frisch Bekehrten versucht Brower jetzt auch, im Einklang mit der Natur zu leben. So verlegt sie ihre Yoga-Kurse nicht nur mitten auf den Times Square, sondern auch auf den Rasen am Ufer des Hudson River und zieht damit Tausende von Adepten an.

 

Grüne Revolution
In Sachen Umweltschutz war New York bislang nicht gerade ein Vorreiter. Noch immer beherrscht der Autoverkehr das Stadtbild, lange Zeit galten die wenigen Fahrradfahrer als moderne Abenteurer. Die Stadtverwaltung versucht jetzt, mit einer ganzen Reihe von Projekten diesen Rückstand aufzuholen. Ryan Rzepecki ist Initiator eines neuen Fahrradverleihsystems. Mehrere europäische Großstädte wie Berlin, Brüssel oder Paris haben Systeme, bei denen man sich an Stationen ein Rad leihen kann. Das reichte Ryan Rzepecki nicht: „Ich wollte über die europäischen Modelle hinausgehen, die sehr komplex und teuer sind. Mit ,Social Bike‘ haben wir das Ganze vereinfacht. Man leiht das Rad mit Hilfe einer Handy-App aus und kann dann unkompliziert das Vorhängeschloss öffnen.“ Es gibt keine festen Stationen, das Fahrrad kann überall und jederzeit abgestellt werden. Noch ist das aber Zukunftsmusik, Rzepecki bewirbt sich gerade um den Auftrag der Stadt New York. „Wenn es hier nicht klappt, werden andere Städte unser Projekt übernehmen.“ Vielleicht ja auch europäische.

Das neue grüne Bewusstsein bringt mitunter auch kreative Ideen wie Bauernhöfe auf den Dächern von Brooklyn hervor. Die Pioniere von Boswyck Farms kamen auf die Idee, mitten im Viertel Bush-wick Gemüsegär-ten anzulegen. Was hier angepflanzt wird, ist entweder für den Eigenverbrauch bestimmt oder wird an Restaurants und Bewohner des Stadtviertels verkauft. „Momentan gibt es in New York vier bis fünf solcher Bauernhöfe“, sagt die Angestellte einer unlängst in Bushwick gegründeten Farm. „Wir rechnen damit, dass es in den kommenden Jahren über hundert sein werden: vom einfachen Gemüsegarten bis zu großen, von ganzen Stadtvierteln verwalteten Strukturen.“

 

Sexuelle Ambivalenz
Im Viertel Bushwick wird die Zukunft New Yorks geschrieben. Noch bis vor wenigen Jahren gab es dort vor allem triste Lagerhallen. Jetzt wandelt es sich zum Künstlerviertel. Innerhalb kurzer Zeit haben über hundert Künstler hier ihr Atelier eingerichtet, Galerien ihre Tore geöffnet. Die Neuankömmlinge lassen die Mietpreise ansteigen. Es fragt sich, ob Bushwick das gleiche Schicksal ereilen wird wie Williamsburg. Das liegt jetzt so im Trend, dass man dort fast so teuer wohnt wie in Manhattan. Die Cinders Gallery konnte die hohen Mietpreise in Williamsburg nicht mehr bezahlen. „Der Name unserer Galerie bedeutet ‚Asche‘, denn als wir beschlossen, sie zu eröffnen, stand gerade das Haus meiner Miteigentümerin in Flammen“, erzählt Sto, Mitbegründer der Galerie. Und wie Phönix aus der Asche wird die Galerie bald in einem anderen Szeneviertel wiederauferstehen.
Auch die Sängerin JD Samson hat Williamsburg verlassen. Sie gehört zu den aufsteigenden Größen der New Yorker Musikszene, war Mitglied der Band Le Tigre, bevor sie MEN gründete. JD Samson spielt mit sexueller Ambivalenz: „Ich habe meine Band MEN genannt, das ist eine Art feministische Forderung. Als Frau wie ein Mann zu handeln, setzt voraus, dass man sich durchsetzen kann“, sagt die Musikerin. Im Bundesstaat New York wurde vor Kurzem die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert. Verglichen damit hinkt Deutschland hinterher.

 

Die Stadt von morgen
Die sexuelle Revolution ist nicht die einzige. New York macht dem kalifornischen Technologie-Mekka Silicon Valley Konkurrenz. Das Viertel Dumbo in Brooklyn beherbergt zahlreiche Start-ups. „Im Gegensatz zum isoliert liegenden Silicon Valley müssen sich unsere Unternehmen der Metropole New York stellen, mit all ihren verschiedenen Arten von Kreativität“, sagt Mike Germano, Gründer der New-Media-Agentur Carrot Creative. Und auch die Modewelt nutzt das Potenzial der neuen Technologien. Denn: Klassische Modenschauen sind passé, wie Jenne Lombardo, Gründerin der Milk Fashion Week, sagt: „Junge Designer verzichten auf Modeschauen und treten direkt mit Presse und Käufern in Kontakt.“ Die Mode setzt im Internet schneller Trends als in der analogen Realität.

Schnell, anpassungsfähig, kreativ: New York blickt definitiv nach vorn. Die Stadt schert sich nicht um ihre Vergangenheit. Der 11. September 2001, der das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einläutete, ist kaum mehr ein Thema. Die New Yorker Galeristin Shayna Wayne fasst es so zusammen: „Das ist die Stärke und zugleich die Schwäche dieser Stadt: Man hat nie Zeit! Sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen, interessiert keinen. Wir denken immer an morgen!“

 

ARTE-GASTAUTOR: JEAN-MICHEL DE ALBERTI FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Zum Lesen

 

Aktuelle Romane über New York:
Jonathan Lethem: „Chronic City“ (Tropen 2011); Gary Shteyngart: „Super Sad True Love Story“ (Rowohlt 2011); Thomas Wolfe: „Die Party bei den Jacks“ (Manesse Verlag 2011); John Cheever: „Die Lichter von Bullet Park“ (Dumont Buchverlag 2011); Paul Auster: „Unsichtbar“ (Rowohlt 2010); Maeve Brennan: „Tanz der Dienstmädchen. New Yorker Geschichten“(Steidl 2010); Michael Cunningham: „In die Nacht hinein“ (Luchter-hand Literaturverlag 2010); Richard Price: „Cash“(Fischer 2010)

(Auswahl)

 

Kategorien: September 2011