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HALLO, HIER SPRICHT EDGAR WALLACE

SWR/ARTE/Rialto Film GmbH

SWR/ARTE/Rialto Film GmbH

Mit seinen Büchern entrümpelte Edgar Wallace das Krimi-Genre. Heute vergilben die Romane in Bibliotheken, denn seine Geschichten aus der Londoner Unterwelt mit den wackeren Scotland-Yard-Inspektoren wirken eher altbacken. Mit Ausnahme von Literaturhis-torikern verbinden in seiner Heimat England nur noch wenige etwas mit seinem Namen. Vergessen ist, dass Edgar Wallace (1875–1932) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der erfolgreichsten englischsprachigen Autoren war und in vielen Gattungen reüssierte: in Romanen wie im Theater, im Film wie im Boulevardjournalismus.

 

 

 

Intellektueller Sadist. Wallace schrieb zum Beispiel am Drehbuch zu „King Kong“ (1933) mit. Seine Kriminal- und Abenteuerromane, die in 44 Sprachen übersetzt und über 100 Millionen mal verkauft wurden, entledigten sich der dominanten Figur des – oft adligen oder zumindest exzentrischen – Amateur-Detektivs in der Nachfolge von Sherlock Holmes. Wallaces Helden kamen, wie ihr Erfinder, aus dem emanzipierten englischen Mittelstand. Auch wenn das in den deutschen Wallace-Filmen kaum noch erkennbar ist, ging es in den ursprünglichen Geschichten vergleichsweise realistisch zu – mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem Alltag der Polizei. Als ehemaliger Reporter kannte sich Wallace gut aus in diesem Milieu. Gewalt und Grausamkeit wurden nicht ausgeblendet, sondern waren zentrale Erzählelemente, was ihm den Vorwurf von George Orwell einbrachte, ein „intellektueller Sadist“ zu sein.

 

Edgar Wallace und die Deutschen. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet die Deutschen seine Erinnerung bewahrt haben, denn zu Lebzeiten war ihnen Wallace alles andere als wohlgesonnen. Er hielt die Deutschen für „mut- und hirnlose Bestien“. Dabei wusste schon in den 1920er Jahren der Goldmann-Verlag seinen Autor in Deutschland zu verkaufen, und kein geringerer als der Theaterregisseur Max Reinhardt inszenierte Wallaces „Der Hexer“ (1927). Fasziniert vom englischen Kriminalroman, schrieb der Kulturkritiker Siegfried Kracauer 1925 eine Abhandlung, die die demokratischen Grundwerte des Genres hervorhob – schließlich sind viele Elemente des Krimis nur in einem Rechtsstaat denkbar. Und genau dieses Grundmotiv war den Nazis in der folgenden Dekade suspekt, in der Parteiideologen die Gattung schlechthin als „undeutsch“ verwarfen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Wallace schnell wieder einer der erfolgreichsten Autoren in Deutschland. Das lag vor allem an der Attraktion, die die Romane mit ihren ausländischen Schauplätzen boten, nach Jahren der Armut und der nationalen Nabelschau. Wallaces Romane, und später die Filmreihe, versprachen eine kurzweilige Flucht vor der kollektiven nationalen Schuld nach dem Krieg. Die Zuschauer wurden in eine geheimnisvolle Welt entführt, die pure Fantasie blieb: nebelumwallte Schlösser oder verruchte Nachtlokale wie in „Das Gasthaus an der Themse“ (1962), in denen Schauspielgrößen wie Klaus Kinski als irre Schurken ihr Unwesen trieben. Mal war der Hauptverbrecher „Der Frosch mit der Maske“ (1959), mal „Der Mönch mit der Peitsche“ (1967), der von Joachim Fuchsberger in der Rolle des blitzgescheiten Kommissars gejagt wurde.

Die deutsche Wallace-Faszination sagt letztlich mehr über das Publikum aus als über den Autor, der diesem Phänomen nur seinen Namen lieh. Das wird umso deutlicher in der Entwicklung der Wallace-Kinoreihe. Die zwischen 1959 und 1972 von der Rialto-Filmgesellschaft produzierten Filme distanzierten sich zunehmend von den Romanvorlagen. Als die Reihe, ab 1966 in Farbe produziert, nicht mehr im Studio gedreht wurde und in Koproduktionen mit Italien einen realistischeren Ausblick auf die Welt vermittelte, verlor sie für das deutsche Publikum ihren Charme und ihre Identität.

Krimiklassiker oder Papas Kino? Für die deutsche Filmkritik waren die Wallace-Filme als Inbegriff von „Papas Kino“ künstlerisch wertlos und ohne jedes Interesse. Dabei gab es viele Überschneidungen mit Autorenfilmern wie Fassbinder, Wenders und Herzog. Die Rialto-Produktionen waren oft nicht weniger experimentell und verspielt als die Filme der Nouvelle Vague, auch wenn ihr Anspruch ein anderer war. Verglichen mit den Postkartenidyllen der Heimatfilme aus den 1950er Jahren erinnerten die düsteren, schwarzweißen Bildkompositionen der Wallace-Reihe manchmal an Fritz Lang oder an Hollywoods Film Noir.

 

Die gruselige Atmosphäre der Serie glich einer Geisterbahnfahrt auf dem Jahrmarkt. Selbst wenn es in den Filmen makaber zuging, wurde das von schwarzem Humor, Ironie und Skurrilität aufgebrochen. Das mag auch den bleibenden Erfolg der Wallace-Reihe bis in die heutige Zeit erklären, der sich in neueren Hommagen wie „Der Wixxer“ (2004) von und mit Oliver Kalkofe fortsetzte. Bei allen Referenzen auf englische Erfolgsautoren und exotische Kulissen bleibt doch entscheidend der Stolz, dass dieser britische Import mittlerweile genauso vollständig eingedeutscht ist wie der Silves-ter-Klassiker „Dinner For One“. Eine Einbürgerung, die von Engländern nach wie vor nur mit Kopfschütteln kommentiert wird.

 

ARTE-GASTAUTOR: TIM BERGFELDER FÜR DAS MAGAZIN

 

Kategorien: September 2011