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AUFSTAND DER BILDER

avanti media/Christopher Rowe/John Toft

avanti media/Christopher Rowe/John Toft

Er begann als Sprayer in Paris, Sonnenbrille und Hut sind sein Markenzeichen: JR, berühmt für seine visionäre Fotokunst, zeigt Menschen und ihre Lebensumstände in einem neuen Licht. Ob in den Vorstädten von Paris, den brasilianischen Favelas oder den Grenzgebieten im Nahen Osten, JRs überdimensionale Bilder bedecken Mauern, Häuserwände, Straßenzüge in Städten rund um den Globus. 2011 gewann der Künstler den renommierten TED Preis – er zeichnet zukunftsweisende Beiträge für eine bessere Welt aus. Das ARTE Magazin sprach mit JR über das Abenteuer seiner Kunst.

 

 

 

ARTE: Was verstecken Sie hinter Hut und Brille?

JR: Verstecken? Nichts. Das gehört zu meinem Medienimage. Es sind Accessoires, mit denen ich zeigen will, dass die eigentlichen Protagonisten die Menschen auf meinen Fotos sind, und nicht ich.

ARTE: Daher auch das Kürzel JR?

JR: Ja, denn mit meinen Initialen bleibe ich anonym. Im Mittelpunkt, im Zentrum der Aufmerksamkeit sollen dagegen die Leute stehen, die ich porträtiere. In meinen Porträts erzählen sie ihre Geschichte und haben die Möglichkeit, ihrer Identität Ausdruck zu verleihen.

ARTE: Haben Sie Ihre Laufbahn als Fotograf wirklich an dem Tag begonnen, als Sie in der Pariser Metro eine Kamera gefunden haben?

JR: Ja, das stimmt. Graffiti hatte ich schon seit Jahren gemacht, aber keine Fotos. Mit der Kamera habe ich dann begonnen, meine nächtlichen Ausflüge durch die Stadt zu dokumentieren.

ARTE: Eines Ihrer ersten Projekte war im Jahr 2006 „28 Millimeter – Porträt einer Generation“. Aus nächster Nähe, mit einem 28-Millimeter-Objektiv, fotografierten Sie unter anderem Jugendliche in Pariser Vorstädten. Wie gewannen Sie ihr Vertrauen?

JR: Es war nie schwierig, die Leute zu überzeugen. Sie hatten Lust, an meinen Projekten mitzuwirken, weil sie wussten, dass die Fotos bei ihnen ausgestellt würden, in ihren Wohnvierteln und Gemeinden. Sie wollten diese Ausstellungen. Das 28-Millimeter-Objektiv ist wirklich das genaue Gegenteil vom Teleobjektiv. Teleobjektiv-Bilder werden oft aus großer Entfernung „gestohlen“, meist ohne Einverständnis der Fotografierten. In meinem Projekt war das völlig anders, weil die Porträtierten auch gleichzeitig die Mitgestalter ihres eigenen Bildes waren.

ARTE: Sie reisen in Krisengebiete, Slums und verarmte Vorstädte. Was zieht Sie dorthin?

JR: Ich suche Orte auf, die durch die Medien gegangen sind, um ein anderes Bild von ihnen zu zeichnen. Besonders mein Projekt „28 Millimeter“ soll die mediale Verzerrung der Realität aufzeigen.

ARTE: Ihr Film „Women are Heroes“ lief 2010 bei den Filmfestspielen in Cannes. Was macht die porträtierten Frauen aus allen Ecken der Welt auf Ihren Bildern zu Heldinnen? Sind sie wirklich so stark?

JR: Das ist nur eine Facette der Wirklichkeit. Frauen sind oft die ersten Opfer in Konflikten und die Überlebenden in Friedenszeiten. Es sind die Männer, die an die Front müssen, auf den Frauen lastet die volle Verantwortung für die Familie. Als ich ihre Porträts auf Häuserfassaden in Kenia, Kambodscha oder in den Favelas von Brasilien klebte, haben das alle anerkannt – auch die Männer.

ARTE: „Face 2 Face“ war 2007 die größte illegale Fotoausstellung – noch dazu in einem Grenzgebiet. Was genau verbarg sich hinter diesem Projekt?

JR: Wir haben in einer Nacht- und Nebelaktion haushohe Porträts von Palästinensern und Israelis auf beiden Seiten der Grenzmauer plakatiert. Am Ende war nicht mehr klar, ob es sich um den „Anderen“ oder den eigenen Nachbarn handelte.

ARTE: Was hat Sie dort am meisten überrascht?

JR: Das Projekt hat gezeigt, dass die Leute viel offener sind, als man denkt. Dass diese Aktion sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite möglich war, ist ein Beweis dafür, dass die Grenzen nicht unbedingt dort sind, wo man sie vermutet.

ARTE: Verstehen Sie sich als Künstler oder als politischer Aktivist?

JR: Ich verstehe mich als Künstler, ganz klar.

ARTE: Aber Sie stoßen doch politische Aktionen an.

JR: Hinter meinen Projekten steckt niemals eine konkrete politische Botschaft. Meine Projekte sind Kunstprojekte, die auf der Straße, in Museen oder in Galerien ausgestellt werden. Als solche werfen sie dann eben, wie viele andere Kunstwerke auch, politische Fragen auf.

ARTE: Wieso führen Sie Ihr Engagement nicht noch weiter und werden selbst politisch aktiv?

JR: Der Künstler hat das Recht auf Misserfolg. Er darf experimentieren, darf etwas versuchen, kreieren und Grenzen überschreiten. Wenn man eines Tages Aktivist wird und damit politisch oder sozial die Zustände zu verändern versucht, hat man eine ganz andere Verantwortung.

ARTE: Was motiviert Sie zu Ihren Projekten?

JR: Was mich antreibt, ist nicht ein Ziel, sondern der Weg dorthin. Die Dynamik, die rund um ein Projekt entsteht, Menschen einzubeziehen, eine künstlerische Suche, ohne klares Ziel, anzustoßen: Das alles ist eine starke Motivation. Man lässt sich auf ein Abenteuer ein – ohne zu wissen, wohin es führt. Aus dieser Erfahrung entsteht ein neues Projekt, ein anderer Blick, ein weiteres Abenteuer.

ARTE: Was sind die schönsten Früchte Ihrer Arbeit?

JR: Zu sehen, dass das, was ich ins Leben rufe, weiterwirkt. Dass die von mir fotografierten Menschen selbst Projekte initiieren.

ARTE: Treibt Ihr aktuelles Projekt „Inside Out“ diese Vision auf den Höhepunkt?

JR: „Inside Out“, das ich mit der Siegerprämie des TED Preises ins Leben gerufen habe, ist die weltweit größte Mitmachaktion. Menschen lassen sich in unseren riesigen Fotoautomaten, wie im Centre Pompidou in Paris, fotografieren und können binnen einer Minute ihr Poster mit nach Hause nehmen. Ich bin nicht mehr der Fotograf, sondern nur derjenige, der die Bilder druckt. Normalerweise patentiert ein Künstler sein Konzept. Mit „Inside Out“ mache ich das Gegenteil: Ich überlasse das Konzept anderen, als Möglichkeit des Ausdrucks.

ARTE: Kann Ihre Kunst die Welt verändern?

JR: Ihre Kunst die Welt verändern Ich hoffe es. Ich glaube immerhin stark genug daran, um mich für den Weg zu interessieren, der zu diesem Ziel führt.

 

INTERVIEW: KRISTIN BARTHOLMESS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

JR

 

2003: JR plakatiert erstmals riesige Fotos auf Häuserwände in Paris und Rom

2006, „28 Millimeter – Porträt einer Generation“: Mit einem 28-Millimeter-Objektiv fotografiert JR Jugendliche aus Pariser Vorstädten und plakatiert ihre Gesichter im Stadtzentrum von Paris

2007, „Face 2 Face“: JR klebt Porträtposter auf beide Seiten der Grenz-mauer in Israel/Palästina

2009, „Women are Heroes“: In Kenia, Kambodscha, Brasilien und Indien hängt JR die haushohen Porträts von Frauen in ihrem Umfeld auf

2011, „Inside Out“: JR initiiert Fotokunst als globales Projekt – zum Mitmachen für jedermann

(Auswahl)

 

Kategorien: September 2011