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TINA TURNER – SIMPLY THE BEST

ddp/Michael Gottschalk

ddp/Michael Gottschalk

Ich verliebte mich in ihre tiefe, raue Stimme, als ich in den 1970er Jahren an der Central Michigan University Journalismus studierte. Wenn ich in meinem pinkfarbenen 1962er Cadillac durch die Straßen fuhr, liefen im Radio Songs wie „River Deep Mountain High“ und „Proud Mary“ von Ike & Tina Turner. Sie gehörten zum Soundtrack meiner Studienjahre und prägten mich weit darüber hinaus: Ich entschied mich für eine Laufbahn als Musikjournalist. Tina Turners lange, bewegte Karriere verfolgte ich weiter – als Journalist, Reporter und Biograf.

In den 1960er und 1970er Jahren zählten Tina und ihr damaliger Ehemann Ike zu den Größen des Rhythm’n’Blues. Mit Hits wie „It’s Gonna Work Out Fine“, „I Idolize You“ und „Nutbush City Limits“ stand die Band Ike & Tina Turner an der Spitze der R’n’B-Charts. Nachdem sie im Vorprogramm der Rolling Stones aufgetreten war, wurde sie international bekannt. Mit dem Musikproduzenten Phil Spector, heute selbst eine Legende, nahm Tina Turner 1966 „River Deep Mountain High“ auf – was die gesamte Band auch in Europa berühmt machte.

 

 

1969 und 1970 waren Ike und Tina Turners goldene Jahre, die kreative Hochphase der Band. Wenn Tina auf der Bühne stand, trug sie Miniröcke und warf ihren Kopf zurück. Sie tanzte mit ungezügelter Ausgelassenheit – oft im Gleichklang mit den Ikettes, den Backgroundsängerinnen, die ebenso langbeinig waren wie sie. Tina und die Ikettes präsentierten wilde Schrittkombinationen, die auf das Publikum eine große Faszination ausübten. Hinter Tina in ihren Stöckelschuhen stand ein ernst dreinblickender Ike, Gitarrist und Leader der von ihm zusammengesetzten, äußerst leistungsstarken Band. Tina galt als der Star der Show, Ike mit seiner Gitarre als das Genie im Hintergrund. Sie wirkten wie ein glücklich verheiratetes Paar – doch nichts war weiter von der Realität entfernt.

 

Der weite Weg zum Weltstar
Die Realität sah so aus, dass Ike Tina vor den Konzerten verprügelte und erwartete, dass sie singen würde, als wäre nichts geschehen. Sie bekam keinen Cent für ihre Arbeit. Der kokainsüchtige, notorisch untreue Ike hatte ihr Leben und ihr Umfeld total unter Kontrolle. Am 4. Juli 1976, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, verließ Tina ihn. Es war ihr buddhistischer Glaube, der ihr nach 20 gemeinsamen Jahren die Kraft gab, ihr eigenes Leben zu wagen. Doch obwohl sie schon 1975 – ohne Ike – in der Verfilmung der Rockoper „Tommy“ von The Who einen äußerst erfolgreichen Part gesungen hatte, war der Neuanfang schwer. Heute gilt sie als die große schwarze Stimme neben Aretha Franklin, als Sex-Symbol, als Ikone. Sie ist die erfolgreichste Rocksängerin aller Zeiten – mit acht Grammy-Awards und mehr als 500 Konzerten in 25 Ländern. Doch es sollte Jahre dauern, bis Tina Turner sich neu erfand. Es waren Jahre, in denen sie sich auch mal mit Putzen durchschlug und mit vier Kindern – zwei eigenen und zwei Ziehkindern von Ike – von Sozialhilfe lebte.

1975 kaufte ich mir mein erstes Tina-Turner-Album, die Rockplatte „Acid Queen“, für die Tina Hits von den Rolling Stones interpretierte. Bereits nachdem ich „Acid Queen“ gehört hatte, stand für mich fest: Tina Turner ist die Königin des Rock’n’Roll.

 

Die neue Tina Turner
In den 80er Jahren lebte ich an der Ecke East 11th Street und Broadway. Der berühmte Rockclub „The Ritz“ lag nur anderthalb Häuserblocks von meiner Wohnung entfernt. Als ich erfuhr, dass Tina Turner im Sommer 1983 dort auftreten würde, war ich begeistert. Ihr Song „Let’s Stay Together“ war ein Riesenhit in Europa und erreichte auch Platz eins der US-amerikanischen Dance Charts. „The Ritz“ sollte entscheidend für ihre Karriere werden. Denn Musiker wie Keith Richards und David Bowie, die sie verehrten und mit ihr befreundet waren, besuchten die Show. Bowie, der bei der Plattenfirma EMI Records unter Vertrag stand, lotste seine Vertragspartner ins „Ritz“ – was dazu führte, dass sie Tina Turner ebenfalls verpflichteten. Ihre große Solokarriere hatte begonnen.

Zwei Ausnahmekünstler beherrschten im Jahr 1984 den Äther und hatten beispiellosen Erfolg bei Konzerten und mit ihren Plattenverkäufen: Michael Jackson und Tina Turner. Ich war damals Chefredakteur der Zeitschrift „Modern Screen“ in New York. Wir berichteten eingehend über Tinas unglaubliche „Rückkehr“ 1984. Der Song „What’s Love Got to Do With It“ auf ihrem millionenfach verkauften Album „Private Dancer“ (1984) war der Höhepunkt ihrer Karriere. In diesem Jahr kam eine nicht zu bändigende Tina Turner zurück auf die Bühne: eine Tina mit Löwenmähne, langen Beinen unterm Leder-Mini, mit einem Liederrepertoire des Rock’n’Roll, das ihrer Stimme und ihrem Temperament entsprach. Die Kämpfernatur dieser Mittvierzigerin, ihre Würde und Disziplin inspirierten viele Menschen. Als Tina 1986 ihre Autobiografie „I, Tina“ veröffentlichte, erfuhr die Öffentlichkeit, wie unerträglich ihre Ehe mit Ike wirklich gewesen war. Mit ihrem im selben Jahr erschienenen Album „Break Every Rule“ bewies sie endgültig, dass sie die Vergangenheit bewältigt hatte und aus der Rockmusik nicht mehr wegzudenken war. Die Platte kam in Deutschland und in der Schweiz auf Platz eins der Albumcharts und rangierte weltweit unter den Top Ten.

1987 startete ihre Welttournee „Break Every Rule“. Allein mit dieser Tour hatte sie 230 Auftritte in 25 Ländern – sie brach alle Rekorde. Im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro trat Tina Turner 1988 vor 182.000 Menschen auf – bis dato das publikumsstärkste Konzert einer Solokünstlerin überhaupt. Diese Leistung brachte Tina Turner einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde ein. Das während der Tournee aufgezeichnete Live-Album „Tina Turner Live In Europe“ kam weltweit unter die Top Ten. Es enthält Live-Duette mit Freunden und Mitstreitern wie Eric Clapton, David Bowie, Robert Cray und Bryan Adams. In Deutschland wurde das Album mit der Goldenen Schallplatte ausgezeichnet.

Ihren Abschied verkündete Tina Turner im Jahr 2000. Sie war 60, so stimmgewaltig, sexy und erfolgreich wie eh und je. Am 5. Dezember, einen Tag vor ihrem Konzert im Arrowhead Pond im kalifornischen Anaheim, sicherte ich mir eine Karte. Und so erlebte ich den letzten Auftritt ihrer ausverkauften Abschiedstour „Twenty Four Seven“. Das gleichnamige Album bekam in Deutschland drei Goldene Schallplatten, in Amerika, Kanada und Frankreich wurde es ebenfalls mit Gold ausgezeichnet.

 

2008, das letzte Comeback
Tina Turner lebte mehrere Jahre lang zurückgezogen, bevor sie bei den Grammy Awards im Februar 2008, 69-jährig, auf die Bühne trat. Beyoncé, mit der sie gemeinsam „Proud Mary“ sang, moderierte Tina als „die Queen“ an. Nach diesem Auftritt begannen ihre Fans zu hoffen, dass sie wieder Konzerte geben würde. Presseberichten zufolge überredete Sophia Loren Tina zu einer neuen Tournee. Die Konzertreihe „The 50th Anniversary Tour“ führte Tina 2008 durch die USA und Kanada, von Januar bis Mai 2009 durch Europa. Die meisten Konzerte waren ausverkauft, aber ich ergatterte eine Karte für die Show in Phoenix, Arizona. Tinas ungebrochene Energie und ihr großes Charisma beeindruckten mich tief.

Das anhaltende Interesse an Tina Turner bewegte mich dazu, ein neues Buch schreiben. „Tina Turner: Die Biografie“ erschien 2009 auf Deutsch. Mein Leben lang habe ich Tina Turners Talent bewundert und ihre Musik geliebt. Sie ist eine Diva, eine Legende, und in meinen Augen immer die Queen of Rock’n’Roll.

 

MARK BEGO FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Zum Weiterlesen

 

Der US-amerikanische Musikjournalist Mark Bego, geboren 1952, schrieb 54 Bücher über die Größen der Rock-, Soul-, Pop- und Country-Musik. Darunter sind die Biografien von Michael Jackson, Madonna, Elton John, Billy Joel, Aretha Franklin – und von Tina Turner, die er mehrfach persönlich traf und interviewte

(Mark Bego: „Tina Turner: Die Biografie“, Hannibal Verlag, 2009)

 

Tina Turner

 

Geboren 1939 als Anna Mae Bullock; wuchs in Nutbush, Tennessee auf. 1956 lernte sie den Soulmusiker Ike Turner kennen, der ihr den Namen Tina gab. Kein anderer Star wartete so lange auf seinen Durchbruch wie sie: 44-jährig feierte Turner ihren ersten eigenen Nummer-Eins-Hit. 1995 sang sie das James-Bond-Titellied „Goldeneye“. Sie gilt als der erste große Weltstar des Musikbusi-ness überhaupt – neben Michael Jackson

 

Zum Hören

 

„Tina Live!“ (EMI/Capitol Records, 2009), „Twenty For Seven“ (Virgin Records, 1999), „Wildest Dreams“ (Virgin Records, 1996), „Foreign Affair“ (EMI/Capitol Records,1989), „Tina Turner Live In Europe“ (EMI/Capitol Records, 1988), „Break Every Rule“ (Capitol Records, 1986), „Private Dancer“ (Capitol Records, 1984)

(Soloalben, Auswahl)

 

Kategorien: August 2011