NEUES AUS DEM ALL

NASA

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Alljährlich öffnen Anfang August die französischen Observatorien und Planetarien zur „Nacht der Sterne“ ihre Türen für Hobbyastronomen und interessierte Besucher – und das seit 20 Jahren. Hauptinitiator ist der kanadische Atom- und Astrophysiker Hubert Reeves. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit will er die Erkenntnisse der Astronomie dem großen Publikum zugänglich machen – geben die Sterne doch Auskunft über die wichtigsten Fragen der Menschheit. Woher kommen wir? Sind wir allein im Weltall? Was umgibt uns im Universum? Hubert Reeves liefert im Gespräch mit dem ARTE Magazin einen Zwischenbericht aus der aktuellen Forschung.

 

 

ARTE: Es heißt, jeder Astronom hätte seinen Lieblingsstern. Stimmt das?

HUBERT REEVES: Ja, meiner ist die Venus. Unmittelbar vor Einbruch der Nacht strahlt sie wie ein Leuchtfeuer.

ARTE: Wie weit ist die Venus von der Erde entfernt?

HUBERT REEVES: Je nach Umlaufbahn zwischen 100 und 300 Millionen Kilometer, also nur wenige Lichtminuten, denn das Licht legt 300.000 Kilometer pro Sekunde zurück. Bis zur Sonne sind es acht Lichtminuten. Im Kosmos betrachtet ist das gleich nebenan.

ARTE: Ein Stern ist rot, gelb, blau. Was heißt das?

HUBERT REEVES: In welcher Farbe ein Stern strahlt, hängt von seiner Temperatur ab. Beträgt sie 3.000 Grad Celsius, dann ist der Stern rot, bei 6.000 Grad Celsius ist er gelb wie die Sonne, bei 25.000 Grad Celsius leuchtet er blau. Das Lichtspektrum eines Sterns gibt uns auch genaue Auskunft über die atomare Zusammensetzung seiner Oberfläche.

ARTE: Was gibt es 2011 Neues von den Sternen zu berichten?

HUBERT REEVES: In diesem Jahr bekommen wir reichlich Informationen über die extrasolaren Planeten, das heißt Planeten, die um einen Stern kreisen, der nicht unsere Sonne ist. 1995 konnte ihre Existenz erstmals bewiesen werden. Seitdem haben wir über 500 sogenannte Exoplaneten entdeckt. Jetzt beginnt man ihre Atmosphäre zu untersuchen. CO2 und Wasser konnten bisher nachgewiesen werden, aber noch kein Sauerstoff. Das wäre ein starker Hinweis für Leben auf den Exoplaneten. Es läuft immer auf die große Frage hinaus: Sind wir die einzigen Lebewesen im Universum? Diese Frage wird seit der Antike gestellt.

ARTE: Sind Astronomen gleichzeitig auch Historiker und Philosophen?

HUBERT REEVES: Selbstverständlich. Eine der großen Entdeckungen der modernen Naturwissenschaft ist, dass das Universum eine Geschichte hat. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts dachte man wie Aristoteles, das Universum existiere seit jeher. In den 1920er Jahren konnte Edwin Hubble aber mit großen Teleskopen eine Ausdehnung des Universums beobachten. Hier findet also Geschichte statt! Die Sterne entstehen, leben und sterben. Sie bestehen aus denselben Atomen wie unser Körper. Die Bausteine unseres Körpers kommen von den Sternen. Das ist faszinierend. Man wird sich bewusst, dass wir nur einen kurzen Moment einer sehr, sehr langen Geschichte erleben.

ARTE: Offenbar erlaubt die Beobachtung entfernter Sterne einen Blick in die Vergangenheit. Wie?

HUBERT REEVES: Wenn Sie ein Gewitter auf der Sonne betrachten, dann sehen Sie etwas, das vor acht Minuten stattgefunden hat. Das ist die Zeit, die das Bild braucht, um bei uns anzukommen. Um etwas über den Zustand des Universums zum Zeitpunkt der Entstehung der Erde zu erfahren, braucht man entsprechend nur einen Stern in einer Entfernung von vier Milliarden Lichtjahren zu beobachten – was dem Erdalter entspricht. Für die am weitesten entfernten Galaxien gilt, dass die Lichtteilchen zehn Milliarden Jahre geradeaus gereist sind. Eines Tages sind sie dann hier angekommen, und wir haben sie fotografiert. Was mich in meiner Laufbahn wohl am meisten geprägt hat, ist die Entdeckung der fossilen Strahlung. Sie bestätigte die Theorie vom Big Bang, dem Urknall. Denn vorher gab es nicht wirklich einen Beweis für die Historizität des Universums. Das hat unser ganzes Denken beeinflusst.

ARTE: Was zeigen Raumteleskope wie Hubble? Was bringen Experimente der Weltraumforschung auf der Erde?

HUBERT REEVES: Teleskope dienen dazu, die Geschichte des Universums zu rekonstruieren. Sie entschlüsseln, wie die ersten Sterne entstanden sind, welche Rolle die Schwarzen Löcher spielen. Experimente auf der Erde wie im Teilchenbeschleuniger des CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf, simulieren und reproduzieren Reaktionen, die stattfanden, als das Universum noch sehr jung war – also eine Mikrosekunde alt!

ARTE: Was ist für uns noch unbekannt im unbegrenzten Kosmos?

HUBERT REEVES: Zunächst einmal: Es steht noch nicht endgültig fest, ob das Universum grenzenlos ist. Es ist ungeheuerlich groß, mindestens 40 Milliarden Lichtjahre. Heute gibt es einige Wenige, die an seine Unendlichkeit glauben.

ARTE: Was genau bleibt denn noch zu entdecken?

HUBERT REEVES: Interessant sind die unerwarteten Entdeckungen. Ein Bild von Hubble ist wie das Öffnen eines neuen Fensters. Plötzlich sieht man Dinge, von denen man nicht das Geringste ahnte. Die Schwarzen Löcher zum Beispiel: Nicht einmal einem Science-Fiction-Autor wäre so etwas Verrücktes eingefallen. Aber es gibt sie wirklich. Dasselbe gilt für die dunkle Materie im Universum. Sie macht 95 Prozent der Materie des Universums aus. Sterne, der Nebel, all das, was auf einem Himmelsfoto sichtbar ist, machen gerademal fünf Prozent aus. Viel wissen wir nicht über diese dunkle Materie, außer, woraus sie nicht besteht. Sie besteht weder aus Protonen, noch aus Neutronen, Elektronen oder Atomen. Es bleibt also noch viel zu entdecken.

ARTE: Was verbindet Naturwissenschaft und Spiritualität?

HUBERT REEVES: Galilei sagte den Dominikanern, die auf keinen Fall die Sonne zum Zentrum des Sonnensystems machen wollten: „Ihr sagt uns, wie man in den Himmel kommt – das ist die Domäne der Religion; und wir sagen euch, wie der Himmel funktioniert – das ist die Domäne der Wissenschaft.“ Die Wissenschaften erklären, wie etwas funktioniert. Die Interpretation, die Suche nach dem Sinn, das ist die Domäne der Philosophie. Die Naturwissenschaft kann sagen, wie man Atombomben herstellt, aber nicht, ob das eine gute oder schlechte Idee ist. Beide Dinge zu unterscheiden, ist sehr wichtig für das Leben.

ARTE: Waren die Sterne vor 20 Jahren besser zu sehen als heute?

HUBERT REEVES: Ja, die Städte werden viel zu sehr beleuchtet. Durch diese Lichtverschmutzung sind selbst von manchen Sternwarten aus die schwach leuchtenden Sterne nicht mehr sichtbar. Allerdings hat vor drei Jahren ein echter Bewusstwerdungsprozess eingesetzt. In Frankreich etwa werden die Autobahnen nachts nicht mehr beleuchtet – ohne dass es deshalb zu mehr Unfällen käme. Im Allgemeinen ist man sich darüber einig, dass die Beleuchtung reduziert werden muss. Und allmählich sieht man auch wieder schwach leuchtende Sterne.

PIERRE-OLIVIER FRANÇOIS FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Die Nacht der Sterne

 

Alljährlich blickt Frankreich Anfang August in der „Nuit des étoiles“ zu den Sternen. 1991 von sechs Astronomen ins Leben gerufen, organisieren die nationalen Einrichtungen für Astronomie- und Planetenforschung AFA und ANSTJ landesweit zahlreiche kostenlose Vorführungen in 600 Planetarien und Observatorien mit bis zu 200.000 Besuchern jährlich. 2011 widmen sich die Sternwarten – in den Nächten vom 5. bis 7. August – der Farbe der Sterne und ihrer Aussagekraft. Jedes Jahr tragen Kooperationen mit Ländern aus Europa und Afrika die Idee der „Nacht der Sterne“ über die Landesgrenzen Frankreichs hinaus. 2011 schließen sich die Sternwarten Belgiens
und Tunesiens an

 

Kategorien: August 2011