MISS MARPLE AUS BOTSWANA

HBO

HBO

Sie wartet im Dunkeln, das Gewehr im Anschlag. Dann regt sich etwas, sie zielt, feuert, trifft. Ein Schuss, und die Frau hat ein ausgewachsenes Krokodil erlegt. Auch wenn es sie Überwindung kostet, auf ein Tier zu schießen: Der Kadaver wird sie zur Lösung eines Falles führen, in dem es um die Frage nach dem Leben oder Tod eines Menschen geht.

Precious Ramotswe, gespielt von Jill Scott, ist die Hauptfigur der siebenteiligen Fernsehserie „Eine Detektivin für Botswana“, die ab dem 4. August bei ARTE zu sehen ist. Der Serientitel ist Programm, denn hier, im Herzen Afrikas, ermittelt eine Lady: die zupackende wie zartfühlende Inhaberin von „The No. 1 Ladies’ Detective Agency“, dem ersten und einzigen weiblichen Detektivbüro von Botswana. Markenzeichen der Ermittlerin: Leibesfülle, traditionell gemusterte Kleider und Stirntücher, Scharfsinn, ein großes Herz, ein breites Lächeln, eine Leidenschaft für Kuchen, Rooibostee und für die Musik ihres Ex-Mannes, eines begnadeten Jazz-Trompeters. Ihre Geheimwaffe: weibliche Intuition. Ihr innerer Kompass: ihre afrikanische Seele.

 

 

Ein Kind Afrikas
Das Schießen hat Precious Ramotswe von ihrem Vater gelernt. Er ist der Ansicht, ein Mädchen solle alles können, was auch ein Junge kann. „Von ihm lernte ich, meine Augen zu benutzen. Und meine Ohren. Und mein Gedächtnis. Er lehrte mich Geduld. Doch das Wichtigste, was er mich lehrte, war die Liebe zu Botswana.“ Precious wächst mit den Traditionen ihres Landes auf. Gemeinsam mit dem Vater beobachtet sie Giraffen und Nashörner, ertastet die Samen des Baobabbaums mit geschlossenen Augen. Vom Vater erbt sie auch den weißen Pick-up und 180 Kühe, ihren ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und ihre Freude am Lösen mysteriöser Fälle. Als er stirbt, ist Precious Mitte Dreißig, hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und den Entschluss gefasst, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Sie verkauft ihre 180 Rinder und zieht in die Hauptstadt Gaborone, um Detektivin zu werden. Sie möchte helfen: „In jeder Bar, auf jedem Markt und hinter jedem Fenster gibt es Menschen, die Rätsel in ihrem Leben lösen möchten. Rätsel, die sie nicht selber lösen können. Und dafür ist ein Detektiv da.“ Dass der bessere Detektiv weiblich ist, liegt für Precious auf der Hand: „Wir Frauen beobachten oft Sachen, die Männer überhaupt nicht sehen.“ Eine Detektivin in Botswana – das ist unkonventionell, und doch findet sie schnell ein Büro, Klienten und Mitstreiter.

 

Ein neues Krimi-Universum
Da ist der Automechaniker JLB Matekoni, gespielt von Lucian Msamati. Jederzeit macht er Ramotswes altersschwachen Wagen wieder flott, denn er ist sehr in sie verliebt. Da ist ihre Sekretärin, die überspannte, übereifrige Grace (Anika Noni Rose), die eines Tages über die Schwelle stolpert – auf Arbeitssuche und auf Pumps im Trippelschritt, mit strenger Miene und Pudelfrisur. Sie kommt frisch von der Botswaner Sekretärinnenschule, die sie mit, wie sie betont, „97 Prozent“ abschloss. Grace hat, das erfährt man im Verlauf der Serie, einen todkranken Bruder, für den sie sorgt – im Verborgenen, denn er leidet an der unaussprechlichen Krankheit, die in Botswana umgeht wie ein Gespenst: Aids.

Eine weitere „Unaussprechlichkeit“ hat die verschämte Grace täglich vor Augen: den unbekümmert homosexuellen BK (Desmond Dube), Inhaber des benachbarten Friseursalons. Beim Gehen dreht er die Hüften, und er würde nur allzu gern die spröde Sekretärin von ihrer Pudelfrisur befreien. Es ist urkomisch, wenn die beiden gemeinsam losziehen, um eine Observierung durchzuführen.

Da ist auch der Junge Wellington (Mosako Mogara), der kein Zuhause hat und immer wieder nach kleinen Jobs fragt. Und da ist Cephas Buthelezi (Paterson Joseph), der Konkurrent mit den Macho-Allüren. Mit allen Mitteln versucht er, den Ladys die Kundschaft abzujagen. Sein erster Auftritt ist eine geschliffene Parodie auf den TV-Privatdetektiv Shaft. Cephas verkörpert den amerikanischen Lebensentwurf, als Gegenfigur zur Afrikanerin Precious Ramotswe. Und die Fälle? Sie bündeln die Sorgen vieler Menschen in Botswana, reichen von Kindesentführung bis hin zu Elfenbeinschmuggel. Precious Ramotswe ermittelt mit tiefem Respekt vor Land und Menschen – und öffnet dem nicht-afrikanischen Zuschauer Türen zu einer so noch nie gesehenen Serienwelt.

Diese Welt kommt ohne wilde Schusswechsel, Verfolgungsjagden und klassischen Suspense aus. Ihr Erzähltempo ist gedrosselt, das Setdesign knallig, Musik und Bilder atmen den Staub und die Schönheit des Landes. Die Serie besticht mit Wärme, Witz, ihren Figuren – und mit Dialogen, in die Fetzen von Setswana eingewoben sind, der zweiten Landessprache neben Englisch. Ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht, war „Eine Detektivin für Botswana“ die erste große Film- und Fernsehproduktion des Landes. Sie entstand 2008 nach den Romanen des in Simbabwe geborenen Autors Alexander McCall Smith und war für drei Emmy Awards nominiert. Kreiert wurde sie von Anthony Minghella, dem Regisseur des oscargekrönten Films „Der englische Patient“, und Drehbuchautor Richard Curtis in Zusammenarbeit mit BBC und HBO, der US-amerikanischen Schmiede für hochwertige Fernsehserien. Minghella, der bei der ersten Folge Regie führte, verstarb 2008 – es war seine letzte Regiearbeit. Zwei Jahre lang hatte er nach einer Besetzung für die Hauptrolle gesucht, bis er auf die amerikanische R’n’B-Sängerin und dreifache Grammy-Gewinnerin Jill Scott stieß. Ihn überzeugten ihr Lächeln und ihre Bescheidenheit. Sie sagte, er habe ihr mit dieser Rolle „Afrika gegeben“. Und genau das macht die Serie mit uns, denn ihr Held ist Botswana.

 

KATJA ERNST FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Die Republik Botswana

 

Mit rund 580.000 km2 Gesamtfläche ist Botswana etwa so groß wie Frankreich und Belgien zusammen. Das Land, das an Südafrika, Namibia, Sambia und Simbabwe grenzt, gilt als afrikanisches Musterland: Eine stabile Demokratie und rasantes Wirtschaftswachstum zeichnen es aus. Botswana ist der größte Schmuckdiamantenproduzent der Welt. Die größte Herausforderung ist Aids: In kaum einem anderen Land der Welt sind mehr Menschen mit dem HIV-Virus infiziert

 

Kategorien: August 2011