IM HIMMEL DES PUNK

Amber Gray

Amber Gray

Nina Hagen hatte schon immer ihren eigenen Kopf – im Ost-Berlin der 1970er Jahre eine denkbar schlechte Eigenschaft. So hat die unbequeme Künstlerin 1976 das Land verlassen, um ihre Karriere fortsetzen zu können. In Londons Punkszene fand sie ein zweites Zuhause. Zurück in West-Berlin, gründete sie die berühmte Nina Hagen Band und arbeitete später mit Künstlern wie der Gruppe BAP und Thomas D zusammen. 2010 brachte sie das Album „Personal Jesus“ heraus und überraschte mit hervorragendem Gospel. Doch Nina Hagen ist vor allem eines: eine Punkerin.

 

 

 

ARTE: Frau Hagen, können Sie sich erinnern, wann Sie zum ersten Mal von Punk gehört haben?

NINA HAGEN: Das war 1976. Ich war kurz nach meiner Ausreise aus der DDR nach London gegangen und habe im Abschlussfilm einer Freundin mitgespielt. Sie hat mir von all diesen Bands erzählt, wie sie sich stylen und wie sie drauf sind. Und sie hat mich zu Konzerten mitgenommen – da habe ich die alle kennengelernt: Billy Idol, The Clash, die Sex Pistols, Adam Ant, Siouxsie and the Banshees.

ARTE: Besonders eng war Ihre Verbindung zu der legendären Frauen-Punkband The Slits.

NINA HAGEN: Ja, Ariane, die Frontfrau von den Slits, wurde schnell eine gute Freundin von mir. Durch sie wurde ich Teil von Bands, die es nur für drei Tage gab und die heute in keinem Geschichtsbuch mehr stehen. Das war damals ganz normal.

ARTE: Warum war die Zeit reif für Punk?

NINA HAGEN: Wahrscheinlich, weil wir uns schon vor unserer Geburt im punkigen Himmel abgesprochen hatten.

ARTE: Sie hatten in der DDR bereits Platten aufgenommen. Haben Ihnen diese Erfahrungen in der Londoner Musikszene etwas genützt?

NINA HAGEN: Wenn ich zusammen mit den Slits gejammt habe, habe ich ihnen gezeigt, was ich wusste, aber auch von ihnen gelernt. Später, für meine ersten Auftritte in West-Berlin mit der Nina Hagen Band, habe ich sie öfter als Vorband eingeladen.

ARTE: War Ihre DDR-Vergangenheit in der Londoner Punkszene bekannt?

NINA HAGEN: Ja, die Briten fanden es spannend, dass ich aus dem Kommunismus kam. Einmal habe ich Johnny Rotten von den Sex Pistols getroffen – ein Exzentriker und Angebertyp. Er saß in einem Hotelzimmer auf dem Fußboden, hat mit den Fingern in seinem Mund rumgewühlt und Spuckefäden gezogen – wahrscheinlich eine Selbstbefreiungsaktion. Er hat mich nach meiner Vergangenheit gefragt, und ich habe ihm von der DDR erzählt. Er schien es interessant zu finden.

ARTE: Während Sie in Deutschland schon erfolgreich waren, haben Sie in London teilweise immer noch in besetzten Häusern gewohnt …

NINA HAGEN: Ich bin Zeit meines Lebens auf der Straße gewesen. Eigentum hat mich nie interessiert. Jetzt denke ich zum ersten Mal darüber nach, mir ein Haus zu kaufen: einen Bauernhof, wo ich wohnen und ein Ferienlager für Kinder aufmachen kann. Ich bin nämlich Schirmherrin einer Berliner Schule. In den DDR-Ferienlagern, in denen ich als Kind immer war, wurde mein Punkgeist geweckt.
ARTE: Tatsächlich? Wie das?

NINA HAGEN: Was wir da alles gemacht haben, die ganzen Aktivitäten … Warum sollen Kinder keine Punks sein? Schließlich gab es schon bei Pippi Langstrumpf Punk: Sie hat Spunk dazu gesagt. ARTE: Was bedeutet Punk denn für Sie?

NINA HAGEN: Punk ist eine Freiheitsbewegung, die viele positive Kräfte freigesetzt hat, die aber leider auch vom Bösen unterwandert wurde, in Form von Gewalt und Drogen. Der zerstörerische Geist, der uns etwa am 1. Mai in Kreuzberg als Punk über den Weg läuft, hat mit der gewaltlosen Einstellung der Originalpunks gar nichts zu tun. Außerdem hat die Kommerzialisierung dem Punk sehr geschadet. Viele Musiker haben den Punk verraten und damit viel Geld verdient, das sie dann in Form von Drogen die Nase hochgezogen haben. Aber der Geist von damals besteht noch, und echte Punkbands gibt es zum Glück auch immer noch.

ARTE: Etliche wichtige Musiker sind aber auf der Strecke geblieben.

NINA HAGEN: Ja, leider haben viele den Absprung nicht geschafft und sind durch Drogen gestorben. Ein wichtiges Erlebnis hatte ich 1979 in Amsterdam in einem von Punks besetzten Haus. Da ist ein Erleuchteter nach einer durchgebeteten Nacht durchs Haus gelaufen, hat alle Drogen eingesammelt und dem Junk den Kampf angesagt. Das war für mich echt Punk, diese Aktion!

ARTE: Inzwischen sind Sie selbst erleuchtet und singen am liebsten von Jesus?

NINA HAGEN: Ich habe begriffen, dass Jesus nicht nur der König der Juden war, sondern auch der König der Punks. Denn er hat viele Punks, auch mich, von unserem zerstörerischen Lebensweg weggeholt und zum göttlichen Geist geführt.

 

JOHANNS WAECHTER FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

Nina Hagen

 

Nina Hagen, geboren 1955 in Berlin-Friedrichshain, ist die Tochter der Schauspielerin Eva-Maria Hagen und des Drehbuchautors Hans Hagen. Ab 1965 war Eva-Maria Hagen mit dem Liedermacher Wolf Biermann liiert, der Nina das Gitarrespielen beibrachte

 

Zum Hören

 

„Personal Jesus“ (2010), „Irgendwo auf der Welt“ (2006), „Nina Hagen Big Band Explosion“ (2003), „Beehappy“ (1996), „Street“ (1991), „Fearless“ (1984), „Nunsexmonkrock“ (1982), „Unbehagen“ (1979), „Nina Hagen Band“ (1978) (Auswahl)

 

Kategorien: August 2011