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FEUER OHNE GRENZEN

Sommer für Sommer brechen verheerende Waldbrände aus. Ob Griechenland 2009 oder Russland 2010 – Europa wird regelmäßig vom Feuer heimgesucht. Sind solche Brände Boten des Klimawandels oder gängiges Naturereignis? Dies, und was die offensichtlichen Katastrophen mit Friedenssicherung zu tun haben, erklärt Professor Johann G. Goldammer im Interview mit dem ARTE Magazin.

ARTE: Herr Professor Goldammer, sind Waldbrände die Geißel der Zukunft?

JOHANN G. GOLDAMMER: Wir nehmen zwar vermehrt intensive und schwer kontrollierbare Feuer wahr, aber Waldbrände sind nichts Neues. Sie waren immer Bestandteil der globalen Umwelt. Neu ist einzig die zivilisatorische Katastrophenanfälligkeit. Diese zeigt sich, wenn Feuer beispielsweise auf Kultur- und Industriegüter wie Munitionslager oder radioaktiv verseuchtes Gebiet treffen.

ARTE: Ist der Mensch selbst das größte Risiko?

JOHANN G. GOLDAMMER: Ja. Die Gründe für Waldbrände in Europa etwa sind zu 98 Prozent auf menschliche Nachlässigkeit zurückzuführen. Global betrachtet gibt es ein weiteres Problem: die Besiedelung von Gegenden, in denen Feuer seit jeher brennen, wie in Nordamerika. 2011 wurde die Stadt Slave Lake in Kanada durch einen Waldbrand nahezu komplett zerstört. Warum? Auf Satellitenfotos sehen wir, dass sich dem Feuer etwas in den Weg gestellt hat: die Stadt. Sie war völlig eingebettet in einer natürlichen Feuerumwelt. Der Mensch ist es, der in den Lebensraum des Feuers eindringt. Wir haben eine Tendenz, die den Menschen in die Natur treibt – in eine Natur allerdings, in der das Feuer wohnt und zyklisch zurückkehrt.

ARTE: Raus ins Grüne – eine falsche Romantik?

JOHANN G. GOLDAMMER: Es gibt die Sehnsucht: raus aus der betonierten Stadt, hin zu den schattenspendenden Bäumen. Diese Bäume allerdings brennen und tragen das Feuer ins Haus. Mit diesem Widerspruch leben nun schon Millionen von Menschen.

ARTE: Wäre es also besser, sich aus der Natur zurückzuziehen?

JOHANN G. GOLDAMMER: Nein, denn genau das ist eine weitere Ursache von Waldbränden: Landflucht! Besonders auf dem Balkan oder im Kaukasus überaltern Dörfer, und die Jungen ziehen fort, wodurch Felder nicht mehr bestellt werden und verwildern – und so zum hochentzündlichen Brennmaterial für großflächige Wildfeuer werden.

ARTE: Lassen sich Waldbrände nicht mit Wasserbombern und schwerem Geschütz bekämpfen?

JOHANN G. GOLDAMMER: Der Einsatz von Lösch-Armadas ist sicherlich gerechtfertigt in einer Stadt, die vom Feuer bedroht ist. Aber schauen wir auf den Rest der Welt – und das ist der größere Teil der Erde. In der Regel mangelt es dort an Geld, Hightech und Wasser, und die Menschen müssen mit traditionellen Verfahren arbeiten. Bei einem Brand in Nepal etwa reicht es aus, ein sogenanntes Gegenfeuer zu legen. Und dieses einfache Know-how müssen wir den Menschen beibringen, wenn sie es nicht selbst noch aus der eigenen Tradition kennen.

ARTE: Brandstiftung als Feuerprävention? Ist das kein Widerspruch?

JOHANN G. GOLDAMMER: Brandstiftung wäre hier der falsche Begriff. Wir schicken ein kontrolliertes Feuer durch den Wald – mit dem positiven Effekt, dass es hochentzündliches Unterholz und Gräser vernichtet und dem Feuer somit die potenzielle Nahrung entzieht. Man legt ein Gegenwindfeuer, das langsam gegen den Brandherd marschiert. Zudem wird mit einer einfachen Harke ein Schutzstreifen gezogen, der verhindert, dass das Gegenfeuer mit dem Wind geht. Je weiter das Gegenfeuer nun gegen den Wind marschiert, desto größer wird die Pufferzone, und das Feuer löscht sich von selbst.

ARTE: Feuer verursachen rund ein Fünftel der Treibhausgase, die wiederum die Erderwärmung antreiben, wodurch abermals neue Brände entstehen. Wie entgeht man diesem Teufelskreis?

JOHANN G. GOLDAMMER: Man muss dort ansetzen, wo Feuer destruktiv sind, also Waldbrände verhindern, die dazu führen, dass ein kohlenstoffreicher Wald nach einem Brand verkümmert und nicht wieder aufgeforstet wird. Maßnahmen dazu gibt es im Rahmen eines UN-Programms, das jegliche Umwandlung von Wald in kohlenstoffärmere Vegetation oder Landnutzungstypen unterbinden soll.

ARTE: Feuer macht nicht vor Landesgrenzen halt. Haben Waldbrände eine globale, politische Tragweite?

JOHANN G. GOLDAMMER: Unser Institut sammelt Satellitenbilder, die von höchster politischer Brisanz sind, wie sich bei den Waldbränden in Moskau 2010 gezeigt hat. Zunächst wurden der Öffentlichkeit alle Informationen verschwiegen. Doch unsere Bilder waren stärker als die offizielle Geheimnistuerei. Durch sie wurde eine Transparenz geschaffen.

ARTE: Ihr Institut wird von der UNO oft in politische Krisenregionen entsandt. Können Sie einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten?

JOHANN G. GOLDAMMER: Das ist Sinn der Sache. In vielen Konflikten spielt Feuer eine entscheidende Rolle, wie derzeit im Krieg um Bergkarabach zwischen Aserbaidschan und Armenien. Wir versuchen, Feuermanagement als vertrauensbildende Maßnahme zwischen den verfeindeten Nationen einzusetzen. Und hier setzt der Gedanke der Friedenssicherung an. Interessant war auch das Feuer am Mount Carmel in Israel im Jahr 2010, das außer Kontrolle geriet. Da passierte etwas Unglaubliches: Palästinenser schickten Löschfahrzeuge. Das hat vielen die Augen geöffnet. Das übergeordnete, gemeinsame Interesse an der Umweltsicherung und der Bewahrung der Schöpfung – das bringt Menschen zusammen. Feuer ist nicht nur Fluch, sondern auch ein Segen.

JULIAN WINDISCH FÜR DAS MAGAZIN

ARTE PLUS

GLOBAL FIRE MONITORING CENTER (GFMC) FREIBURG

1997 gründete Prof. Johann G. Goldammer auf Initiative der Vereinten Nationen das Global Fire Monitoring Center (GFMC) in Freiburg. Das Institut gehört zum UN-Programm für Katastrophenvorsorge. Täglich erstellt es Lageanalysen von Großbränden weltweit, die auf seiner Internetseite abrufbar sind. Hauptaufgabe des GFMC ist es, Ländern Wissen über den Umgang mit Waldbränden zu vermitteln. Vor allem in Entwicklungsländern
engagiert sich das GFMC in der Feuerprävention. Einen Schwerpunkt der Arbeit bilden Länder, die mit Altlasten aus Kriegen verseucht sind

Kategorien: August 2011