BEIKIRCHERS BAYREUTH

Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Das hat es in der Fernseh-Opern-Geschichte noch nie gegeben: Am 14. August dieses Jahres können ARTE-Anhänger live die Oper „Lohengrin“ aus dem Bayreuther Festspielhaus am Bildschirm mitverfolgen. Live! Als wäre man dabei, nur noch schöner, weil man auf den besseren Plätzen sitzt: weich, zu Hause, bequem. Doch ob es wirklich schön ist, wenn man das „nur“ am Bildschirm verfolgt, wird sich zeigen. Warum? Weil sich da beweisen muss, ob der Mythos nur in Bayreuth funktioniert oder überall. Der Mythos, der ja schon damit beginnt, dass es erst im Jahr 2011 möglich ist, eine Aufführung aus dem Tempel auf dem Hügel im Fernsehen zu sehen. Als wäre TV eben erst erfunden worden.

 

 

 

Das Erbe des Leipziger Operngenies. Worin besteht der Mythos Bayreuth? Er besteht darin, dass alle Welt glaubt, dass Opern von Richard Wagner nur in Bayreuth wirklich erlebt werden könnten. Dort sängen die weltweit besten Sängerinnen und Sänger Wagner so, wie sonst nirgends – weil eben das gesamte Umfeld stimme. Dort würde von Generation zu Generation das Erbe des Leipziger Operngenies weitergetragen, hinter verschlossenen Türen, damit da nichts von Fremden verwässert werden könne. Dort und nur dort also könne man Wagner in authentischen Aufführungen sehen, träfen sich die Menschen, denen diese Musik und diese Opern ans Herz gewachsen sind. Dort und nur dort könne man sozusagen Richard Wagner persönlich begegnen – in seinen Nachfahren, die eh alle aussehen wie er. Und weil immer noch der Deckel über dem Orchestergraben existiert, den Wagner draufgesetzt hat, weil er das im Konservatorium von Paris gesehen und für modern gehalten hat, gilt auch der Klang von Bayreuth als der einzig legitime Wagner-Klang. Nur so könne man die Sänger hören und das Orchester könne so laut spielen, wie es der Klang erfordert: Ist ja der Deckel drauf! Einer der Gründe für den Mythos rund um Bayreuth ist bestimmt, dass kein Komponisten-Clan so virtuos und effektiv an den eigenen Legenden gestrickt hat wie der wagnersche.

 

Operngenuss fernab der Großstadt. Richard Wagner diktiert seiner Gattin Cosima in seinen Memoiren in die Feder, dass er mit 22 Jahren „in das vom Abendsonnenschein lieblich beleuchtete Bayreuth“ gekommen sei und da schon den Gedanken an ein Festspielhaus gehabt habe. Sie, Cosima, liefert eine hübsche Legende nach: Ludwig II. hatte in München gegen den Willen Wagners 1869 die Oper „Rheingold“ aufführen lassen. Der Meister war darüber so erbost, dass er beschloss, seine Opern nicht mehr in München spielen zu lassen. Aber wo sonst?

 

Seine Frau Cosima erzählt, dass sie und ihr Richard nach Bekanntwerden dieser Nachricht im März 1870 im Lexikon das Stichwort „Baireuth“ aufschlugen: „Diesen Ort hatte R. genannt als den, den er wählen wollte“, und damit waren die Dinge perfekt. Der Stadtrat witterte Morgenluft, ein Grundstück war bald gefunden und ein Haus nach den Vorstellungen Wagners – natürlich! – alsbald gebaut. Geld musste beschafft werden, gebaut musste werden, und zwar nicht nur das Festspielhaus, sondern auch gleich die Villa Wahnfried. Wagner schrieb Bettelbriefe, dirigierte, reiste, beschaffte immer wieder Geld – und komponierte nebenbei die „Götterdämmerung“ weiter.

 

Doch warum Bayreuth? Das ist der eigentliche Kern des Mythos: Wagner, der geniale Giftzwerg und Bilanzenfriseur, wollte, dass seine Opern fernab vom Treiben der Großstadt gespielt werden, er wollte nichts als Wagner.
Der Geruch des Authenthischen. Oper, in der man gestern Verdi sang, heute Wagner spielt und morgen vielleicht gar Meyerbeer auffahren würde und wo ein gehetztes Publikum nicht die Muße hat, sich einem Werk wirklich widmen zu können, war Wagner ein Greuel. Wagner und nichts als Wagner – genau das bekommen seine Fans Jahr für Jahr auf dem Hügel in Bayreuth. Und damit das alles so bleibt und exklusiv scheint, gab es auch nie einen Film davon oder Fernsehübertragungen, und schon gar nicht live.

Vor Ort nehmen die Fans alles in Kauf, um unter sich bleiben zu können: harte, unbequeme Sitze, unerträgliche Catering-Zelte, in denen es nach Weißwürsten und Kaviar riecht, je nachdem, was man sich leisten kann in der Pause, und eine zehnjährige Wartezeit auf Karten. Warum? Weil erstmal die „Jünger“ ausgezeichnet wurden und werden, die sich ihrerseits die Karten erst verdienen müssen, es sei denn, sie gehören zur Prominenz wie etwa Thomas Gottschalk, Angela Merkel (die allerdings immer schon Wagner-Fan war) oder Guido Westerwelle. Die Wagners haben ein treffliches Händchen dafür bewiesen, den Hügel zusammenzuhalten und exklusiv erscheinen zu lassen. Beifall!

Bayreuth ist so etwas wie ein Wave-Gothic-Treffen à la Wagner: In der Harmonie einer abgeschiedenen schönen Landschaft treffen sich schön gekleidete Menschen, die am Werk Wagners Freude haben. Was natürlich in einer Landschaft wie dieser ausgezeichnet funktioniert. Was kann einen in dieser Idylle schon ablenken?

Der Mythos funktioniert vor allem deshalb, weil Wagner wirklich großartige Musik geschrieben und obendrein Werke geschaffen hat, die man als mehrheitsfähig bezeichnen könnte, ohne dass es jemals Massenware wäre (ich bin ja auch ein Liebhaber der Musik Wagners!). Der Mythos funktioniert, weil die Aufführungen in Bayreuth natürlich auch höchsten Ansprüchen gerecht werden (zumindest immer wieder). Er funktioniert auch, weil Bayreuth den Geruch des Authentischen hat, dass man sich ihm kaum verweigern kann. Wenn man dabei ist auf dem Grünen Hügel. Ob es auch funktioniert, wenn ich gemütlich zu Hause sitze und „Lohengrin“ gucke? Ob der Geist Bayreuths rüberspringt? Ich bin gespannt.

 

KONRAD BEIKIRCHER FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Kartenkontingent

 

Eintrittskarten für die Bayreuther Festspiele kann man nur schriftlich bis Mitte Oktober des Vorjahres bestellen. Einmal auf der Warteliste, muss die Bestellung jedes Jahr erneut abgeschickt werden, sonst verfällt die Wartezeit

 

Programm Bayreuther Festspiele

 

Wagners Sohn Siegfried legte 1929 testamentarisch fest, dass nur die Hauptwerke seines Vaters in Bayreuth gespielt werden dürfen: „Tannhäuser“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Lohengrin“, „Parsifal“, „Tristan und Isolde“, „Der fliegende Holländer“ und der vierteilige Zyklus „Der Ring des Nibelungen“

Kategorien: August 2011