aurore.schaller@arte.tv

VIER GEWINNT

NDR/Ralf Pleger

NDR/Ralf Pleger

Vier smarte Ladys in Cocktailkleidern und Stilettos, die Kammermusik als mitreißende Show aufführen, die das Publikum dazu bringen, bei Mendelssohn oder Mussorgski zu toben wie bei einem Rockkonzert: Das sind die Musikerinnen von Salut Salon. Heute begegne ich ihnen zum ersten Mal, den Geigerinnen Angelika Bachmann und Iris Siegfried, der Cellistin Sonja Lena Schmid und der Pianistin Anne-Monika von Twardowski. Unser Treffen findet in einer Hamburger Kneipe statt, einem typischen Italiener um die Ecke. Die vier sind bester Laune. Es wird gelacht, bestellt, gelacht, getrunken. Die Heiterkeit steckt an, so dass ich meine Frage nach dem Konzept von Salut Salon kaum noch ernsthaft hervorbringen kann. „Also, wir machen Salonmusik“, sagt Iris Siegfried, um sich im selben Moment entsetzt zu korrigieren: „Machen wir überhaupt nicht! Noch nie haben wir Salonmusik gemacht!“

 

Ein kollektiver Lachanfall unterhält das ganze Lokal. „Es geht uns vor allem um den Gedanken des Salons“, stellt Iris klar, „wo alles vorgetragen werden kann – im Sinne des gesellschaftlichen Musizierens. Wir erweitern diese Mischung, machen klassische Kammermusik und mixen sie mit Gesang, Folklore, Filmmusik und Pop.“ „Und dazu kommt ein bisschen Quatsch und absurder Humor“, sagt Sonja, die in einer skurrilen Nummer der Show mit ihrem Cello einen Wecker imitiert – inklusive Snooze-Funktion. „Wir wollen durch unterschiedliche Musikstile und Showelemente das Publikum überraschen.“ Anne-Monika ergänzt: „Das Schöne dabei ist, dass wir keine bestimmte Zielgruppe haben, sondern alle ansprechen.“

 

 

Musik mit Quoten-Mann
Ja tatsächlich, Kammermusik als Spektakel. Salut Salon hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Grenzen des Genres zu durchbrechen und zu erweitern. In ihren Bühnenshows kombinieren die Hamburgerinnen klassische Virtuosität mit Elementen des Varietés. Da wirbeln schon mal Instrumente durch die Luft, werden Trommelfeuer mit steppenden High Heels entfacht, Geigenbögen wie Schwerter gekreuzt und musikalische Steigerungen mühelos mit akrobatischen Einlagen garniert. Dabei ist alles verblüffend durchdacht, geistreich arrangiert und zeugt bei allem Temperament von höchstem musikalischem Können.

Und die ausschließlich weibliche Besetzung, gehört sie zum Konzept? „Wir haben Oskar, unseren Quoten-Mann!“, pariert Sonja. In der Tat: Die liebenswerte Handpuppe taucht gelegentlich in der Show auf. „Salut Salon funktioniert, weil wir alle einen ähnlichen Humor haben“, sagt Iris. „Mit Männern wäre es ein anderes Konzept, und gemischte Ensembles gibt es genug, das reizt uns nicht.“

 

Bei Brahms & Co. ausflippen
Ich beobachte die vier: Elegant, eloquent, smart. Angelika möchte am liebsten von sich weisen, dass sie im Quartett die erste Geige spielt. Aber das tut sie nun mal. Schon als dreijährige Göre verblüfft sie die Eltern mit dem Wunsch, Geige spielen zu lernen, und macht als Wunderkind von sich reden. Sie gewinnt alle Wettbewerbe, erhält Begabtenförderung. Doch dann, als junge Erwachsene, der Schock: Die Solokarriere, auf die alles hinausläuft, ist nicht ihr Ding, macht sie einsam, engt sie ein. Angelikas Temperament fordert mehr. Sie studiert Germanistik und Philosophie, schließt mit einem Traktat über Logik ab, trampt um die Welt und gründet dann, der Logik des Umwegs folgend, im Jahr 2000 gemeinsam mit ihrer Busenfreundin Iris das Ensemble Salut Salon. Cello und Klavier komplettieren in wechselnden, aber immer weiblichen Besetzungen das Quartett. „Unser Ziel ist der Spaß an der Sache“, sagt Angelika. Inzwischen tritt Salut Salon weltweit auf, hat Fangemeinden von Südamerika bis Asien. Die Presse feiert das Ensemble als einen der „erfolgreichsten deutschen Kultur-Exporte“.

Wenn Salut Salon es schafft, dass selbst Schüler im Flegelalter bei Brahms & Co. vor Begeisterung ausflippen, dann erwächst daraus eine Verpflichtung, ja eine Mission. Die Damen fördern seit Jahren internationale musikpädagogische Projekte wie die Escuela Popular de Artes, eine Musikschule im Elendsviertel von Achupallas in Chile, die von Salut Salon ins Leben gerufen wurde. In Hamburg betreuen sie das Jugendorchester Die Coolen Streicher. Ihr neuestes Projekt heißt The Young ClassX, eine Initiative, die Jugendlichen im Großraum Hamburg Zugang zu musikalischer Ausbildung verschafft. Mit ihrem Konzept haben es die Frauen sogar geschafft, einen Großfinancier wie die Otto Group für das Projekt zu gewinnen.

 

Bis zum nächsten Lachanfall
Die Projekte folgen einem Prinzip, das verblüffend einfach ist: Es geht um das Erlebnis des gemeinsamen Musizierens. Deshalb hat Angelika – eine meisterhafte Arrangeurin – bekannte Stücke so bearbeitet, dass Anfänger mit Fortgeschrittenen zusammen spielen können. So ist es möglich, auch Einsteiger an der Aufführung einer großen Sinfonie teilhaben zu lassen, selbst wenn sie nur alle paar Takte eine leere Saite zupfen. Der Effekt ist groß, das Erfolgserlebnis nicht zu unterschätzen. „Wenn möglichst viele Kinder über die Musik einen Zugang zu sich selbst bekommen“, ist Angelika überzeugt, „dann macht das die Welt ein bisschen besser.“

Es scheint, als nehme die musikpädagogische Offensive die vier fast hauptamtlich in Anspruch. Doch bei Salut Salon geht es weiter mit einem neuen Programm. Und wie funktioniert die Zusammenarbeit? „Es ist ein demokratischer, aber sehr anstrengender Prozess“, gibt Sonja zu. Und plötzlich spüre ich das Ringen, das hinter all der Leichtigkeit steckt und ahne die Kollision der Temperamente. Zugleich bin ich gewiss, dass der Spaß am gemeinsamen Auftritt sie immer wieder in Einklang bringt. Oder der nächste Lachanfall.

 

RALF PLEGER, FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

Salut Salon auf Tour

Das neue Programm „Ein Haifisch im Aquarium“ startet am 7. Juli 2011 mit der Premiere im Hamburger Thalia Theater

TOURDATEN 2011

7.7.–23.7. Hamburg; 13.9. Lehrte; 17.9. Schweinfurt; 24.9. Hildesheim; 25.9. Lüneburg; 3.10. Frankfurt am Main; 7.10. Glauchau; 8.10. Eisenach; 9.10. Köln; 14.10.–15.10. Berlin; 22.10. Bamberg;
24.10. Dresden; 28.10. Brunsbüttel; 29.10. Elmshorn; 17.11. Dortmund; 19.11. Mainz; 24.11. Laupheim; 6.12. Essen; 8.12. Paderborn; 16.12.–17.12. Düsseldorf

(Auswahl)

Kategorien: Non classé