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DER DEUTSCHE MIT DER KRALLE

NDR/ Heidefilm

NDR/ Heidefilm

Es ist die Geschichte einer längst untergegangenen Welt. Doch sie hat Spuren hinterlassen. Mitten in Niedersachsen, im Steinbruch Obernkirchen bei Hannover, machten Paläontologen vor vier Jahren einen sensationellen Fund: Sie stießen auf hunderte Fußabdrücke von Dinosauriern. Nun ist es gelungen, die Puzzleteile zu einem Bild zusammenzufügen. Das Ergebnis: Die Rekonstruktion eines Troodontiden, eines gefiederten Raubsauriers, der als Vorfahre des Vogels gilt. Das ARTE Magazin sprach mit der Paläontologin Annette Richter darüber, wie sie den Urzeitechsen auf die Spur kam und welche neuen Erkenntnisse die steinernen Zeugnisse für die Forschung mit sich bringen.

 

 

ARTE: Frau Richter, wie sind Sie auf die Fährten der Dinosaurier gestoßen?

ANNETTE RICHTER: Es war wie im Film. Wir wussten, dass man konservierte Spuren in Steinbrüchen finden kann, sie sind unsere Fenster in die Vergangenheit. An jenem Abend war ich mit einer Kollegin im Steinbruch Obernkirchen. Wir guckten zum Boden und sahen plötzlich, dass der Regen den Dreck von ein paar Fußabdrücken weggewaschen hatte. Und wir entdeckten immer mehr Spuren von verschiedenen Saurierarten – so viele Fährten an einem Ort sind ganz ungewöhnlich.

ARTE: Warum haben gerade an diesem Ort so viele Dinosaurier ihre Spuren hinterlassen?

ANNETTE RICHTER: Wahrscheinlich sind sie auf der Suche nach Nahrung immer wieder durch das Gebiet gelaufen. Vor 140 Millionen Jahren war das eine Gezeitenebene, Hannover lag am Meer, und vor der Küste gab es Inseln. Die Saurier sind wohl zwischen Festland und Inseln gependelt, die Pflanzenfresser vorneweg, die Raubsaurier hinterher.

ARTE: Welche Erkenntnisse konnte Ihr Forscherteam aus dem Fund ableiten?

ANNETTE RICHTER: Wir wissen jetzt, dass auch Niedersachsen ein Zentrum der Evolution von Raubsauriern war. Vorher hatte sich die Forschung stets auf Asien konzentriert. Der absolute Höhepunkt unserer Funde sind Fährten von Sichelklauensauriern, den Troodontiden. Solche Spuren hat man sonst nirgendwo auf der Welt gefunden. Die Troodontiden stehen in der Evolution vom Saurier zum Vogel etwa in der Mitte.

ARTE: Ist Norddeutschland also die Wiege der Vögel, und nicht China, wie bislang angenommen?

ANNETTE RICHTER: Das ist schwer zu sagen. In China hat man Skelette sowohl von weit entwickelten Sauriern als auch von primitiven Vögeln gefunden. In Norddeutschland dagegen haben wir bislang nur Spuren von gefiederten Sauriern, aber noch keine eindeutigen Vogelfossilien gefunden. Aber Niedersachsen ist noch nicht aus dem Rennen!

ARTE: Was haben Ihnen die Fährten über die Sichelklauensaurier verraten?

ANNETTE RICHTER: Zum Beispiel, dass sie nur auf zwei Zehen gelaufen sind. Am dritten Zeh hatten die Saurier eine riesige Klaue. Die wurde offensichtlich beim Laufen hochgeklappt, damit sie sich nicht abnutzt.

ARTE: Was bringen der Forschung solche Details?

ANNETTE RICHTER: Wir wollen die Biologie der Saurier insgesamt verstehen – und mit Klischees aufräumen. Im Film Jurassic Park machen ähnliche Raubsaurier dauernd „klick, klick, klick“ mit ihren Klauen auf dem Boden. Heute wissen wir, dass sie das gar nicht konnten und vor allem nie getan hätten, weil die Klaue viel zu kostbar war. Wofür die Saurier diese genutzt haben könnten, darüber gibt es viele Hypothesen: Vielleicht sind sie damit an Bäumen hochgeklettert oder an ihren Beutetieren, vielleicht haben sie ihren Opfern damit die Halsschlagader aufgeschlitzt.
ARTE: Sie haben aber keine Skelette von Troodontiden gefunden. Warum nicht?

ANNETTE RICHTER: Für die Konservierung von Ske-letten eignet sich der Sandstein in Obernkirchen nicht, er ist sauer und greift Knochen an. Wir hoffen jetzt aber, am Langenberg im Nordharz Fossilien zu finden. Zähne von größeren Raubsauriern haben wir schon entdeckt. Jetzt lauern wir natürlich darauf, dass dort Skelette von Verwandten oder direkten Vorfahren der Saurier aus Obernkirchen zum Vorschein kommen.

ARTE: Wissen Sie also noch gar nicht, wie diese Tiere genau ausgesehen haben?

ANNETTE RICHTER: Wir haben schon eine ganz gute Vorstellung, da haben uns die Fossilien aus China sehr geholfen. In Peking haben wir ein Privatmuseum besucht, das hunderte von Dinoskeletten besitzt. Zwei Gruppen passen zu den von uns entdeckten Fußabdrücken, sie sind nur wesentlich kleiner, als unsere Saurier gewesen sein müssen.

ARTE: Was sagen Ihnen Fossilien, was Ihnen die Spuren nicht sagen?

ANNETTE RICHTER: Vor allem zeigen sie Proportionen. Zwar kann man aus versteinerten Fährten schon sehr viel schließen – Schrittlänge, Hüftbreite und so weiter –, aber wie lang die Beine wirklich waren, kann man natürlich am Skelett besser sehen. Und welche Beute der Dinosaurier gejagt hat, lässt sich am besten an den Zähnen ablesen.

ARTE: Nun läuft bei ARTE der Film „Dinosaurier – Spurensuche in der Urzeit“, der zeigt, wie Grafiker die Saurier animieren. Wie war das, als Sie Ihren Forschungsgegenstand in Aktion gesehen haben?

ANNETTE RICHTER: Ganz ehrlich: klasse! Das ist doch genau das, was wir wollen: das ganze Tier in Bewegung. Dabei spielt die Biomechanik eine ganz besonders wichtige Rolle. Deshalb sind unsere Fährten so wertvoll. Ein Skelett im Museum bringt da wenig, das steht meist in einer ziemlich statischen Haltung herum: Vorderbeine gerade, Hinterbeine gerade, Blick geradeaus. Im Grunde wollen wir doch diese unvorstellbar alten Urtiere wieder zum Leben erwecken.

ARTE: Hat sich Ihr Bild von den Sauriern durch die Animationstechnik verändert?

ANNETTE RICHTER: Und wie! Zum Beispiel haben wir verstanden, dass die Raubsaurier gebückt liefen, Schwanz und Rücken in einer geraden Linie. Und die Vorderklauen trugen sie nicht wie Hasenpfötchen, sondern in einer Art Gebetshaltung, die Handinnenflächen zueinander gerichtet.

ARTE: Von welchem Fund träumen Sie noch?

ANNETTE RICHTER: Natürlich von einem Troodontiden-Fossil, das genau zu unseren Fährten passt. Aber ich würde auch gern die anderen Dinosaurier finden, die in Obernkirchen ihre Spuren hinterlassen haben: Pflanzenfresser, aber vor allem die Fleischfresser. Die liebe ich am meisten, diese großen Tiere mit den furchterregenden Zähnen. In den meisten Paläontologen steckt noch immer das Kind, das wissen möchte, wie sie tatsächlich ausgesehen haben – ich bin da keine Ausnahme.

ARTE: Warum faszinieren Dinos Kinder so sehr?

ANNETTE RICHTER: Ein Dinosaurier ist etwas richtig Gefährliches, mit dem sich Kinder verbünden und dem sie oft Spitznamen geben. Es ist aber auch eine Art letzte Instanz: groß, gräuslich und durch nichts zu bezwingen.

 

STEFANIE SCHRAMM FÜR DAS MAGAZIN

ARTE PLUS

Zwischen Saurier und Vogel

 

Im Verwandtschaftsgrad von Saurier und Vogel kommt der Archaeopteryx dem heutigen Vogel am nächsten. Das taubengroße Tier, das vor ca. 150 Mio. Jahren lebte, vereinte Merkmale von Reptilien und Vögeln: Sie wiesen sowohl Federn als auch Zähne auf. Früher als „Urvogel“ bezeichnet, gilt er heute als Mini-Dinosaurier

Die Troodontiden, deren Spuren nun gefunden wurden, waren kleine Raubsaurier, die bereits Federn trugen. Sie lebten vor 160 bis 65 Mio. Jahren. Von allen Nicht-Vogel-Sauriern hatten sie im Verhältnis zur Körpermasse das größte Hirn. Sie sind artverwandt mit den Dromaeosauriden, deren Vertreter Velociraptor im Film „Jurassic Parc“ einen gruseligen Auftritt hatte

 

 

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